Ein Erhöhen der Schlagzahl

So viele Fernsehserien, so wenig Zeit: Nach dem Binge Watching kommt Speed Watching

Von Tilman Baumgärtel

Rückwirkend betrachtet klingt die Bezeichnung „Couch Potato“ eigentlich gar nicht so schlecht. Sie ruft Vorstellungen auf von einer monadenhaften Existenzform, die es sich auf der Couch vor der Glotze mit einer Schüssel Kartoffelchips (potato!) dauerhaft bequem gemacht hat. Die TV-Serien guckt, in denen die Protagonisten selbst auch regelmäßig lange Lebensperioden auf der Couch lungernd verbringen („Alf“, „Garfield“, „Die Simpsons“, „Cosby Family“) und wegen denen man wegen physischer Untätigkeit selbst irgendwann die Körperform einer Kartoffel annimmt.

Die Zeiten sind vorbei. Serienkonsum ist in einer Zeit erhöhter Anforderung an die Aufnahmebereitschaft zu einer Art Leistungssport geworden. Denn es gibt so viel zu sehen. Der Tag hat halt nur 24 Stunden. Aber bei Netflix gibt es so viele Fernsehserien. Bei Amazon noch mehr. Bei Youtube gibt es auch ganz viele Videos, nicht alle von ihnen von Katzen oder Schminktipps für Teenagerinnen. Und – Moment, ich muss kurz Luft holen – dann sind da noch die Mediatheken der deutschen Fernsehsender. Nicht zu vergessen die DVDs, die – aus einem lange vergangenen Medienzeitalter übrig geblieben – noch neben den Fernseher stehen und „weggeguckt“ werden wollen. Wer soll sich das alles ansehen? Und vor allen Dingen: wann?

Zeitmangel ist das Statussymbol unserer Zeit – so leicht es auch zu erreichen ist. Zumal wenn man nebenbei noch die Schattenexistenz eines „richtigen Lebens“ führt, in dem man arbeiten, die Wäsche machen und einkaufen gehen muss. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf einen „Lifehack“ verfallen würde, der es einem leichter macht, mit den überbordenden Unterhaltungsmöglichkeiten Schritt zu halten: Man guckt Videos, Filme und Fernsehserien einfach schneller. Auf das „Binge Watching“ folgt „Speed Watching“.

Für diejenigen, die gerade erst eingeschaltet haben: der Terminus „Binge Watching“ leitet sich vom „Binge Drinking“ ab, also vom Quartalssuff. Man guckt Serien so wie der Trunkenbold, der – wenn er erst einmal mit dem Picheln begonnen hat – nicht mehr aufhören kann, bis die letzte Flasche auf den Grund geleert ist. Dito bei Fernsehserien: Eine normale Staffel einer HBO-Serie hat dreizehn Folgen, die knapp eine Stunde lang sind. Wer also eine „Season“ der „Sopranos“ an einem Tag gucken will und um zehn Uhr morgens anfängt, ist um 11 Uhr nachts fertig, wenn er diszipliniert guckt und keine Pausen zum Essen, Trinken oder ausgedehnte Toilette einlegt.

Ganz offensichtlich ist da im Rahmen der neoliberalen Optimierung aller Lebensbereiche noch Luft drin! Bei Videos nennt man es „Speed Watching“, „das Ansehen von Filmen oder Fernsehsendungen, indem man sie entweder vorspult oder beschleunigt“, wie das Urban Dictionary im Internet diese Praxis definiert. Es mag noch kein Mega-Trend sein. Aber im Internet werden schon Tipps getauscht, wie man eine Staffel „Game of Thrones“ oder das langatmige Youtube-Video-Rezept schneller bewältigt: einfach die Geschwindigkeit hochfahren.

