Das Silicon Valley steht zwar auf keiner Karte, und doch hat jeder schon einmal davon gehört, als wäre es ein richtiger Ort. Besucher berichten enttäuscht von der gesichtlosen Vorstadtgegend, in der sich Firmen wie Apple, Netscape und Yahoo angesiedelt haben. Doch in unserem kollektiven Unterbewusstsein ist der ortlose Ort fest verankert: als das digitale Mekka ,in dem 25jährige Multi-Millionäre mit roten Sportwagen zu ihren ehemaligen Garagenfirmen fahren, wo inzwischen Hunderte von Angestellten arbeiten und sich Computerhacker mit Bankern treffen, um Risikokapital für ihre Netzprojekte zu beschaffen.
Wenn man Po Bronsons neuem Buch "The Nudist on the late shift" glauben darf, dann ist das Silicon Valley in den USA heute das, was Hollywood vor dem Zweiten Weltkrieg war: ein gelobtes Land, in dem unglaubliche Blitzkarrieren möglich sind und in dem man in kürzester Zeit reich und in Maßen auch berühmt werden kann. Junge Menschen aus dem ganzen Land strömen in die Gegend zwischen Palo Alto, San Mercury und San Francisco, um am digitalen Goldrausch teilzuhaben.
In Los Angeles hat jeder ein Drehbuch geschrieben, stellt Bronson in seinem Buch an einer Stelle amüsiert fest, in Silicon Valley hat jeder eine Geschäftsidee. Bronsons Buch gibt einen Eindruck davon, was passiert, wenn jemand aus einer Idee ein Geschäft machen will.
Der Autor, der durch seine Reportagen für "Wired" und den Roman "The first 20 Millions are always the hardest" - der ebenfalls im Silicon Valley angesiedelt ist - bekannt geworden ist, hat sich eine Reihe von exemplarischen Karrieren vorgenommen, um dem gesichtslosen Valley ein menschliches Antlitz zu geben. Dazu gehören unter anderem Sabeer Bhatia, der durch den Gratis-Email-Dienst "Hotmail" über Nacht zum Multimillionär geworden ist, und auch Yahoo-Begründer David Filo hat einen Gastauftritt. Aber Bronson interessiert sich vor allem für die Leute, die man nicht aus den Reportagen über die wirtschaftlichen Erfolge von Start-Up-Firmen kennt.
Er begleitet den Geschäftsführer eines Unternehmens, das an die Börse will, erst zum Rhethorik-Trainer und dann auf der zweimonatige Tournee durch die USA, bei der er seine Firma vorstellt. Er fährt mit einem Vertreter mit, der ein Datenbank-Programm an Firmen verkauft. Er sitzt bei den Verhandlungen, die eine Minifirma, die Online-Kartenspiele programmiert hat, mit den Managern der Suchmaschine Snap führt - und bei der natürlich während der Präsentation der Rechner abstürzt.
Man merkt, dass Bronson viel Zeit in den Firmen und mit den Individuen zugebracht hat, die er portraitiert. Auch wenn seine Schilderungen zum Teil unter einem amerikanischen Hang zum Dramatisieren und Personalisieren leiden, gelingen ihm immer wieder genaue, lebendige Darstellungen, die auch auf die Fehlschläge und die "bad career moves" seiner Protagonisten eingehen.
Durch seine Schilderungen entsteht ein anschauliches Bild der seltsamen Subkultur, aus der der dynamischste Wirtschaftszweig der USA erwachsen ist. Da ist der Bastler, der die Entwicklung einer sensationellen neuen Tastatur mit dem Anbau von Marihuana finanziert. Der Juniorunternehmer, der mit großen Plänen ins Silicon Valley kommt und zuletzt nicht mal mehr seine Telefonrechnung bezahlen kann. Oder der französische Programmierer, der zwar eine erfolgreiche Softwarefirma aufbaut, aber sich mit Nährstoffpulver ernährt und keinen einzigen Freund hat.
Den "Nudisten auf der Spätschicht", der dem Buch den Titel gegeben hat, gibt es übrigens tatsächlich. Nach zweijähriger Recherche hat Bronson den Mann gefunden, über den sich die Einwohner von Silicon Valley Geschichten erzählten, als wäre er eine Märchenfigur: Ein Programmierer, der nachts alleine nackt in seinem Büro saß. Bronson: "Mir hat diese Geschichte als Bild gefallen, weil viele Leute Technologie als kalte, sterile Welt fürchten, und für ihn war es der Garten Eden."
Po Bronson: The nudist on the late shift And other tales of Silicon Valley, Seker & Warburg, London 1999, 248 Seiten, 10 Pfund.