Es ist immer wieder erstaunlich, welche Dinge die Menschen wirklich aufregen. Da schickt sich die NATO an, Serbien zu bombardieren, während zugleich die weltweite Finanzarchitektur bedrohliche Sprünge aufweist. Das aber scheint die 850 Mitglieder der Mailinglist Nettime kaum hinter dem Ofen hervorzulocken. Die Mitglieder dieser Liste, die sich selbst als eine Art unbezwingbares gallisches Dorf der kritischen Netzreflexion darstellt, während rundum nur das Imperium des bösen kommerzialisierten Internet's lauert, sind nun auf den Barrikaden, weil ihre Liste von einigen unzufriedenen Mitgliedern gekapert wurde, indem einfach eine zweite Liste mit dem Namen nettime.free installiert wurde, auf der sich nun alle unfreiwillig subskribiert finden. Zahlreiche pro und contra (überwiegend contra) Messages rauschen seither über die Liste, so dass sich schon fast das Gefühl einstellt, die Kaperung wäre ein besonders geschickter PR-Trick. Denn Diskussion hatte es zuletzt auf nettime kaum mehr gegeben, es wurden überwiegend wohlabgehangene, längere Essays publiziert. Nun scheint die Debattierfreude wie in den "guten alten Tagen" zurückgekehrt. Einer der Diskutierer (Patrice Riemens) immerhin hat den Humor nicht verloren, indem er die Verdoppelung nettimes mit einem Zitat von General de Gaulle über das geteilte Deutschland verglich: "Ich liebe dieses Land so sehr, daß ich froh bin, daß es zwei davon gibt." Doch genug der redaktionellen Anmerkungen. Die zweigeteilte nettime-Welt wartet nun auf klärende Worte aus berufenem Munde. Telepolis-Korrespondent Tilman Baumgärtel sprach mit Geert Lovink aus der zentralen nettime-Kommmandatur in Amsterdam.
Am Montag ist die nettime-Liste "gehackt" worden. Seither bekommen die über 850 Nettime-Subskribenten Post von einer neuen Liste namens "nettime.free". Kannst du dir vorstellen, wer dahinter steckt?
Geert Lovink: Das ist Paul Garrin, er sollte es langsam zugeben. Das Ganze hat mit der Krise von seinem Projekt "name.space" zu tun, das nicht vorankommt.
Wie ist er an die nettime-Emailadressen gekommen?
Geert Lovink: Das ist ganz einfach, man nimmt einfach den Befehl 'who nettime-l', den man an das Mailinglist Majordomo schickt und setzt das Ganze in die eigene gefälschte "nettime.free mailinglist" ein.
Gibt es Pläne, sich dagegen zu wehren?
Geert Lovink: Nein, wir werden das friedlich lösen. Wir haben schon seit fast einem Jahr den Plan, eine unmoderierte Liste mit dem Titel 'nettime bold' zu machen. Das ist bloß deswegen noch nicht passiert, weil es Probleme bei "desk.nl" und bei "the thing" gab, die eigentlich als Host von Nettime auftreten wollten, das dann aber doch nicht gemacht haben...
Was sagst Du zu den konkreten Vorwürfen, die in der ersten Mail formuliert werden? Daß auf nettime zensiert wird und das Ganze nur noch als Karrierevehikel dient?
Geert Lovink: Das ist schon in Ordnung. Moderation bedeutet halt nun mal weniger Spam und auch eine gewisse Auswahl. Ich war sowieso immer für zwei Listen, einfach weil die Nettime Community in der Frage, ob es Moderation geben soll und wieviel Traffic erträglich ist, immer zweigeteilt war. Meiner Ansicht nach ist das keine Zensur. Was ich interessant finde, ist die Frage nach der "Textualität" von net.art und ob Ascii-Terror auch Teil des Diskurses ist. Aber es geht eben auch darum, wieviel Listen-Traffic zumutbar ist.