ctrl [space] // Die Ausstellung ctrl [space] (sprich: Control-Space) ist bis zum 24. Februar 2002 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe zu sehen.
Sie wurde von dem amerikanischen Medienwissenschaftler Thomas Y. Levin kuratiert und zeigt Arbeiten von knapp 60 Künstlern, die sich mit dem Thema Überwachung beschäftigen.
Weitere Informationen im Internet: www. zkm. de ZKM Überwachen und schlafen: Thomas Ruffs Farbfotografie "Nacht 1, II" (1992) wurde mit einem Nachtsichtgerät in Berlin aufgenommen.
FOTO Der britische Philosoph Jeremy Bentham entwarf 1785 das "Panoptikon"-Gefängnis (hier von oben), bei dem die Gefangenen aus einem Turm in der Mitte beobachtet werden sollten.
Wie eine dicke Schlange windet sich der Kameraschlauch von der Decke herab. Wo man sich auch hinbewegt, überall blickt man in das tote Auge der Kamera. Es nimmt einen auf und überträgt das Bild auf vier Fernsehmonitore, die im Kreis um den Betrachter der Installation von dem holländischen Künstler Herco Haagsma stehen. Die Arbeit ist bei der Ausstellung "ctrl [space]" im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe zu sehen, die sich mit dem Thema Überwachung beschäftigt.
Keiner wird dem Gefilmtwerden entgehen, scheint einem die von Bewegungsmeldern gesteuerte Kamera mit ihrem Summen zuzuraunen. Oder, noch schlimmer, man könnte immer gefilmt werden. Und wer jederzeit befürchten muss, beobachtet zu werden, überlegt zweimal, bevor er etwas tut, das von der Norm abweicht.
Dabei zählt nicht, ob man wirklich gerade überwacht wird, sondern nur, dass die Möglichkeit dazu besteht. Diese Einsicht verdanken wir dem britischen Philosophen Jeremy Bentham (1748-1832), der 1785 ein Gefängnis entwarf, das er "Panoptikon" nannte. Bei dem runden Bau waren die Zellen im Kreis angeordnet; in ihrer Mitte stand ein Turm für die Bewacher, in den man nicht hineinsehen konnte.
Die Gefangenen wussten deshalb nie, ob sie gerade unter Beobachtung waren oder nicht. Der Rationalist Bentham glaubte, dass die Delinquenten den Kontrollblick der Aufseher verinnerlichen würden und so von weiteren Verbrechen abgehalten würden. Die panoptische Beobachtung sollte für Bentham zur Erziehung des Menschen im Sinne der Aufklärung beitragen.
Zweihundert Jahre später entdeckte der französische Philosoph Michel Foucault Benthams Gefängnis-Idee für sein Buch "Überwachen und Strafen" wieder. (Inzwischen war Benthams Idee in der ganzen Welt realisiert worden - auch in Berlin gab es zeitweise so ein Gefängnis.)
Foucault betrachtete Benthams Gefängnis, in der moralische Besserung durch Überwachung erreicht werden sollte, als Vorläufer der modernen "Disziplinargesellschaft". In ihr, so Foucault, würden alle gezwungen, sich selbst so zu kontrollieren, als würden sie ununterbrochen überwacht - jeder sein eigener Polizist, jede Überwachungskamera im Supermarkt ein Instrument, um Macht durchzusetzen. Und dazu muss die Kamera noch nicht mal an sein.
Die Ausstellung "ctrl [space]" nimmt dieses Thema auf. Sie ist eine Kunstausstellung, doch sie überschreitet interdisziplinäre Grenzen: neben Fotografien, Videos und Installationen sind auch die berühmten Einmachgläser zu sehen, in denen die DDR-Stasi Geruchsproben von Dissidenten aufbewahrte, und
Kurator Thomas Levin, Professor für Medienwissenschaften an der Princeton-Universität in den USA, arbeitete schon länger an dem Konzept der Ausstellung. Dass sie fast genau einen Monat nach den Anschlägen auf Pentagon und World Trade Center eröffnet wurde, ist Zufall. Direkte Verweise auf die aktuelle Situation, in der plötzlich Vorschläge wie Fingerabdrücke im Personalausweis oder flächendeckende Videoüberwachung des öffentlichen Raums ernsthaft diskutiert werden, finden sich daher kaum.
