VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Das englische "Past Perfect" ist eine grammatikalische Form, die auf Deutsch "Vorvergangenheit" heißt: "Ich war gewesen." Das Material, mit dem Kelly Tivnan arbeitet, waren einmal etwas gewesen: Dachbalken, Fensterrahmen, Türen oder Tischtennisplatten. Dann wanderten sie auf den Müll.

Steinzeit-Restaurant

Die amerikanische Innenarchitektin, die unter dem Labelnamen "Pastperfekt" arbeitet, will den entsorgten Dingen "ein zweites Leben schenken" und arbeitet sie zu Lampen, Möbeln, Schmuck oder ganzen Inneneinrichtungen um. "Ich bin supernostalgisch", sagt die Mittdreißigerin. "Die Sachen, mit denen ich arbeite, haben eine Geschichte, und damit arbeite ich. Ich will nicht, dass diese Dinge verschwinden."

2008 zog sie aus den USA nach Berlin und begann in der Hauptstadt, aus Fundstücken vom Flohmarkt oder vom Sperrmüll eine eigene Kollektion von Einrichtungsgegenständen zu entwickeln. Zunächst waren es kleine Objekte wie Schmuck, Lampen oder Stühle. Doch zuletzt kamen größere Aufträge: Die Inneneinrichtung von Lokalen wie dem Sauvage in Neukölln, in dem steinzeitliches "Paleo Food" serviert wird. Oder dem Jää äär, einem estnischen Restaurant in Prenzlauer Berg. Zuletzt richtet die Gestalterin aus Seattle das neue Tonstudio des phänomenal erfolgreichen Berliner Internet-Start-up-Unternehmens Soundcloud ein, das in wenigen Jahren so dramatisch gewachsen ist, dass es gerade aus seinen Räumen in der Greifswalder Straße in ein neues Gebäude an der Bornholmer Straße umzieht.

Immer noch findet Tivnan viel von ihrem Material auf der Straße, bei Trödlern in Moabit und Neukölln. "Manchmal rufen mich auch Freunde an und sagen, sie haben da alte Sachen, mit denen ich vielleicht was anfangen kann, bevor sie die wegwerfen." Dieses Material schleppt sie dann in ihr Atelier in einen Hinterhof in Weißensee. Eine ehemalige Druckerei in einer Remise, die sie sich mit Musikern teilt, ist ihr Ruhepunkt - wenn nicht gerade der Dudelsackbauer nebenan ein neues Instrument stimmt.

"Upcyling" ist der Terminus technicus für diese Art der Wiederverwertungsästhetik. Statt Müll einfach nur weiter zu entsorgen, gibt Tivnan dem Abfall der Wohlstandsgesellschaft eine neue Bedeutung. Eine Lampe aus einem alten Lampenschirm und einer alten Bohle kostet 80 Euro aufwärts, eine Kommode aus alten Dampfradios 350 Euro. "Wenn ich meine Sachen auf Märkten verkaufe, höre ich oft: 'Das kann doch jeder.' Aber wer macht es denn dann auch wirklich? Wer hat das technische Geschick und die Ideen und das notwendige Handwerkszeug?"

Eigene Handschrift

Tatsächlich ist Tivnan beileibe nicht die einzige Do-It-Yourself-Bastlerin in Berlin, die aus Schrott Neues schafft. Doch sie hat eine eigene Handschrift, die sie von der Konkurrenz absetzt: Meist ist es die Kombination von zwei Elementen, die bei ihren Arbeiten etwas entstehen lässt, das größer ist als die Summe seiner Teile.

Ein Glassturz und eine alte Uhr werden zum neuen Beleuchtungskörper, ein paar Stücke Bauholz und ein paar Kerzen eine Schlafzimmereinrichtung. Der plötzliche Erfolg ist auch anstrengend: "Im Augenblick bin ich immer unterwegs: von einer Baustelle zu einem Kunden zu meinem Atelier", sagt sie. Einen Assistenten kann sie sich aber nicht leisten: "So viel verdiene ich mit diesen Aufträgen leider noch nicht."

Im Internet unter:

www.pastperfekt.net

AKUD/LARS REIMANN Aus alt wird neu: Kelly Tivnan in ihrer Werkstatt.