Eine Ausstellung im Musikinstrumenten-Museum Berlin erzählt die Geschichte der elektronischen Musik mit historischen Instrumenten

Von Tilman Baumgärtel

Am Anfang war das Theremin. Sein Erfinder, der Russe Lev Termen, wollte zwar eigentlich eine Alarmanlage mit Bewegungssensor entwickeln. Stattdessen entstand eins der merkwürdigsten Musikinstrumente aller Zeiten: ein Holzkasten, aus dem zwei Antennen ragen. Dem Instrument kann man Töne entlocken, wenn man mit beiden Händen um die Metallstangen herum fuchtelt. Das Theremin, 1920 erfunden, ist gilt heute als erstes elektronisches Instrument. Der Klang, der an eine singende Säge erinnert, ist unter anderem in dem Song „Good Vibrations“ von dem Beach Boys zu hören.

„Good Vibrations“ heißt auch die aktuelle Sonderausstellung des Berliner Musikinstrumenten-Museum, die sich mit der Geschichte der elektronischen Musik beschäftigt. Und da ist das Theremin – inzwischen auch in einer digitalen Version erhältlich – das erste Exponat, auf das der Besucher stößt, wenn er die elegant gewundene Treppe zur Empore in dem von Hans Scharoun entworfenen Museum hinaufsteigt.

Diese Treppe dürften in den nächsten Wochen viele Synthesizer-Nerds, aber wahrscheinlich auch Familien mit Kinder und Schulklassen hinaufsteigen. Denn in der Ausstellungen stehen nicht nur jede Menge selten gezeigte elektronische Instrumente. Wem es beim Anblick der Geräte in den Fingern juckt, darf an einigen von ihnen auch selbst loslegen.

Die Ausstellung bringt etwas Gegenwart in das Musikinstrumenten-Museum, in dem die riesige Mighty Wurlitzer Kinoorgel von 1929 lange das aktuellste Exponat war. Für elektronische Instrumente hat man sich freilich auch bei anderen Musikmuseen lange kaum interessiert: das Siemens-Studio für elektronische Musik ist im Deutschen Museum in München zu besichtigen; das WDR-Studio, in dem in den 50er und 60er Jahren der Elektronik-Avantgardist Karlheinz Stockhausen Werke wie den „Gesang der Jünglinge“ komponierte, war schon auf dem Weg auf den Sperrmüll und konnte erst in letzter Minute gerettet werden. Nach Angaben des Museums ist „Good Vibrations“ die erste größere Ausstellung von elektronischen Instrumenten in Deutschland.

Die Eingeweihten finden hier Schätzchen wie einen Multi-track des kanadischen Komponisten Hugh Le Caine, der zum ersten Mal überhaupt öffentlich gezeigt wird. Oder den zigarrenkistengroßen Casio VL-1, der Anfang der 80er Jahre vom Hersteller als „erster Taschenrechner, mit dem man auch Musik machen kann“ vermarktet wurde. (Das tat unter anderem die deutsche Band Trio, deren Stück „Da da da“ auf einem einprogrammierten Beat des Geräts beruht.) Wie ein Geldautomat aus lange vergangenen Zeiten wirkt auf den ersten Blick der Fairlight CMI mit seinem monochrom grünen Bildschirm, einer der ersten digitalen Sampler, mit dem Bands wie Art of Noise oder ABC Anfang der 80er Jahre Musik aus aufgezeichneten Klängen machten.

Fans erschauern möglicherweise vor einem Moog-Synthesizer aus dem Besitz von Frank Zappa oder einem Synclavier, mit dem Klangeffekte für „Die Sendung mit der Maus“ entstanden. Viele Geräte würde man wahrscheinlich auf den ersten Blick gar nicht für Instrumente halten. Alten Modularsynthesizer hatten oft keine Tastatur, weil mit ihnen Klängen jenseits der normalen Tonleiter und mit neuen Klangfarben produziert werden sollten. Die originalen analogen Synthesizer aus den 60er und 70er Jahren sind heute unbezahlbar. Doch wem das Geld fehlt, kann viele dieser Instrumente inzwischen auch mit Software oder Smartphone-Apps simulieren, die ebenfalls in der Ausstellung angespielt werden können. Vom holländischen Musikinstitut STEIM und aus einem Forschungsprojekt der TU stammen Prototypen für Neuentwicklungen – unter anderem ein Instrument, bei dem man Klängen erzeugt, indem man Klötzchen aufeinanderstapelt.

In Berlin ist die Ausstellung gut aufgehoben: Nicht nur, dass die Stadt in den 70er Jahren mit Krautrock-Bands wie Tangerine Dream und Cluster, seit den 90er Jahren als Hauptstadt des Techno für die elektronische Musik eine wichtige Rolle gespielt hat. In Berlin hat seit den 1930er Jahren auch einer der wichtigsten Pioniere des elektronischen Instrumentenbaus gewirkt: Oskar Sala, Erfinder des Trautoniums, für das unter anderem Hindemith, Dessau, Orff und Eisler Musik geschrieben haben.

Sala selbst produzierte mit seinem Ursynthesizer Filmmusik – unter anderem den Soundtrack für „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock – und wurde in den 90er Jahren von einer neuen Generation von jungen Musikfans wiederentdeckt. Auch wenn sein Studio heute im Deutschen Museum in München ist, sind in der Berliner Ausstellung verschiedene Versionen des Trautoniums zu sehen und bei Konzerten und Workshops während der Ausstellung auch zu hören.

Vielleicht trägt „Good Vibrations“ ja auch dazu bei, dass die Berliner eins ihrer bestgehüteten Museumsgeheimnisse wiederentdecken. Das Musikinstrumenten-Museum hat auch jenseits von elektronischen Instrumenten und der Kinoorgel einige echte Attraktionen zu bieten, zum Beispiel die zaubrische Glasharfe, für die unter anderem Mozart komponierte, oder Minifiedeln, die zum Musizieren in der freien Natur in einem Spazierstock eingebaut wurden. Dafür könnte man heute eins der Programme für den Tablet-Computer benutzen, die in der Ausstellung ausprobiert werden können.

„Good Vibrations“ bis zum 25. Juni im Musikinstrumenten-Museum Berlin