Lee Mingwei im Gropius-Bau

In den letzten Monaten wurden viele Ausstellungen wegen Corona verschoben, geschlossen und wiedereröffnet oder ganz abgesagt. Aber nur wenige Ausstellungen dürften durch die Einschränkungen, die die Pandemie mit sich gebracht hat, so gelitten haben wie „Geschenke und Rituale“ des taiwanesischen Künstlers Lee Mingwei im Berliner Gropius-Bau.

Denn dessen Kunst handelt von Begegnung und Kommunikation; er selbst hat über seine Werke gesagt, dass es ihm darum ginge, „intime Akte zwischen Fremden“ zu ermöglichen. Und wenn durch Corona etwas besonders suspekt oder gefährlich geworden ist, dann genau das: das Verlangen, zwischen Fremden Nähe herzustellen. Während der durch Corona möglicherweise ausgelöste Geburten- oder Neuverpartnerungsrückgang wohl erst mit einem gewissen historischen Abstand statistisch nachweisbar sein wird, ist die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau unfreiwillig zum aktuellen Lackmus-Test dafür geworden, wie weit die Menschen bereit sind, sich aufeinander einzulassen.

Wenn zum Beispiel in der Arbeit „The Sleeping Project“ (seit 2000) zwei Fremde eine Nacht im selben Zimmer verbringen, hätte man bis vor wenigen Monaten wohl höchstens die Gefahr durch Schnarchen und allgemeine Peinlichkeit oder im allerschlimmsten Fall sexuelle Belästigung gesehen. Nun fürchtet man sich zu Recht vor Aerosolen, Schmierinfektionen und tödlichem Lungenversagen. Auch bei der Berliner Ausstellung sollten per Losverfahren zufällige Bettgenossen bestimmt werden, was aber wegen Corona abgesagt werden musste. So stehen die Betten, die für die Aktion bereits installiert worden waren, etwas dekorartig in den hohen Hallen des wilhelminischen Prachtbaus herum. Statt einer gelebten Erfahrung zu sein verweisen sie nun auf etwas, das nicht stattgefunden hat. Das wirkt dann etwas traurig.

Auch das „Dinner Project“ (seit 1997) konnte nicht in der geplanten Form stattfinden. Eigentlich werden auch hier Besucher ausgelost, die mit Lee Mingwei Tee trinken und Gebäck essen, dessen Rezepte sie vorher miteinander ausgetauscht haben. Dieses Treffen wurde, wie es in der Ausstellung heißt, „in den virtuellen Raum“ verlegt; genauer gesagt und ebenfalls traurigerweise, sitzen sich die Gesprächspartner nun beim Teetrinken per Zoom gegenüber.

Gleichzeitig hat eine in einem Fall die Corona-Situation auch dazu beigetragen, dass Arbeiten für die aktuelle Situation weiter entwickelt wurde: aus „Sonic Blossom“ (seit 2013), bei dem ein Opernsänger einem ausgewählten Besucher ein Schubert-Lied vorsingt, ist nun „Invitation for Dawn“ (2020) geworden, wo sich Sänger und Angesungener im Internet treffen. Die ursprüngliche Arbeit wird allerdings inzwischen auch wieder in der Ausstellung gezeigt; der Sänger steht allerdings hinter einer Plexiglasscheibe und darf auch den Mantel nicht anziehen, der eigentlich Teil der Performance ist.

In der Beschreibung mögen die Arbeiten von Lee Mingwei manchmal naiv oder schlicht wirken. Tatsächlich entfalten sie erst in der Ausführung ihre Zugkraft. Wenn man liest, dass sich Lee Mingwei für „The Tourist“ (seit 2001) von Bekannten durch ihre Lieblingsgegenden führen lässt und dann die Fotos, die beide geschossen haben, nebeneinander als Projektion zeigen, mag das zunächst gewöhnlich erscheinen. Aber wenn man dann sieht, wohin Dude vom Visitors Center in Jakarta den Künstler mitgenommen hat, entwickelt die Arbeit eine unerwartete Faszination.

Die Immersion in die Kunst, die bei den Berliner Festspielen – zu denen auch der Gropius-Bau gehört – unter den Intendanz von Thomas Obereder ein Leitmotiv geworden ist, war in bei Arbeiten in früheren Ausstellungen wie „Welt ohne Außen“ oft eher behauptet als tatsächlich zwingend erfahrbar. Oder sie wurde mit brachialen, medialen Mitteln erzwungen, die dem Betrachter keine Alternative dazu ließen, als sich von der Kunstpräsentation überfahren zu lassen. Der von Gropius-Chefin Stephanie Rosenthal kuratierte Ausstellung gelingt es, mit Lee Mingweis leiser, unaufdringlichen Art auf viel effektivere Weise, den Zuschauer in dessen eigene Welt mitzunehmen. Dort lässt sich viel Zeit verbringen, „Geschenke und Rituale“ ist darum eine Ausstellung, die man möglichst mehrfach besuchen sollte.

Offensichtliche Berührungspunkte hat die Arbeit von Lee Mingwei mit den Künstlern, die in den 90er Jahren unter dem Begriff der „Relational Aesthetics“ geführt wurden und die im Gropius-Bau zuletzt durch die Einzelausstellung von Philippe Parreno vertreten waren. In beiden Fällen wird vom Betrachter ein „aktives Betrachten“, oft sogar direkte Teilnahme an der Kunstproduktion erwartet. Aber während sich die Kunst der „Relational Aesthetics“ immer stark durch ihren Bezug auf die Kunstszene definierte, spürt man bei der Arbeit von Lee Mingwei immer ein echtes Interesse am ganz normalen Mitmenschen, das zu gleichen Teilen von Respekt und Neugier geprägt ist. (Man vergleiche beispielsweise die Gelage, die Rirkrit Tiravanija für Galeristen, Künstler und Anhang veranstaltete, mit der Teezermonie für zufällig ausgewählte Ausstellungsbesucher.)

Der Austausch zwischen Fremden, den Lee Mingwei ermöglichen will, ist geprägt von Großzügigkeit und Vertrauen. Das verleiht seiner Kunst etwas fundamental Zivilisiertes. Jetzt, wo nach kollektiver Quarantäne das große Hauen und Stechen langsam wieder losgeht, liefert diese Ausstellung auch einen Kompass für das eigene Verhalten in einer Zeit, in der offenbar viele das Ausrasten nachzuholen scheinen, das sie während des Lockdowns aufgeschoben hatten.

Lee Mingwei: 禮 Li, Geschenke und Rituale. Bis zum 12. Juli 2020 im Martin-Gropius-Bau, Berlin. Am 5. Juli findet die Performance „Guernica in Sand“ statt, die allerdings bereits ausverkauft ist.