KUNSTFORUM International Bd. 272 Jan. –Feb. 2021 This is Not a Love Song ZUM VERHÄLTNIS VON KUNST UND MUSIK

Screenshot der Online-Ausstellung Well Now WTF, 2020 292

Kein Angebot von deutschen Museen NETZKUNST IN ZEITEN VON CORONA von Tilman Baumgärtel Krisen können Chancen sein, die eigene Praxis neu in dieser Situation neue Aufmerksamkeit. Medien zu überdenken und veränderten Gegebenheiten anzu- wie der Guardian oder Buzzfeed, Art Forum oder passen. Auch wenn hier nicht gesagt werden soll, dass Arty, die zuvor wenig Interesse an Netzkunst gezeigt die Coronakrise auch ihr Gutes hatte – Kulturinstituti- hatten, veröffentlichten auf einmal ausführliche onen in Deutschland und in der ganzen Welt wurden Würdigungen aktueller Online-Ausstellungen; die durch die Pandemie gezwungen, sich neue Methoden New York Times entdeckte gar „The Unexpected Joy zu überlegen, um ihr Publikum zu erreichen. of Internet Art“. Einige der interessanten Projekte Die meisten Museen und Theater in Deutsch- sollen im Folgenden vorgestellt werden. land haben das Internet zuvor lediglich als Methode Schon im April 2020 eröffnete auf der Website genutzt, um über ihre Aktivitäten zu informieren wellnow.wtf eine Ausstellung mit eben diesem T itel: und vielleicht noch einige Fotos in den Sozialen Well now, WTF, kuratiert von den KünstlerInnen Medien zu verbreiten. Doch während des Lock- Faith Holland, Lorna Mills und Wade Wallerstein – downs begannen einige von ihnen, das Netz, das oder vielleicht wäre hier „zusammengestellt“ der inzwischen seit mehr als zwei Jahrzehnten für sol- bessere Begriff. Denn in dieser virtuellen Produzen- che Experimente zur Verfügung steht, zu nutzen, tengalerie sind über 100 Arbeiten zu sehen, die in um die eigenen Produktionen an den Mann und an wenigen Wochen eingesammelt worden waren. Viele die Frau zu bringen. Theater streamten ihre Auffüh- Werke waren Kürzest-Filmchen im sich manisch wie- rungen, Konzerthäuser ihre Musikveranstaltungen, derholendem GIF-Format oder Links zu kurzen Vi- Museen Führungen, Erklärvideos oder Podcasts deoarbeiten; zu den Künstlern gehörten Netzkunst- über ihre Produktionen. Pioniere wie Jan Robert Leegte und Szenestars wie Nicht alles war gelungen, und bei dem riesigen Ryan Trecartin, Post-Internet-Künstlerinnen wie Petra Angebot begann beim Publikum, das auf den realen Cortright und Programmierartisten wie Casey Reas. Besuch von Kulturveranstaltungen verzichten muss- Wie im wirklichen Internet steht hier Geniales neben te, schnell eine Art Bildschirm-Fatigue einzusetzen. Albernem, Arbeiten aus eingeführten Werkgruppen Wer schon den ganzen Tag im Homeoffice vor dem neben Studentenexperimenten. Die möglicherweise Monitor verbrachte, wollte oft nicht auch noch den bewusst unübersichtlich gestaltete Website schickt Feierabend am Computer sitzen. Aber für die Netz- den Betrachter in eine flackernde, verwirrende Welt, kunst als ein Kunstgenre, das für die Verbreitung und aus der man unter Umständen erst nach Stunden wie- die Betrachtung im Netz geschaffen wurde, entstand der den Weg zurück in die Wirklichkeit findet. 293