Bei Videosoftware wie dem beliebten VLC-Player, aber auch bei YouTube ist es leicht, die Sichtungsgeschwindigkeit zu verdoppeln. Dank neuer Fortschritte in der digitalen Wiedergabetechnik zischen die Bilder an einem vorbei, ohne dass der Klang auf Helium-Frequenzen hochgepitcht wird. Na gut, die Dialoge sind deutlich beschleunigt, da muss man halt besser aufpassen. Aber der Zeitgewinn bei einer Stunde Videomaterial auf doppelter Geschwindigkeit ist 50 Prozent. Was man mit der neugewonnen Lebenszeit alles anstellen kann! (Zum Beispiel noch mehr Fernsehserien gucken!) Wer sein Bier im Gehen zu trinken oder mit der Hilfe von Tinder die Balzzeit zu verkürzen gelernt hat, wird das als echten Fortschritt schätzen.

Und seinen Wahrnehmungsapparat auch schnell auf die angestiegenen Anforderungen umstellen können: „Wenn man ein paar Minuten mit höherer Geschwindigkeit geguckt hat, sollte man es nochmal mit der normalen Geschwindigkeit versuchen. Es wird einem unglaublich langsam vorkommen, weil sich das Gehirn schon an den schnelleren Input gewöhnt hat“, freut sich der Blogger Peteris Krumins, der im Netz Tipps fürs Hochgeschwindigkeitsglotzen gibt. Und im Internet-Magazin The Next Web heißt es: „Die Zeit, die man durch erhöhte Playback-Geschwindigkeit spart, kann im Lauf eines ganzen Tages wirklich etwas ausmachen.“ Für eine Existenzform, die vor allem aus dem Gucken von Online-Video besteht, ist das also Grund zur Hoffnung.

In der digitalen Kultur hat das Erhöhen der Schlagzahl schon öfter neue Kulturformen hervorgebracht: In den 90er Jahren entstanden aus dem Hochdrehen der Geschwindigkeit neue Musikgenres wie Jungle, Drum & Bass oder Speed Garage, wenn zur Erhöhung der Reizdichte alte Reggae- oder Hip Hop-Beats auf doppelte BPM-Werte beschleunigt wurden. Doch hier waren es die Produzenten, die durch eine Art Audio-Tuning historische Musikstile zu neuen Ausdrucksformen hochfrisierten. Beim „Speed Watching“ geht es dagegen um eine Beschleunigung des Konsums.

Wer würde da nicht an die dunkelsten Anmerkungen Adornos über die Kulturindustrie denken, nach denen Kulturkonsum selbst zu einer Form der Arbeit geworden ist. Amüsement wird im Spätkapitalismus zur „Verlängerung der Arbeit“, heißt es in der „Dialektik der Aufklärung“; in der „Konsumption der Kulturwaren“ bildet man den Arbeitsvorgang nach, statt sich von ihm in der scheinbar autonomen Sphäre der Kultur zu erholen. So wie der Vorarbeiter das Fließband schneller laufen lassen kann oder ein Algorithmus den Fahrradkurieren von Foodora oder Deliveroo beim Ausliefern von Pizza und Burgern Beine macht, so gehorcht man auch beim Speed Viewing dem Effizienzdiktat unserer Tage.

Zehn Prozent der deutschen Bevölkerung sollen inzwischen im Fitness-Studio dem Anachronismus eines Leibs hinterher hechelt, der gesteigerten körperlichen Leistungsanforderungen genügt. Die kommen freilich nie, weil sowieso alle nur noch vor dem Computer sitzen. Der Speedviewer hingegen trainiert seine Sinne für die wahren Herausforderungen der Gegenwart: Wer eine Stunde „Orange is the new Black“ in 30 Minuten schafft, wäre bestimmt auch kein schlechter Pilot von Kampfdronen, der von der Flugbasis Rammstein aus mit der Hilfe von unbemannte Flugkörper in Afghanistan Terrorverdächtige zerbombt.

Oder auch sonst ein höchst effizienter „Symbolanalytiker“ – und sind wir das inzwischen nicht alle? Bei kulturindustriell durchgetakteten Produkten wie „Big Bang Theory“ oder „How I met your mother“ hat man die ideale Rezeptionsform möglicherweise sowieso erst dann erreicht, wenn man um 50 Prozent schneller lacht, als die Echtzeit-Version der Serie es vorgibt.

