VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Die Erinnerung ist seit Jean Paul das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann. Darum ist es schön, dass Wulf Herzogenrath nun zum zweiten Mal in kurzer Zeit den Rest der Welt an seinen Erinnerungen teilhaben lässt. Material aus seinem Privatarchiv, das er 2018 der Akademie der Künste überlassen hat, war damals kurz am Hanseatenweg zu sehen.

Jetzt ist es zusammen mit erlesenen Werken der Medien- und Videokunst erneut am Pariser Platz zu sehen. Man lässt sich gern in die Zeit mitnehmen, als der Kunstmarkt noch nicht in erster Linie Markt war, als verantwortungsbewusste Kuratoren über Dekaden neue Kunstrichtungen wie die Videokunst systematisch entwickelten und Künstler wie Nam June Paik im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftraten.

Der Kunsthistoriker und Kurator Wulf Herzogenrath hat sich als Leiter des Kölnischen Kunstvereins, als Videokurator der "Medien-Documenta" 1977, als Hauptkustos des Hamburger Bahnhofs und zuletzt auch als Chef der Bremer Kunsthalle um die Videokunst verdient gemacht. Dass er zur Vernissage bescheiden einräumt, dass die ihm gewidmete AdK-Präsentation eigentlich nur Lückenbüßer für eine ausgefallene Show war, sagt viel über ihn. Aber so haben wir auf jeden Fall jetzt in Berlin für einen guten Monat eine Präsentation aus Herzogenraths Vorlass, die die Wege der Videokunst aus einer persönlich involvierten Perspektive.

Kanonische Werke

Immer war Herzogenrath ein fairer "arbiter of taste", der nichts ausschloss, der sich aber für das, von dem er überzeugt war, ins Zeug legte. Die Künstler dankten es ihm. Ausgangspunkt der Ausstellung sind darum seine Gästebücher. Im ersten Raum stehen auf Sockeln Monitore mit längst kanonischen Videowerken. Wer die Schubladen unter den Bildschirmen aufzieht, findet persönliche Widmungen der vertretenen Künstler - eine elegante Präsentationsidee.

Danach folgt Paik, Paik, Paik ... Herzogenraths Engagement für den südkoreanischen Erfinder der Videokunst spiegelt sich auch in der Vielzahl der Arbeiten, die nicht zum längst bekannten Werk von Nam June Paik gehören, aber gerade darum ein neues Licht auf scheinbar Etabliertes werfen: Ein entzückender Video-Baum statt dem "TV Garden", eine Variation des "TV Buddha" mit einer Totenmaske Paiks als Gegenüber, und - vollkommen verblüffend - eine Wandarbeit, die Illustriertenporträts von Marilyn Monroe kombiniert.

Ach so, und wer schon immer einmal ein Interpret der Werke von John Cage sein wollte, kann in einer Nebenkammer der Schau auf sechs Plattenspielern LPs aus der Sammlung des Komponisten auflegen. Sein Werk "3:33" ist offenbar direkt aus dessen Nachlass nach Berlin gewandert - man muss nur die richtigen Verbindungen haben. Zu den vorgelegten Platten gehört auch eine Scheibe mit bayrischer Volksmusik, die man hier "in the mix" lustvoll zerkratzen kann.

Die Ausstellung "Magic Media - Media Magic" ist eine Kombination aus Curator'sNnotebook und Videokunst-Retrospektive, Wunderkammer und Public Viewing. Wer den Kopf hinter der Auswahl kennenlernen will, besucht die ausgewiesene Führung durch Wulf Herzogenrath ganz persönlich.

Akademie der Künste am Pariser Platz, bis 13. Oktober, täglich 10 - 20 Uhr, Führungen mit dem Sammler am 29.9., 15 Uhr, Gespräche am 24.9. und 13.10. jeweils 19 Uhr

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Bildunterschrift: Herzogenrath-Erinnerungs-Video: Paik bei Biolek, 1984 WDR/E. NAM JUNE PAIK/ROSENSTIEL