NETZKUNST-PROJEKT"SERO. ORG" Am Sonnabend auf der Transmediale // sero. org ist seit Anfang der 90er-Jahre im Netz aktiv.

Hinter dem Netzkunst-Projekt stehen die Berliner Joachim Blank und Karl Heinz Jeron. Sie sind am Sonnabend auf dem Medienkunstfestival Transmediale im Podewil zu Gast, wo sie ihre neue Arbeit "sign. post" vorstellen.

Blank und Jeron gehörten zu den Gründern der Web-Community "Internationale Stadt", die zu den bedeutendsten deutschen Webprojekten gehörte und ein Vorläufer vieler E-Commerce-Ideen war.

Seit 1997 arbeiten die beiden zusammen.

i Internationale Stadt: www. icf. de Sero. org: www. sero. org Transmediale: www. transmediale. de

"Sero" ist die Abkürzung für "Sekundärrohstoffverwertung" und der Name eines ehemaligen DDR-Unternehmens, das Altglas und Altpapier sammelt und wieder verwertet. Auch das Berliner Netzkunstduo "sero.org" beschäftigt sich mit der Wiederverwertung von Abfall allerdings nicht von alten Zeitungen und leeren Flaschen, sondern von digitalem Schrott. Bei ihrer Arbeit "Dump your trash" kann man die eigene Homepage entsorgen, bei "Re:Mail" Müll-E-Mails von anderen beantworten lassen, bei dem neuen "sign.post" wird ein ganzer Internet-Server recycelt. Tilman Baumgärtel sprach mit Joachim Blank und Karl Heinz Jeron, den Künstlern hinter "sero.org".

Ihr Projekt "sign.post" ist eine ungewöhnliche "Kunst-am-Bau"-Arbeit: ein Internet-Kunstwerk für einen Bürokomplex...

Karl-Heinz Jeron: Das "Business Innovation Center" (BIC), für die die Arbeit entstanden ist, ist ein neues Technologiezentrum in Leipzig. Das Gebäude befindet sich in Leipzig-Plagwitz und ist auf dem Schutt der alten Gebäude gebaut worden. Wir haben einen eigenen Server installiert, der die Datenströme von dem Webserver, den das BIC betreibt, abgreift. Entsprechend der Struktur des Hauses findet er als Material für die Arbeit Logos, Projektbeschreibungen, Werbung, Pläne und so weiter.

Joachim Blank: Dieses Material wird zu einer Art Collage aufbereitet und so entstehen immer neue Muster und Strukturen aus den Informationen, die die Firmen im BIC zur Selbstdarstellung ins Netz stellen. Diese Collage, die sich dauernd verändert, sieht man auf einem Monitor im Foyer des Gebäudes.

Bekommt man nicht Probleme mit dem Datenschutz, wenn man alle Dateien auf so einem Server als künstlerisches Material verwendet?

Jeron: Rechtlich war das höchst sensibel. Theoretisch wäre es nicht schwierig gewesen, den ganzen Netzverkehr abzuhören oder E-Mails abzufangen. Wir mussten versprechen, dass nicht zu tun. Es wäre natürlich interessant gewesen, aber eigentlich wollen wir die Datenströme im Internet visualisieren.

"Kunst am Bau" wird oft als reine Dekoration ohne künstlerische Eigenständigkeit kritisiert. Ist Ihre Arbeit mehr als eine Verzierung?

Blank: Für uns gehört die Arbeit in eine Projektreihe, die wir "Informationsrecycling" genannt haben. Auf die Idee zu diesem Projekt sind wir eigentlich durch die Außengestaltung des Gebäudes bekommen. Um das BIC herum ist eine Art Park. Dort haben die Landschaftsarchitekten Schotterflächen angelegt, die aus zerschnittenem roten Ziegelstein bestehen. Aus diesen Steinen waren die Industriegebäude gebaut, die vorher an dieser Stelle standen. Das ist auch eine Art Recyclingverfahren.

Jeron: Ja. Die Firmen, die dort einziehen, werden automatisch einen Internetanschluss im Büro haben. Und diese Internetdaten sind für uns das wesentliche Material des Hauses. Das wichtigste, was im BIC erzeugt wird, sind Informationen. Darum wollten wir nicht die alte Architektur recyceln, sondern diese Informationen.

Gibt es von den Internet-Firmen in dem Haus eine Reaktion auf die Arbeit?

Am Anfang waren die ein bisschen zögerlich. Aber als sie festgestellt haben, dass ihre Arbeit durch unser Werk tatsächlich von anderen Firmen wahrgenommen wurde, waren sie ganz wild darauf, bei uns recycelt zu werden.

Das heißt auch, dass die Arbeit mit diesem Zentrum zusammen wächst und sich entwickelt?

Blank: Genau. Das ist der Unterschied zu einer Video-Installation, die sich immer wiederholt. Wir wissen nicht, was hier passieren wird. Das unterliegt ganz den Veränderungen des Hauses. Wir halten die Daten auch vor. Wenn die Arbeit fünf Jahre läuft, gehören die Daten aus dem Jahr 1999 immer noch dazu. Das heißt, es wird sehr groß.

Ein riesiger Daten-Müllhaufen.

Jeron: Die Arbeit spielt mit dem Gedanken des Archivs. Die Daten kommen immer wieder in diesen großen Topf und werden nie weggeworfen auch wenn sie nicht mehr auf der Homepage stehen, für die sie gedacht waren.

Das klingt nach relativ komplexer Technik. Wie haben Sie sichergestellt, dass diese Arbeit auch zuverlässig funktioniert?

Wir haben einen Vertrag mit dem Betreibern des BIC, in dem steht, dass die Arbeit fünf Jahre lang gezeigt wird. Damit sind sie verpflichtet, die Arbeit zu erhalten. Wir auch. Das heißt, das wir ab und zu an "sign.post" weiterarbeiten müssen zum Beispiel, wenn die Putzfrau mal wieder aus Versehen den Stecker rauszieht.