Werkzeug: Piraterie

Von Tilman Baumgärtel

Zwei Abmahnungen in einer Woche gehörten zu den Willkommensgrüßen, die mich nach neun Jahren in Asien – erst in den Philippinen, dann in Kambodscha – in Deutschland empfingen. Weil man zwei Filme von meinem Laptop über das BitTorrent-Netzwerk herunterladen konnte, verlangten zwei verschiedene Anwaltsbüro 800 und 1500 Euro von mir.

Dass das ausgerechnet mir passierte, war ebenso peinlich wie passend. Inspiriert durch den schwunghaften Handel mit Piraten-DVDs meiner beiden Gastländer hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt seit fast zehn Jahre mit dem Phänomen der Medienpiraterie beschäftigt, eine Konferenz veranstaltet und eine Reihe von Aufsätzen veröffentlicht. Und natürlich wusste ich, dass es in Deutschland Firmen gibt, die Jagd auf die IP-Adressen von Filesharern machen und Anwaltskanzleien, deren Geschäftsmodell darin besteht, Internet-Piraten abzumahnen.

Dass ich erwischt wurde, hatte einen einfachen Grund: Ich hatte schlicht vergessen, dass ein kleine Programm namens µTorrent automatisch Bits und Bytes der Film-Dateien von meiner Festplatte ins Internet pumpte, sobald mein Rechner mit diesem verbunden war. Ob das nach deutschen Recht wirklich illegal ist, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Doch die Film- und Musikindustrie hatte zu diesem Zeitpunkt schon viel Geld in die Strafverfolgung von P2P-Nutzern investiert, und die meisten, die beim Datentausch erwischt wurden, taten, was ich letztlich auch tat: Sie versuchten, die geforderten Abmahngebühr herunterzuhandeln, dabb unterschrieben sie eine Unterlassungserklärung und zahlten die vollkommen astronomischen Gebühren, um weiteren juristischen Ärger zu vermeiden.

Ich erzähle diese Geschichte aus zwei Gründen. Der erste hat mit der Rolle von Piraterie als Arbeitswerkzeug von Akademikern in den Ländern des “Globalen Südens” zu tun; der zweite betrifft den instrumentellen Charakter von digitaler Piraterie per se.

Beginnen wir mit dem ersten Grund: Sowohl den Philippinen wie Kambodscha ist nicht nur seit mehr als einem Jahrhundert der Zugang zum größten Teil des Weltkinos verwehrt– eine Tatsache, die mich als Medienwissenschaftler besonders betraf – sondern zu einem signifikanten Part des Weltwissens in Form von Literatur. In den Philippinen wie Kambodscha waren Filmklassiker wie Citizen Kane oder Außer Atem nie offiziell veröffentlicht worden, von den Arthouse-Filmen der Gegenwart ganz zu schweigen. Am Film Institute der University of the Philippines, an dem ich vier Jahre unterrichtete, gehörte es darum bis Ende der 1990er Jahre zum guten Ton unter Kollegen, die das Glück hatten, eine Auslandsreise machen zu können, alle Videofilme, die sie von dort mitbrachten, in unserem Department für den Gebrauch in der Lehre kopieren zu lassen.

So war mit der Zeit eine kleine, aber brauchbare Sammlung von Filmklassikern auf VHS zusammen gekommen, mit der man die Grundlage von Filmgeschichte und –theorie vermitteln konnte. Doch niemand konnte es meinen Kollegen verdenken, dass sie mit Begeisterung zugriffen, als ab Ende der 90er Jahre Piraten-DVDs und Filesharing-Dienste wie Napster nach und nach den Zugriff auf große Teile des internationalen Kinos erlaubten. Für sie war es schlicht eine Methode, zumindestens in diesem Bereich die wirtschaftliche wie kulturelle Asymetrie zwischen Erster und Dritter Welt aufzuheben.

Und es waren natürlich nicht nur Filme: Schon bevor die internationalen akademischen Verlage wie Routledge und Springer begannen, die Preise für Fachzeitschriften und –bücher in die inzwischen üblichen, schamlosen Höhen zu treiben, war der Großteil der englischsprachigen Literatur für Hochschulen wie die University of the Philippines schlicht zu teuer. Als Konsequenz daraus hatte der philippinische Diktator Marcos in den 1970er Jahren die “Asian Edition” erfunden – den Nachdruck von wichtigen US-Textbooks, ohne dafür Lizenzgebühren an die Verlage zu bezahlen. Diese Praxis belastete jahrelange das Verhältnis zwischen den USA und den Philippinen, und wurde nach Marcos´ Sturz beendet. Doch eine informelle Version der “Asian Edition” hat bis heute überlebt: Zu Semesterbeginn stapeln sich in den unzähligen kleinen Copyshops auf dem Campus die fotokopierten Versionen von Einführungen in die Chemie, die Humanmedizin oder die Literaturwissenschaft. Ohne diese Piraten-Textbooks wäre nicht nur in den Philippinen, sondern in vielen Ländern rund um den Globus schlichtweg keine akademische Ausbildung möglich.

