VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Teilen ist das neue Haben" lautete bei der letzten Bundestagswahl eine Parole, die an Berliner Laternenmasten ein neues Paradigma des post-materialistischen Konsums verkünden wollte - auf den Wahlkampfplakaten der Piratenpartei.

So war eine Idee zur politischen Propaganda geronnen, die schon seit einiger Zeit dem wirtschaftlichen Status quo auf die Pelle rückt, und das in Berlin vielleicht noch mehr als anderswo in der Republik: Nutzen statt besitzen. Leihen statt kaufen. Weitere Schlagwörter, die den neuen Trend zur gemeinsamen Nutzung beschreiben, sind: Ko-Konsum. Partizipative Ökonomie. Offene Kollaboration. Oder, charmant auf Französisch formuliert: OuiShare. "Oui", französisch für "Ja". Und "Share" für Teilen. Es ist eine Art Kommunismus - ohne kommunistisches Manifest.

Car-Sharing, Couch-Surfing

"Ja, wir teilen unser Zeug" ist das Motto von OuiShare, einer Initiative, die in Frankreich entstanden ist, um die Aktivitäten zu bündeln, die es sich zum Ziel gemacht haben, die Ressourcen von wenigen mit anderen zu teilen. In dieser Woche findet in Berlin das erste deutsche Treffen der Oui-Share-Teiler statt. Was ursprünglich als internes Meeting gedacht war, ist in Berlin zu einer veritablen Kombination von Workshop, Konferenz und Event geworden.

"Wir sehen im Ko-Konsum soziale und ökologische Vorteile", sagt Thomas Dönnebrink, 45, einer der Organisatoren der Veranstaltungsreihe. "Diese Form der Ökonomie kann zu Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft führen." Als Beispiel nennt er das Car-Sharing, das gerade in Berlin immer beliebter wird und für eine wachsende Zahl von Menschen den Besitz eines Autos überflüssig macht. Beim "Couchsurfing" können finanzschwache Reisende sich bei Leuten einquartieren, bei denen sie im Gegenzug später auch einmal wohnen können. Und in Maker- oder Hackerspaces findet man die kostspieligen Werkzeuge, die man sich selbst nicht für eine einzige Reparatur oder für ein Werkprojekt anschaffen möchte. Die Berliner Konferenz soll Geschäftsmodelle, die so funktionieren, bekannter machen und das dahinter stehende Prinzip bewerben.

Die Propagandisten des Ko-Konsums erwähnen immer wieder gerne als Beispiel die Bohrmaschine, die zwar in vielen Haushalten zu finden ist, aber nur selten benutzt wird: Wäre es nicht ökonomischer, wenn man sich das Gerät nur dann kurz für eine kleine Gebühr ausleihen würde, wenn man tatsächlich einen Küchenschrank aufzuhängen hat? In den USA gibt es bereits eine Kette namens "TechShops", in der man - ähnlich wie im Copyshop - das Handwerkszeug mieten kann, das man nur ein Mal kurz braucht.

Lieber loslegen

Die Berliner "Sharing Week" ist dabei so organisiert wie die Ko-Konsum-Bewegung insgesamt funktionieren will: Dönnebrink - selbst ein ehemaliger Lehrer - arbeitet derzeit hauptberuflich an der Gestaltung der Konferenz mit, verdient damit aber erst mal fast kein Geld. Für die gesamte Organisation gibt es kein Büro, stattdessen koordinieren sich die Macher über das Internet. Natürlich hätte man zum Beispiel den Senat um Unterstützung bitten können - in einer Stadt, die sich selbst irgendwann mal als "arm, aber sexy" betrachtet hat, könnte die Sharing-Ökonomie schließlich ein interessantes Modell sein. "Aber ich lege lieber los, als Anträge zu schreiben, die dann vielleicht abgelehnt werden", sagt Dönnebrink.

"Einfach mal machen" ist daher seine Devise. "Wer das unterstützen will, meldet sich dann vielleicht von selbst." Denn die ganze Ko-Konsum-Bewegung sei eine "Do-cracy", erklärt der ehemalige Lehrer: "Wer mehr tut, hat auch mehr Einfluss", sagt er.

Gleichzeitig hat man schon eine Reihe von Partnern gefunden, die die Veranstaltungen unterstützen: So wird beispielsweise in Zusammenarbeit mit der IHK im Ludwig-Erhard-Haus über die Zukunft des Crowd-Fundings informiert - als Rednerin konnte unter anderen Brigitte Zypries, die parlamentarische Staatssekretärin des Wirtschaftsministeriums, gewonnen werden. Und am Sonntag gibt es eine Messe mit Ko-Konsum-Unternehmen, an der unter anderem Unternehmen wie Car2go und Nachbarschaftsauto teilnehmen.

Der Eintritt zu all diesen Veranstaltungen ist übrigens meist umsonst. Nur in einigen Fällen wird eine geringe Teilnehmergebühr für die Konferenzmaterialien erhoben - auch wenn es nicht schadet, sich so schnell wie möglich auf der - selbstverständlich kollaborativen und mit Social-Media-Tools gestalteten - Website anzumelden.

Sharing Week Berlin, bis 8. Juni.

Mehr Informationen, Orte und Programm unter: http://ouisharesummitberlin.strikingly.com

COUCHSURFING.

DE Mäßig komisch, doch gut veranschaulicht: Couchsurfing bedeutet zumeist das wechselnde Übernachten auf den Sofas fremder Menschen.

BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMAN Im Prinzessinnengarten: Thomas Dönnebrink.