Ebenfalls im April startete die holländische Auffallend ist, dass all diese Upstream Gallery eine eigene Dependance im Web. neuen Präsentationsformen von Während der physische Ausstellungsbetrieb ruhen privaten Galerien oder auf musste, waren auf www.upstream.gallery Aus- stellungen zu sehen, die ausschließlich im Netz Initiative von Künstlern geschaf- funktionieren. Dabei ließ die Galerie zunächst ihren fen wurden, nicht im Auftrag Künstlern freie Hand: Die erste Präsentation – die von Museen und anderen etab- wie alle, die folgten, nur einen Monat zu sehen war und dann „schloss“ wie eine Ausstellung nach der lierten K unst institutionen. Finissage – wurde von Netzkünstler Rafaël Rozendaal gestaltet, der eine Auswahl von minimalistischen Die Technik dafür wurde als Corona-Projekt für Websites präsentierte, die nicht zur Interaktion einla- die gemeinnützig New Yorker Medienkunst-Raum den, sondern einfach nur sind. Constant Dullaart setzte Eyebeam im Rahmen eines virtuellen Residency- sich in der von ihm kuratierten Ausstellung The New Programms von Constant Dullaart, Jonas Lund und Outside mit den Möglichkeiten der Kunstpräsentation Ties van Asseldonk entwickelt. Das Programm heißt unter Corona-Bedingungen handelten. Alle Arbei- „common.garden“ und enthält auch einen Editor, ten – unter anderem Werke von Rosa Menkman, Katja mit dem in Zukunft jeder angemeldete Nutzer sei- Novitskova, Suzanne Treister und LaTurbo Avedon – ne eigene Ausstellung anlegen kann. Der weiteren beschäftigten sich mit dem Thema von Fenstern und Proliferation von Netzkunst-Shows steht also nichts Sichtbarrieren, durch die Kunst und Umwelt betrach- mehr im Weg. Dullaart betrachtet das Projekt als Al- tet oder verstellt werden können. Diese Ausstellungen ternative zu 3D-Räumen wie Mozilla Hubs, denen sind keine Linklisten, sondern versuchen, die Situa- er eine Low-Tech-Alternative entgegensetzen will. tion des Ausstellungsbesuchs im Rahmen des Medi- In der Zukunft wird möglicherweise ein kleiner ums Internet zu simulieren, ohne dreidimenstonale Obolus von Anwendern erhoben, der die Weiterent- VR-Räume zu bauen. Oben auf der Website sind die wicklung von „common.garden“ sicherstellt. Dul- Exponate angeordnet wie auf dem Grundriss eines laart selbst hat für seine Ausstellung „This Unjust Ausstellungsraums, durch die sich die Besucher als Mirror“, die physisch im Friess Museum in Leeuwar- kleine Punkte bewegen. So kann man sich nicht nur den zu sehen ist, eine virtuelle Version entwickelt, zu den einzelnen, virtuellen Exponaten navigieren, in der sich im Eröffnungsabend tatsächlich einige sondern auch eine Ausstellungseröffnung veranstal- Dutzend Besucher tummelten und chatteten. ten, bei der sich das Publikum zwischen den Kunst- Auch die Berliner König Galerie hat während der werken bewegt. Mit Kopfhörer und Mikrophon kann Corona-Krise ins Digitale investiert: Im April veröf- man mit anderen Besuchern Smalltalk machen; sogar fentlichte die Galerie, die sogar eine eigene App für Führungen sind so möglich. In diesen multimedialen Android- und Apple-Handys hat, die Augmented- Raum können Bilder, dreidimensionale Modelle, Reality-Arbeit „Suprinsingly, this rather works“ von Videos und Websites eingebunden werden. Manuel Rossner. Die macht den Galeriebesuch zu 294 Internet Art

linke Seite: Screenshot (2020 – 11-05 at 13.54.05) diese Seite: Thomas Webb, Exercise der Online-Ausstellung „The New Outside“ in Hopeless Nostalgia. World Wide Webb, bei Upstream.

Gallery, kuratiert von Constant Multiplayer Simulation, 2020, Courtesy: Dullart 2020 Thomas Webb und König Galerie 295 Tilman Baumgärtel – Netzkunst in Zeiten von Corona