Die Recherche über den instrumentellen Charakter von digitaler Piraterie führte aber letztlich auch dazu, dass ich begann, medienwissenschaftliche Grundpositionen zu überdenken, die ich mir in Deutschland angeeignet hatte – namentlich den “Medienmaterialismus” Friedrich Kittlers, der zu meinen wichtigsten intellektuellen Einflüssen gehörte, die Überzeugung, dass „Medien unsere Lage bestimmen“, wie Kittler 1986 in Grammophon, Film, Typewriter geschrieben hatte. Kittler konzentrierte sich auf die materiellen Technologien und Netzwerke zur Produktion, Verarbeitung, Verbreitung und Speicherung von Information. Kunst wurde zu Daten, Kultur der Effekt von Medientechnologien wie Schreibmaschine, Plattenspieler, und, zuletzt, dem Computer. Kittlers Ansatz ist darum als “Technik-Determinismus” bezeichnet worden, was – wie auch meine Darstellung seines Ansatzes hier – eine zu starke Vereinfachung ist. Aber zweifellos privilegierte er in seiner Analyse des Mediendiskurses Technik über Soziales, und das Spannungsverältnis zwischen Nutzern, Medientechnologien und sozio-politischen Systemen interessierten ihn kaum.

Kittlers Ansatz schien auf den ersten Blick ein geeignetes Instrumentarium für die Analyse von Internet-Piraterie zu bieten. Schließlich schien es kaum einen besseren Beweis für die Macht einer neuen Technologie zu geben als die Art und Weise, wie das Internet der Welt seine Regeln aufzwang, wie es die Art und Weise, wie wir Musik und Filme konsumieren, innerhalb eines Jahrzehnts komplett umformatierte. Daran konnte auch die juristische Variante des Jahrmarktspiels „Wack-a-mole“, das die Medienindustrie mit den verschiedenen Methoden und technischne Protokollen spielte, die zur illegalen Verbreitung ihrer Werke diente (Usenet, Downloads, Torrents, Sharehoster, Streaming), kaum etwas ändern. Die fundamentale Krise, in die das Netz vor allem die Musikindustrie am Ende des 20. Jahrhunderts stürzte, schien ein direktes Resultat des Funktionierens digitaler Reproduktions- und Distributionstechnologie zu sein, von Programmen wie zum Beispiel der Software µTorrent auf meinem Rechner. Musik, Filme, Software konnten ohne Qualitätsverlust unendlich vervielfältigt und rund um den Globus verbreitet werden. Und dann auf eine DVD gebrannt und für den Gegenwert eines Dollars an einer Straßenecke in Manila oder Phnom Penh verkauft werden. Die Verwüstungen, die das Internet in der Medienindustrie auslösten, erschienen als nicht zu widerlegender Beweis für Kittlers „medientechnischen Apriori.“

Aber Computern und Internet machten ihre Nutzer auch zu potentiellen Produzenten digitaler Medienkultur. Als technologisch ermächtigte “Prosumer” konnten sie sich die digitalisierten Werke anderer zu ihren eigenen machen, sie remixen, collagieren, neu montieren oder zu Mash-Ups verarbeiteten. Die Piraten waren nicht nur Kopisten, sondern auch Archivare, Kuratoren und Kommentatoren der Werke, die sie verbreiteten. Auf dem Schwarzmärkten in Manila fand ich eine liebevoll in Kunstleder gebundene Box mit 100 Oscar-gekrönten Filmen auf DVD und Kompilationen von allen Bruce-Lee-Filmen – samt extensivem Bonus-Material und Dokumentationen über den Action-Star – in selbst gestalteten Covern. Auch die Untertitel schienen von den Piraten zu stammen – zumindest ließen das die zahlreichen orthografischen und grammatikalischen Fehler vermuten. Waren das nicht Beispiele für die „transformative Autorenschaft“ , die für Autoren wie Lawrence Lessig das Kriterium ist, mit dem man illegale Piraterie und legitimen fair use unterscheiden konnte?

Blogger, die obskure Disco-Nummern aus ihrer LP-Sammlung digitalisierten und in langen Texten mit der Akribie von Altphilologen analysierten, waren ganz sicher Historiker dieser Musik – möglicherweise sogar die fanatischsten und am besten informierten. Oder waren sie Piraten, weil sie in ihren Blogs Links setzten zu MP3s dieser Stücke, welche bei Filehostern wie MegaUpload gespeichert waren? Auf jeden Fall waren diese Praktiken Beispiele für neue Formen des sozialen Gebrauchs von Medieninhalten durch ein ehemals zum passiven Konsum verdammten Massenpublikums.

