Prototyp und EinzelstückZur Ausstellung „Critical Consumption“ im MAK, Wien

Da ist zum Beispiel das „Kubo Magno“ Radio von dem indonesischen Designer Singgih Susilo Kartono, das auf Java zu Fairtrade-Bedingungen hergestellt wird, gebaut aus lokalem Palisanderholz, welches das Unternehmen regelmäßig nachpflanzt. Gleichzeitig führt Kartono so die Holzschnitz-Tradition fort, die für diesen Teil Indonesiens typisch sind. Gleich daneben zeigt das „Tin Can Radio“ wie man auch mit primitivsten Mitteln (nämlich aus einer Konservendose, Pappe, Klebestreifen und ein paar Elektronikbauteilen) ein funktionstüchtiges Billigradio bauen kann – in großen Teilen der Welt immer noch die wichtigste Informationsquelle.

Das Programm „Slow Hot Computer“ von Sam Lavigne strapaziert den Computer, auf dem die Software installiert ist, so sehr, dass der Rechner nicht nur heiß läuft, sondern auch so langsam wird, dass man an ihm praktisch nicht mehr arbeiten kann – eine unfreiwillige Zwangspause für Überproduktive. Der Berliner Künstler Aram Bartholl hat aus metallischem Abschirmfliess eine Tasche fürs Smartphone genäht, die als Faradayscher Käfig das Funksignal blockiert und so verhindert, dass Bewegungsprofile seines Nutzer erstellt werden.

Alle diese Exponate sind zur Zeit in der materialreichen Ausstellung „Critical Consumption“ im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) zu sehen, wo sie als Beispiele dafür herhalten, wie der Verbraucher die Kontrolle über seinen Konsum und seine Produkte behalten kann, und welche Selbstverteidigungsmethoden gegen Unternehmensstrategien, Überkonsum und Ex-und-Hopp-Metalität möglich sind.

Im Mittelpunkt steht dabei die Modeindustrie, wo durch Zalando at al eine besonders problematische Verschwendungssucht um sich gegriffen hat. Als Alternative zeigt das Ghanaische Kollektive „Dead White Men´s Clothes“, was für fantasievolle Kleidung man aus europäischen Kleiderspenden in Afrika macht; Tenant of Culture aus den Niederlanden hat die omnipräsenten Versandtaschen von Amazon und Co zu Basecaps verarbeitet. Hier wird aber auch schon das Problem mit den meisten dieser Projekte deutlich, bei denen Design die Welt retten soll: Es dominiert das Handgemachte, der Prototyp und das Einzelstück; Produkte, die erfolgreich im großen Stil in Serie gegangen sind, gibt es kaum; die Möglichkeit der Konsumverweigerung wird nicht einmal erwogen.

Eine Lücke in der Ausstellung illustriert die Problematik besonders klar: Es fehlt der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel, der 2010 mit seinen „Hartz-IV-Möbeln“ eins der erfolgreichsten DIY-Projekte der letzten Jahre lancierte. Die Entwürfe, nach denen man aus billigen Baumarktmaterialien und ohne große handwerkliche Fähigkeiten eine komplette Wohnungseinrichtung bauen konnte, wurden über ein Blog und in einem gut verkauften Buch vertrieben; über sie wurde breit in der Presse berichtet, und sie wurden bei Ausstellungen und Messen gezeigt. Über die frühen sozialen Medien gelang es Le-Mentzel, eine Community aufzubauen, die Bilder von ihren Eigenbauten teilten und sich gegenseitig Tipps gaben. Motto der gesamten Kollektion: „Konstruieren statt Konsumieren“, also ein Slogan, der für viele Exponate in „Critical Consumption“ gelten könnte.

Gut ein Jahrzehnt später erinnern sich offenbar nicht einmal die Kuratoren einer Ausstellung über „kritischen Konsum“ an diese exzeptionelle Arbeit. Und wir wissen, dass die „Hartz-IV-Möbeln“ nicht revolutioniert haben, wie sich Leute mit wenig Geld einrichten. Die leben immer noch in billigem Plastik- und Pressholz-Murks von Ikea oder Poco, der nach ein paar Jahren auf dem Bürgersteig entsorgt wird, wenn die Farbe ausgebleicht ist oder die Verschraubungen irreparable aus dem Pressholz ausgebrochen sind.

So lange sich die gesetzlich Rahmenbedingungen und das Bewusstsein der Käufer nicht grundlegend ändern, kann Design wenig ausrichten, so clever und gut gemeint es daher kommt, auch so könnte die Bilanz der Ausstellung aussehen. Da die Öffentlichkeit offenbar trotz ausbeuterischer Sweatshops in der Dritten Welt, Klimawandel und globaler Umweltverschmutzung allenfalls minimale Veränderungen ihrer Lebensgewohnheiten zu akzeptieren bereit ist und ansonsten immer mehr Fast Fashion bei Shein und sonstigen Schrott bei Temu kauft, wirken die gestalterischen Alternativen, die die Ausstellung zeigt, lediglich wie ein weiteres Konsumangebot unter vielen. Trotz dieser bitteren Erkenntnis, oder vielleicht gerade deswegen, ist sie uneingeschränkt sehenswert. Bis zum 8. September 2024 im Museum für angewandte Kunst, Wien.

Tilman Baumgärtel