einem Trip in einen virtuellen Vergnügungspark. umgekehrt: Wir bringen Netzkunst, die man sich Auf dem Smartphone-Display erscheint als „Aug- normalerweise online ansieht, in den Stadtraum.“ mented Reality“ eine pink-blaue Blasenfigur, die Dafür hat die Gruppe einige der E-Roller, die in an der Fassade von St. Agnes empor schleimt; im Berlin den öffentlichen Raum verstellen, gehackt Inneren des Ausstellungsraums blubbert eine gelbe und so umgebaut, dass sie in einer Woche im Okto- Skulptur durchs Treppenhaus. Der britische Künst- ber Netzkunst senden, die man mit dem Smartphone ler Thomas Webb hat mit „Exercise in Hopeless ansehen konnte. „Man kann die Roller in die Spree Nostalgia“ ein Smartphone-Game im 8-Bit-Look werfen“, sagt Anton Jehle von open.coil, „oder man alter Computergrafik geschaffen, und mit „Better kann sich überlegen, wie man sich den öffentlichen off online“ gleich noch eine Online-Galerie in der- Raum, den diese Firmen beanspruchen, wieder an- selben Optik programmiert, in der sich Arbeiten eignet. Wir benutzen die Infrastruktur, die diese Fir- von Rachel Maclean, Tabor Robak, Nicole Ruggiero, men aufgebaut haben, für unsere eigenen Zwecke.“ Sebastian Schmieg und anderen finden. Dafür haben sie bei einigen Rollern die Halte- Auffallend ist, dass all diese neuen Präsentations- rung am Lenker umgewidmet, mit deren Hilfe man formen von privaten Galerien oder auf Initiative von eigentlich während der Fahrt sein Handy aufladen Künstlern geschaffen wurden, nicht im Auftrag von kann. In den rechteckigen, schwarzen Plastikkist- Museen und anderen etablierten Kunstinstitutionen. chen versteckten sie eine Induktionsspule, die einen Gerade in Deutschland haben sich die staatlichen winzigen Wifi-Chip betreibt, der die Daten eines Kunstinstitutionen gegenüber der Netzkunst von digitalen Kunstwerks sendet. Wer sich mit seinem jeher in vornehmer Zurückhaltung geübt. Während Handy in dieses Funknetz einloggte, das der Roller das Whitney Museum mit Artport schon seit 2001 ausstrahlt, bekam Arbeiten von JODI, !

Mediengrup- eine eigene Online-Galerie mit Auftragsarbeiten füllt pe Bitnik, Rosa Menkmann und anderen zu sehen, und das New Museum mit Rhizome eine einzigartige die speziell für diese Präsentation entstanden waren: Sammlung von Netzkunst aus allen Perioden aufge- Aus der digitalen Internetkunst, die normalerweise baut hat, haben die deutschen Museen kein derartiges überall mit einem Computer betrachtet werden Angebot geschaffen, das während der coronabeding- kann, war so unversehens wieder ein auratisches ten Schließungen eine Alternative zum Ausstellungs- Original geworden, für dessen Betrachtung man das besuch hätte bieten könnte. Ob sich das nun ändert, heimische Sofa verlassen musste. wo während der Quarantäne-Perioden die Netzkunst Den Anbietern der Roller war offenbar egal, dass neue Aufmerksamkeit erfährt, bleibt abzuwarten. ihre Gefährte zu einer Galerie auf Rädern umfunk- Eine besonders pfiffige Methode, um Netzkunst tioniert wurde: Den Chef der Rollerfirma lud man auch während der Pandemie zu zeigen, hat sich die sogar zur Vorstellung des Projekts beim Zentrum für Berliner Künstlergruppe „open.coil“ einfallen lassen. Netzkunst, dem Träger der Aktion, im Haus der Sta- Im öffentlichen Raum kann man sie im an der fri- tistik am Berliner Alexanderplatz ein. Gekommen schen Luft und mit Mindestabstand ansehen. „ Wegen ist er nicht. Corona hat sich viel ins Internet verlagert, was vor- her im in der Öffentlichkeit stattgefunden hat“, sagt www.wellnow.wtf | www.upstream.gallery Anton Jehle von open.coil. „Bei uns ist es genau www.manuelrossner.com | www.opencoil.show 296 Internet Art

Wir bringen Netzkunst, die man sich normaler- weise online ansieht, in den Stadtraum. — open.coil linke Seite: Manuel Rossner, Surprisingly This Rather Works, App, April 2020, kuratiert von Anika Meier, Johann König, App KÖNIG GALERIE oben: Screenshot der Website von „open.coil“, 2020 rechts: Bei der Publikumspräsentation von „open.coil“, Zentrum für Netzkunst, Berlin 2020, courtesy: open.coil 297 Tilman Baumgärtel – Netzkunst in Zeiten von Corona