Die hochgeloben neuen US-Serien wie The Wire, Lost oder die – zunächst nicht übermäßig erfolgreichen – Sopranos verdanken ihren globalen Erfolg auch einer internationalen Armee von Fans, die auf ihren Websites, in ihre Blogs oder in den sozialen Netzwerken jede neue Folge diskutierten und analysierten. Einige der enthusiastischsten Fans veröffentlichten Mitschnitte von neuen Episoden Minuten nach ihrer Ausstrahlung bei HBO im Internet. Dort wurden sie nicht nur oft von Millionen von Usern in der ganzen Welt heruntergeladen, sondern zum Teil von eingeschworenen Teams in wenigen Stunden in ihren Landessprachen untertitelt.

Zu dieser Selbstermächtung der Konsumenten hatte Kittler wenig zu sagen. Hier schienen die Methoden der Birmingham School – namentlich von John Fiske mit seiner Betonung des aktiven Aspekts von Medienrezeption – wesentlich produktiver. Ich begann, in meinen Seminaren auch die Bücher seines Anhängers Henry Jenkins zu lesen, in denen er die Rolle von Fans, Bloggern und anderen „Prosumenten“ bei der Rezeption, Umcodierung und Neuinterpretation von Medien untersucht. Die die Fans, die Medien in ihre privaten Spielplatz verwandelten, waren für ihn semiotische Wilderer (textual poachers), die eine neue Epoche partizipatorischer Kultur einläuteten. Die kreative Aneigung von Medieninhalten ist für ihn eins der wichtigsten Elemente einer media literacy für das 21. Jahrhundert. Ausdrücklich bezog er sich dabei auf das Konzept des “Cultural Jamming“ (der subversiven Umarbeitung von existierenden Medienbotschaften) , das Mark Dery in seinem gleichnamigen, folgenreichen Essay entwickelt hatte.

Aus dieser Perspektive betrachtet erscheinen die Auswirkungen von Piraterie nicht mehr als die logische Konsequenz des schieren Funktionierens einer neuen Technologie. Piraterie konnte eine Bedingung für neue Formen von Kreativität sein. Eine Einladung zur freien Rede. Ein Akt des Widerstands. Der Beginn eines Gesprächs über geistiges Eigentum – den „Erdöl des 21. Jahrhunderts“, wie es der amerikanische Unternehmer Mark Getty es genannt hat – unter den neuen Konditionen, die durch das Internet entstanden waren. Piraterie handelt vom Zugang zu Wissen und Information und von den Grundlagen von Kulturproduktion und Autorenschaft. Sie war Teil von etwas, das ich an anderer Stelle „Globalisierung von unten“ genannt habe.

Und darum ist Internet-Piraterie auch so ein dankbares Thema für die Medienwissenschaft: Sie ist ein besonders prononcierter Gebrauch eines Sets von technischen Möglichkeiten, die dem Internet scheinbar inhärent sind und deren sozialer Gebrauch nach genauerer Untersuchung verlangt. Trotz einer Reihe von Neuerscheinungen in den vergangenen Jahren – die meisten von ihnen aus dem anglo-amerikanischen Raum, so gut wie keine aus Deutschland – ist dieses Phänomen nach wie vor ein wenig untersuchtes Thema der Medienwissenschaft.

Die sozialen Praktiken, die sich aus dieser technische Option ergaben, zeigen, dass die technischen Eigenschaften digitaler Medien keine Naturgesetze sind und dass wir die von einer Technoogie suggerierten Nutzungsweisen keineswegs einfach akzeptieren müssen. Auch wenn die derzeitige Dominanz von Internet-Unternehmen wie Google und Facebook oder die Überwachung des Netzes durch NSA oder BND einen manchmal an den eigenen Einflussmöglichkeiten zweifeln lassen: Es liegt an uns, zu entscheiden, welche der Möglichkeiten, die das Internet technisch bietet, wir zum Teil unseres Lebens werden lassen.

In diesem Sinne waren sogar die beiden Abmahnungen, die mich letztlich 1000 Euro gekostet haben, wertvolle Lektionen über die jederzeit gegebene Gelegenheit, dem scheinbar unaufhaltbaren Walten von Technologie etwas entgegenzusetzen. Ich habe dieses Geld als Recherchekosten verbucht – so unerfreulich und mißbräuchlich sie aus rein juristischer Perspektive auch gewesen sein mögen.

Dieser Text ist ein Remix des Nachworts des von mir herausgegebenen Buchs „Pirate Essays. A Reader on International Media Piracy“, das gerade bei Amsterdam University Press erschienen ist.