„Die Felder der Geschwindigkeitsexzesse sind von Opfern dieses Gefechts übersät“, schrieb einst der französische Philosoph Paul Virilio, der mit der Dromologie aus der Analyse der Geschwindigkeit gleich eine ganze philosophische Schule schaffen wollte. Bei Virilio waren es die Weltkriege und die Medien, die durch Übertaktung zur Lähmung unserer Seelen führen würde. Das Unterhaltungskino ist dieser Devise gefolgt. Der amerikanische Filmhistoriker David Bordwell hat bei amerikanischen Spielfilmen die Länge der einzelnen Szenen gemessen: Waren in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Einstellungen in Hollywood-Filmen je nach Regisseur zum Teil noch 30 Sekunden lang. Heute wird nicht nur in amerikanischen Blockbustern, sondern selbst im Tatort jede Szene weniger als zwei Sekunden gehalten.

Speed Reading

Zukunft: noch schneller, Lav Diaz,

Quantified Self. Und irgendwann gibt es dann eine App, die einem die Arbeit, Fernsehserien im

Man muss aufpassen, dass man angesichts dieses Phänomens nicht in einen breiigen Kulturpessimismus a la Byung-Chul Han verfällt, was nicht einfach ist, aber möglicherweise etwas zu bequem. Trotzdem versuch ich´s mal: Die Zeit, in der Kultur – seien es Fernsehserien, sei es Musik, sei es „Citizen Kane“ - eine Mangelware war, für deren Erwerb man sein Taschengeld sparen musste, sind dank der Digitalisierung offenbar für immer vorbei. Mit einem Abo bei Spotify und einem bei Netflix hat man Zugang zu einem Schatz an „Inhalten“, der einem für etwa 20 Euro pro Monat von der Wiege bis zur Bahre beschäftigt hält. Wer kein Geld ausgeben möchte, auf denen warten bei Youtube

Darum muss man den Speed Watchern zumindestens zugestehen, dass sie es versuchen: angesichts von totaler Übersättigung neugierig zu bleiben, wenigstens zu versuchen, irgendwie wahrzunehmen, was los ist und was im Angebot ist.

würde. Das Unterhaltungskino ist dieser Devise gefolgt.

Der Filmhistoriker David Bordwell hat bei amerikanischen Spielfilmen die Länge der einzelnen Szenen gemessen: In den Vierziger Jahren waren die Einstellungen in Hollywood-Filmen je nach Regisseur zum Teil durchschnittlich noch 30 Sekunden lang, etwa bei „Citizen Kane“. Heute wird nicht nur in amerikanischen Blockbustern, sondern selbst im Tatort eine Szene oft weniger als zwei Sekunden gehalten.

Speed Reading

Zukunft: noch schneller, Lav Diaz,

Quantified Self. Und irgendwann gibt es dann eine App, die einem die Arbeit, Fernsehserien im

Man muss aufpassen, dass man angesichts dieses Phänomens nicht in einen breiigen Kulturpessimismus a la Byung-Chul Han verfällt, was nicht einfach ist, aber möglicherweise etwas zu bequem. Trotzdem versuch ich´s mal: Die Zeit, in der Kultur – seien es Fernsehserien, sei es Musik, sei es „Citizen Kane“ - eine Mangelware war, für deren Erwerb man sein Taschengeld sparen musste, sind dank der Digitalisierung offenbar für immer vorbei. Mit einem Abo bei Spotify und einem bei Netflix hat man Zugang zu einem Schatz an „Inhalten“, der einem für etwa 20 Euro pro Monat von der Wiege bis zur Bahre beschäftigt hält. Wer kein Geld ausgeben möchte, auf denen warten bei Youtube

Darum muss man den Speed Watchern zumindestens zugestehen, dass sie es versuchen: angesichts von totaler Übersättigung neugierig zu bleiben, wenigstens zu versuchen, irgendwie wahrzunehmen, was los ist und was im Angebot ist.