Kann man digitale Kunst verkaufen? Künstlern und Galeristen versucht es mit verschiedenen Methoden und ungewissem Ausgang
Von Tilman Baumgärtel
Ein Freitagabend im Institut für Alles Mögliche in Berlin-Mitte. In dem kleinen, unabhängigen Kunstraum findet zum dritten Mal die “USB-Shuffle-Show” statt. Ein gutes Dutzend Besucher sitzt um zwei Beamer und steckt Flashdrives, die Künstler aus der ganzen Welt eingesendet haben, in die USB-Ports vor sich. Wie bei einem Überraschungsei ist den Mini-Festplatten nicht anzusehen, was sich auf ihnen verbirgt – auch wenn einige der Künstler ihre Sticks liebevoll gestaltet haben. Man entdeckt auf ihnen digitale Videos und Animationen, Websites, selbstgeschriebene Texte oder Programme. Die meisten Arbeiten sind her keine Meisterwerke für die Ewigkeit, aber einen Abend lang ist das ein ein Heidenspaß. Wenn einem etwas besonders gefällt, kann man es auf den eigenen Datenträger speichern und mit nach hause nehmen.
Die Ausstellung, die der Berliner Künstler Stefan Riebel organisiert, erinnert an die Potlatch-Rituale der amerikanischen Indianer an der nordwestlichen Pazifikküste. Bei diesen Festen versuchten die Teilnehmer, sich durch immer wertvollere Geschenke zu übertreffen. Die Künstler, die einen USB-Stick nach Berlin geschickt haben, tun dies nicht, um damit Geld zu verdienen oder eine prestigeträchtige Ausstellungsbeteiligung in ihren Lebenslauf schreiben zu können. Sie tun es, um sich selbst und den Besuchern der Ausstellung eine Freude zu bereiten. So ist die “USB-Shuffle-Show” auch Feier einer genuinen Eigenschaft digitaler Kunst: dass sie unendlich kopierbar ist und mit jedem Computerbesitzer geteilt werden kann.
Durch diese Form der Geschenkökonomie unterscheidet sich die digitale von der traditionellen Kunst. Die Rekordpreise, die auf dem Kunstmarkt in den letzten Jahren erzielt wurden, basieren auf Verknappung. Selbst ein Hochgeschwindigkeitsmaler wie Andy Warhol, der seine Bilder mit quasi-industriellen Methoden wie am Fließband schuf, konnte nicht so viele Werke produzieren, um den Markt zu sättigen; entsprechend teuer sind heute seine Bilder. Wer als Künstler mit digitalen Medien oder gar im Internet arbeitet, kann es machen wie die Teilnehmer an der “USB-Shuffle-Show”: sich darüber freuen, dass man seine Arbeiten so unkompliziert verbreiten kann und sein Geld anderswo verdienen. Oder er findet sich in einem ähnlichen Dilemma wieder wie die Musik- und die Filmindustrie: Er arbeitet für ein Publikum, das sich fragt, warum man für etwas bezahlen soll, das man sich auch herunterladen kann.
Einige Kilometer vom Institut für Alles Mögliche entfernt, aber immer noch in Berlin-Mitte, versucht man genau das zu ändern: Seit 2003 führt Wolf Lieser das Digital Art Museum (DAM) – trotz des Namens eigentlich eine Verkaufsgalerie, die ausschließlich digitale Kunst anbietet. Hier sieht es so aus, wie es in einer richtigen Galerie eben aussieht: Große Räume mit weißen Wänden, hoheb Decken und auf einem Brett neben der Eingangstür säuberlich gestapelte Einladungskarten. Allerdings muss die Kunst hier oft erst angeschaltet werden, wenn ein Besucher die Galerie betritt. Dann huscht die Galerieassistentin durch die Galerie, stöpselt Stecker in Steckdosen, lässt Rechner hochfahren und knipst Monitore oder an die Wand gedübelte Smartphones an. Auf Nachfrage gibt es Preislisten in Klarsichthüllen, auf denen neben den Titeln verkaufter Arbeiten kleine rote Punkte kleben.
Bei der Entwicklung eines Markts für digitale Kunst hat Galeriebesitzer Lieser in den ersten Jahren Aufbauarbeit leisten müssen: “Am Anfang habe ich weniger verdient als eine Kassiererin bei Aldi.” Zunächst waren es vor allem Drucke von digital erzeugten Bildern, die Käufer fanden. Künstler wie Vera Molnár und Manfred Mohr, die bereits in den 50er und 60er Jahren die damals üblichen Mainframe-Computer so programmierten, das sie mit Plotterdruckern Zeichnungen anfertigten, haben mittlerweile feste Sammler und erzielen ordentliche Preise.
