NETZWERK / DAS BUCH ZUM THEMA

VON TILMAN BAUMGÄRTEL

In nur zehn Jahren hat sich die Liste der fünf erfolgreichsten Unternehmen der Welt fast vollkommen verändert. 2006 waren die Unternehmen mit der höchsten Börsenbewertung Microsoft, Exxon Mobil, General Electric, Citigroup und Shell. 2016 war von diesen Unternehmen nur Microsoft auf der Liste verblieben. Neu hinzugekommen waren Apple, Alphabet (die Muttergesellschaft von Google), Amazon und Facebook - also fünf Unternehmen aus der Technologiewirtschaft.

Vergleich mit dem 19. Jahrhundert

Eine weitere Gemeinsamkeit der Unternehmen: Bis auf Apple sind sie in ihrem jeweiligen Geschäftsfeld Quasi-Monopolisten. Google bearbeitet in den USA mehr als 60 Prozent aller Suchanfragen, in Deutschland sind es sogar mehr als 90 Prozent. Amazon ist in Europa und Nordamerika der führende Online-Versand. Facebook hat 900 Millionen aktive Nutzer und ist (zusammen mit seinen Tochterunternehmen Instagram, WhatsApp und Messenger) für 77 Prozent des mobilen Datenverkehrs in den USA verantwortlich.

Der amerikanische Autor Jonathan Taplin hat darum im April 2017 in einem Kommentar für die New York Times, der im Netz im großen Stil geliked, retweetet und kommentiert wurde, eine provokante Forderung aufgestellt: Google solle verstaatlicht werden. In seinem nun erschienen Buch "Move Fast and Break Things" erklärt er detaillierter, warum die Marktdominanz dieser Unternehmen zum Nachteil der Verbraucher ist und durch staatliche Eingriffe eingeschränkt werden muss.

Taplin vergleicht die ökonomische Situation der Gegenwart mit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als die Trusts von John D. Rockefeller und J. P. Morgan die amerikanische Wirtschaft dominierten und die marktwirtschaftliche Konkurrenz beeinträchtigten. 1890 verabschiedete der US-Kongress darum den Sherman Act, ein Gesetz gegen wirtschaftliche Monopole, mit dem Firmen wie Standard Oil, American Tobacco oder später IBM entflochten wurden.

Heute, so argumentiert Taplin, würden viele Silicon-Valley-Firmen ihre Marktmacht ausnutzen, um Preise zu drücken oder die Konkurrenz zu behindern. Amazon versucht zum Beispiel, Verlagen ungünstige Bedingungen für den Vertrieb ihrer E-Books aufzuzwingen, (ironischerweise erscheint Taplins Buch in einem Verlag der Hachette-Gruppe, dem genau das passiert ist: Als Hachette sich 2014 nicht auf die Preisvorstellungen von Amazon einlassen wollte, lieferte der Online-Händler deren Bücher teilweise nur mit großer Verzögerung aus.).

Google lockt seine User in ein umfangreiches Ökosystem von Suchmaschine, Email-Konto und anderen Diensten. Die Daten, die das Unternehmen so erhält, nutzt es, um den Markt für Online-Werbung zu beherrschen. Und Facebook, Google und Youtube, eine Google-Tochter, erzielten ihre Gewinne teilweise mit dem geistigen Eigentum Dritter - man denke nur an die vielen Musik-, Film- und Fernsehclips bei Youtube oder an die Büchereien, deren Bestände Google für sein Books-Projekt gescannt hat.

Diese Praxis bringt Taplin besonders auf, denn als Manager von Bob Dylan und The Band, später als Produzent von Martin Scorsese und Wim Wenders wirkte er selbst an der Produktion von Kulturgut mit. Als er 1996 einen frühen Streaming-Dienst gründete, erwarb er brav Lizenzen für die Filme, die dort zu sehen waren. Den Gründern von Youtube sollte von Anfang an klar gewesen sein, dass bei ihrem Dienst urheberrechtlich geschütztes Material hochgeladen werden würde. Trotzdem machte das Unternehmen zunächst keine Anstalten, die Schöpfer dieser Werke zu entlohnen. In Deutschland ließ man sich sieben Jahre Zeit, bis man sich mit der Gema auf ein Vergütungsmodell einigte.

Schlagkräftige Rechtsabteilung

Diese Vorgehensweise ist bei großen Internet-Firmen immer wieder zu beobachten: Erstmal Tatsachen schaffen, etwaige Klagen dann mit einer schlagkräftigen Rechtsabteilung abschmettern oder wenigstens lange hinauszögern. Taplins Empfehlung: Ein Unternehmen wie Google, das inzwischen ein natürliches Monopol habe, sollte zerschlagen und von einer Aufsichtsbehörde kontrolliert werden. Die solle darauf achten, dass das Unternehmen einen Prozentsatz seiner märchenhaften Gewinne in die Forschung steckt. Deren Ergebnisse sollten dann kein Geschäftsgeheimnis sein, mit dem das Unternehmen neue Projekte starten kann, sondern der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. So sei man beispielsweise 1956 bei einem Monopolverfahren gegen AT& T vorgegangen. Auf die amerikanische Regierung von heute setzt er dabei keine großen Hoffnungen - wohl aber auf die Europäische Kommission.

Tilman Baumgärtel ist Professor für

Medienwissenschaften in Mainz.

--- BILDUNTERSCHRIFTEN / ZUSATZANGABEN ---

Bildunterschrift: Jonathan Taplin: Move Fast and Break Things Hachette-Group, 9,99 Euro.