Transmediale 2018
Von Tilman Baumgärtel
Als die amerikanische Zeitschrift „Paper“ 2015 ein Gespräch zwischen der Whistleblowerin Chelsea Manning und anderen Internet-Aktivisten veröffentlichen wollte, hatte das Blatt ein Problem: Manning saß im Gefängnis, weil sie als Mitglied der amerikanischen Streitkräfte Videos und Dokumente kopiert und der Website WikiLeaks zugespielt hatte.
Zu ihren Haftbedingungen gehörte es, dass sie keine Journalisten empfangen konnte und nicht fotografiert werden durfte. So stammten die Bilder, die von ihr zirkulierten, aus der Zeit vor ihrem Verfahren. Da sich Manning im Gefängnis zu einer Geschlechtsumwandlung entschlossen und mit einem fünftägigen Hungerstreik die Bewilligung einer Operation erwirkt hatte, entsprachen die Bilder von ihr, die ihrer Zeit als Soldat stammten, nicht mehr ihrem tatsächlichen Aussehen.
Die Redaktion löste das Dilemma, indem sie sich an die Künstlerin Heather Dewey-Hagborg wandte. Die war in der Kunstwelt dadurch bekannt geworden, dass sie von Zigarettenstummeln und Kaugummis, die sie auf dem Bürgersteig eingesammelt hatte, „DNA Portraits“ herstellt. Sie isolierte DNA-Spuren von ihren Fundstücken und ließ einen 3D-Drucker auf der Basis dieser Erbinformationen Porträts erstellen.
Für „Paper“ entstand so ein hypothetisches Konterfei von Manning. „Ich habe Chelsea Manning kennengelernt, indem ich ihre DNA gelesen habe“, erklärt die Künstlerin ihre Arbeit. „Bevor wir auch nur einen Brief oder eine Textmessage ausgetauscht hatten, hat sie mir Abstriche von ihren Wangen und Haare geschickt, und ich habe daraus ihre DNA extrahiert, Teile davon sequenziert und analysiert, um daraus ihr Porträt zu schaffen.“ Für eine Ausstellung im vergangenen Jahr entstand dann eine ganze Serie möglicher Konterfeis der Aktivistin, die inzwischen aus der Haft entlassen wurde. Denn die DNA-Informationen erlauben einen gewissen Interpretationsspielraum, wie ihre Inhaber aussehen könnte.
Bei der Transmediale, dem jährlichen Berliner Medienkunstfestival, sind nun 30 dieser Porträts unter dem Titel „A Becoming Resemblence“ zu sehen. Sie sind nicht nur ein etwas makaberer Hinweis darauf, was man inzwischen alles an Informationen aus ein paar Hautfitzelchen herauslesen kann. Sie illustrieren in ihrer Verschiedenartigkeit auch das diesjährige Festivalmotto „Face-value“. Der englische Ausdruck bedeutet auf deutsch Nennwert, und bezeichnete ursprünglich den Wert, der zum Beispiel einer Münze eingeprägt ist. Im übertragenen Sinn wird damit aber etwas bezeichnet, was man sofort erkennen kann oder zu erkennen glaubt, etwas, das man „für bare Münze nimmt“ – und das man besser hinterfragen sollte, wie Transmediale-Kurator Kristoffer Gansing betont.
Denn in der hyperbeschleunigten digitalen Kultur unserer Gegenwart ist für ihn eine Tendenz zum Tautologischen entstanden: Bilder, Slogans, „alternative Fakten“ werden unkritisch geglaubt, gelikt, weitergeleitet – für Gansing ein Grund für die zunehmend polarisierte Diskussion im Netz, in der Fake News und polemische Anschuldigungen von politischen Extremisten und Populisten benutzt werden, um Stimmung zu machen und die von ihren Anhängern unhinterfragt nachgebetet werden. In der Ausstellung, bei Vorträgen, Workshops und Performances soll diesem Phänomen kritisch nachgegangen werden.
Auch, indem man sich dieser Dynamik verweigert. Die Ausstellung der Transmediale hat auf den ersten Blick nämlich gar kein „Gesicht“: Durch die Glaswand der Ausstellungshalle sieht man zunächst mal gar nichts, weil alle Arbeiten in einer Art Containerarchitektur verschwunden sind. Die Gestaltung orientiert sich an den „Freeports“, die in Häfen und anderswo auf der ganzen Welt existieren: Freihäfen oder Freilager, abgeschlossene und umzäunte Gebiete innerhalb eines Landes, in denen keine Zölle und Einfuhrumsatzsteuern erhoben werden. Auch Kunstsammler nutzen solche dem nationalen Zugriff entzogenen Zonen, um ihre Schätze zu lagern. Im Freilager in Genf soll über eine Million Kunstwerke gelagert werden.
Im Freilager der Transmediale sind zehn Arbeiten zu sehen, die sich darum bemühen, Phänomene, die sich dem Blick der Öffentlichkeit entziehen, wieder in die Sichtbarkeit zu überführen. Eine Gruppe mit dem Namen Demystification Commitee hat zum Beispiel eine eigene Offshore-Firma gegründet, die Bademoden mit Auszügen aus ihren Unterlagen bedruckt und bei der Transmediale seine Erkenntnisse über das Wirtschaften in Steuerparadiesen weitergeben will. Die Gruppe Forensic Oceanography geht mit Videoaufnahmen der Behauptung nach, dass Hilfs-NGOs, die im Mittelmeer Flüchtlinge retten, Afrikaner zur Migration nach Europa ermuntern.
Nick Thurston hat eine „Hate Library“ zusammengestellt, in der er Debatten aus rechten Internetforen sammelt. In einem „Geschichtsbuch“ hat er Diskussionsbeiträge zusammengestellt, die zeigen, dass die rassistischen oder verschwörungstheoretischen Standpunkte über den „afrikanischen Ausbreitungstyp“, die bevorstehende „Umvolkung“ oder „shithole countries“, die nun durch AfD, Donald Trump oder die Alt.
Right normalisiert werden, schon vor über einem Jahrzehnt im Internet formuliert worden sind – jeder hätte sie in den einschlägigen Foren nachlesen können.
Transmediale bis zum 4. Februar im HKW