Doch Computerprogramme selbst als Kunst anzubieten ist erst in den letzten Jahren möglich geworden. Inzwischen sind etwa fünfzig Prozent der Arbeiten, die Lieser verkauft, digital: Software, Quellcode, Websites. Viele der Käufer sammeln ansonsten traditionelle Kunst. Und auch internationale Kunstinstitutionen beginnen, sich für digitale Kunst zu interessieren. Lieser hat schon Werke an die Victoria und Albert Gallery in London und ans Centre Pompidou in Paris verkauft. Deutsche Museen hätten hingegen noch kein Interesse gezeigt, sagt der Galerist: “Hierzulande ist man bei neuen Entwicklungen immer sehr vorsichtig.”
Casey Reas gehört zu den erfolgreichsten Künstlern in Liesers Stall: Der Amerikaner schreibt Programme, die immer neue Bildkompositionen erzeugen, die man sich auf einem Computermonitor anzeigen lassen kann. Kostenpunkt: um die 9000 Euro. Wer eine Arbeit kauft, erhält ein kleines Kästchen, welches das Programm auf einer CD enthält, außerdem einen Ausdruck des Quellcodes, signierte Ausdrucke und ein Zertifikat, das die Echtheit des Werks bestätigt. Jede Arbeit ist ein Unikat und wird nur einmal verkauft. Sollte die Arbeit aus technischen Gründen irgendwann nicht mehr funktionieren, verpflichtet sich der Künstler, sie zu restaurieren, sprich: das Programm so umzuschreiben, dass es auch auf neuer Hardware mit aktuellem Betriebssystem läuft.
Der junge deutsche Künstler Kim Asendorf hat ein Kunst-Programm geschrieben, das die Pixel von digitalen Fotografien umsortierte. Im Augenblick bietet er die Resultate dieses Prozess´ als Drucke an. Möglich sei aber auch ein Verkauf eines Monitors, das den Prozess zeigt. Wie bei einer Schokoladenskulptur von Dieter Roth, die langsam unter Glas vergammelt, könnte man dann zusehen, wie das Bild sich peu a peu in neue Strukturen auflöst. “Aber bei vielen meiner Arbeiten macht es kein Sinn, sie zu verkaufen”, sagt Asendorf, der auch schon eine Computerschrift als Kunstwerk geschaffen hat. Die kann sich jeder von seiner Website herunterladen. Bei seiner Internet-Arbeit “GIFmarket.net” ist der Verkauf selbst Inhalt des Werks. Jeder Kauf einer GIF-Animation treibt automatisch den Gesamtpreis des Werks in die Höhe.
Während sich für Software-Arbeiten langsam ein Markt entwickelt, stehen Galerien der Kunst, die für das Internet gemacht wird, immer noch eher ratlos gegenüber. Der Versuch, Websites zu verkaufen, ist zwar fast so alt wie die Netzkunst selbst: Schon 1998 bot die Künstlerin Olia Lialina eine Reihe von Web-Arbeiten von sich selbst und befreundeten Künstlern in einer Online-Galerie an. Doch trotz höchst moderater Preise weit unter tausend Dollar wurde der Russin, die an der Merz-Akademie in Stuttgart unterrichtet, zunächst nur eine einzige Arbeit abgenommen. Inzwischen hat sie eine Reihe von Internet-Werken an private Sammler und an Museen verkauft, und bietet nun eine Version ihrer bekanntesten Arbeit “My Boyfriend came back from the War” für 50.000 Euro an.
Billiger kommen einen die Werke des holländischen Künstlers Rafaël Rozendaal. 6000 Dollar kostet eine der mehr als 130 digitalen Animationen, die er in den letzten Jahren geschaffen hat. Jede hat eine eigene Internet-Domain. Mit dem Käufer schließt Rozendaal einen Vertrag ab, der diesem die Domain samt Website überträgt, ihn allerdings auch verpflichtet, die Arbeit im Internet zugänglich zu halten. Dafür erscheint der Name des Besitzers im Browsertab.