Nur die amerikanische Künstlerin Laura Kurgan hat ihren Beitrag zu "ctrl [space]" nach den Ereignissen vom 11. September spontan geändert: Statt der digital bearbeiteten Satellitenbilder, die sie ursprünglich zeigen wollte, rollte sie auf dem Boden des Museums eine riesige Luftaufnahme von Manhattan vom 15. September aus, auf welcher der "Ground Zero" als riesiges qualmendes Loch zu sehen ist.
Ein zentraler Teil der Ausstellung besteht aus klassischen Werken der Medienkunst, die sich von jeher mit den panoptischen Möglichkeiten moderner Technologien befasst haben. Bei Bruce Naumans Videoinstallation "Live-Taped Video-Corridor" (1970) oder Dan Grahams "Time Delay Room" (1974) kann man sich selbst zeitverzögert dabei beobachten, wie man den Raum durchquert.
Yoko Onos berüchtigter Film "Rape" (1969) zeigt, wie ein stur schweigendes Kamerateam eine junge Frau durch London verfolgt, bis diese schließlich zusammenbricht. Sophie Calle hat sich 1985 einen Tag lang in Paris von einem Detektiv beschatten lassen, der ihren gesamten Tagesablauf minutiös protokollierte - und dabei nicht bemerkte, dass er selbst observiert wurde: ein Freund Calles folgte dem Schnüffler, bis
Diese Arbeit lässt auch eine neuere, postmoderne Haltung zur Möglichkeit ununterbrochener Überwachung aufscheinen, die die Ausstellung allerdings nicht weiter verfolgt: die Umwidmung von Überwachungstechniken zur eigenen Unterhaltung, oder sogar zum Die Webcam-Girls, die ihr Bild 24 Stunden pro Tag im Netz verbreiten, scheint nicht die Sorge vor dem Verlust ihrer Privatsphäre zu plagen - sondern eher die Angst, weniger Zuschauer als die Konkurrenz zu haben.
Derartige Internet-Phänomene thematisiert die Ausstellung nur am Rande, obwohl gerade sie eine interessante Verschiebung im Diskurs über die "informationelle Selbstbestimmung" darstellen. Statt sich vor dem Großen Bruder aus Orwells Roman "1984" (dessen Manuskript in Karlsruhe zu sehen ist) zu fürchten, hinterlassen Internet-Nutzer heute bedenkenlos private Informationen aller Art im Netz, die andere wie ein Buch lesen können. Vor diesen technologischen wie sozialen Phänomenen kapituliert die Ausstellung.
Die neuen Überwachungsmethoden, die im Augenblick diskutiert werden, kommen bei "ctrl [space]" nicht vor. Biometrie? Die geographische Lokalisierung über das Global Positioning System? Das amerikanische Abhörsystem Echelon, das E-Mails und Faxe in der ganzen Welt mitliest? Kein Wort darüber bei "ctrl [space]".
Die Ausstellung macht es sich einfach und ignoriert die Methoden der Überwachung, die sich der visuellen Präsentation entziehen. Sie gibt Fotografie oder Video den Vorzug - obwohl sie laut Ankündigung ausdrücklich die "unsichtbaren, aber unendlich machtvolleren Techniken, die unter den Begriff ,dataveillance (Datenüberwachung) fallen", zeigen wollte.
Besucher von "ctrl [space]" werden allerdings noch den alten Überwachungstechniken ausgesetzt: ohne es zu wissen, werden sie in der Ausstellung von Webcams gefilmt, ihr Bild auf die Homepage der Ausstellung übertragen. Als ob man außerhalb des Museums nicht schon genug überwacht würde.