Rozendaal, der inzwischen auch Wandarbeiten und Skulpturen produziert, lebt nicht allein von den Einkünften aus dem Verkauf seiner Internet-Arbeiten: “Aber zusammen mit dem, was ich mit anderen Arbeiten und durch Ausstellungsteilnahmen verdiene, kann ich ganz gut davon leben”, sagt der 34jährige, der in New York wohnt. Damit ist er als Netzkünstler in einer relativ komfortablen Situation. “Ein Galerist hat mal gesagt, dass der Kunstmarkt Platz für 100 Freaks hat, die nicht mit Gemälden ihr Geld verdienen”, sagt er. “Und im Augenblick bin ich wohl einer davon.”
“Die Kunst muss sich mit dem beschäftigen können, was in den Netzwerken stattfindet”, glaubt Annette Doms, Gründerin der Münchner Kunstmesse Unpainted, auf der ausschließlich digitale Kunst angeboten wird. Das tun zum Beispiel die jungen Künstler, deren Arbeit unter dem Begriff “Post Internet Artist” läuft. Ihre Arbeiten sind zwar vom Internet inspiriert, nehmen aber die Form von ausstellbaren Bildern oder Skulpturen an. Nachwuchskünstler wie Cory Arcangle, Aleksandra Domanović, Jon Rafman oder Petra Cortright werden derzeit vom Kunstmarkt auf eine Weise hofiert, von der reine Netzkünstler nur träumen können.
Zu ihnen gehört auch der Berliner Künstler Aram Bartholl, der unter anderem Elemente aus Computerspielen im realen Raum nachbaut. Als Performance lief er mit Waffen aus “World of Warcraft” durch die Innenstadt oder installierte die sprechblasenförmigen orangen Marker aus den Google Maps im öffentlichen Raum. In der Pariser Xpo Gallery zeigte er 2013 seinen Vorschlag für verkäufliche Internet-Kunst: An den Wänden hing ein Dutzend Internet-Router, auf jedem war eine Arbeit installiert. Mit dem bloßen Auge zu sehen gab es nichts: Die Besucher mussten Laptop, Tablet oder Smartphone per Wi-Fi mit den Kistchen verbinden, um die auf dem Apparat vorgehaltenen Werke zu betrachten.
Für alle, denen das zu unsinnlich war, bot Bartholl bei seiner nächsten Ausstellung in Paris Smartwatches an, für deren Mini-Bildschirm befreundete Künstler eigenen Arbeiten geschaffen hatten. Vielleicht sieht so ja der Kompromiss zwischen digitalen Vervielfältigungsmöglichkeiten und Verkaufsinteressen des Kunstmarktes aus: digitale Edition, die man auf einem digitalen Gerät seiner Wahl in einer Art portablen Kunstsammlung mit sich herum tragen kann.
Digitale Kunst auf die Monitoren zu bringen, die einen sowieso den ganzen Tag umgeben, ist das Geschäftsmodell der Londoner Firma S-Edition. Für Preise zwischen fünf und 200 Euro kann man limitierte Editionen von digitale Videos erwerben, die man sich per App auf dem Computer, Tablet oder Smartphones ansehen kann. Das Unternehmen hat dafür Künstler wie Damien Hirst, Tracy Enim oder Wim Wenders gewinnen können. Viele von ihnen scheinen vor allen Dingen Zweitverwertung älterer Arbeiten zu betreiben: Von Bill Viola gibt es einen Ausschnitt aus einem seiner Videos, von Yoko Ono eine Clip von einer Performance, bei der sie eine Leinwand zerschneidet. Die Art, wie die Arbeiten angeboten werden, lässt gewisse Zweifel daran aufkommen, dass man hier Kunst um ihrer selbst willen erwirbt. Über die Arbeit “Mirrorball” von Nachwuchsstar Doug Foster – eine sich zu Techno-Musik drehende Disco-Kugel – heißt es auf der Website: “`Mirrorball´ kann bei einer Party ohne Ton auf jedem Fernseher gezeigt werden, um eine Tanzparty zu begleiten.”
Die Firmen Framed und Electric Objects arbeiten an eigenen Monitoren für digitale Kunst, die wie Bilderrahmen an der Wand hängen. Sie sollen von den Unternehmen mit speziell für die Bildschirme angefertigten Werken bespielt werden. Beide Firmen haben bei Kickstarter mehr als eine halbe Million Dollar eingesammelt, auf den Markt sind ihre Geräte aber noch nicht.