Nigihaven als virtuelle Community

Von Tilman Baumgärtel

Unter dem Pflaster liegt der Strand. Man kann diesen Slogan der Studentenbewegung als Aufforderung verstehen, Pflastersteine aus dem Trottoire zu reißen und auf Polizisten zu werfen. Man kann ihn aber auch als Ergänzung einer anderen Parole aus derselben Zeit auffassen: Die Phantasie an die Macht. Dass unter dem Pflaster der Strand liegt, ist dann keine Aufforderung zur Straßenschlacht mehr, sondern drückt die Hoffnung aus auf spontane, losgelassene Kreativität von jedem und jeder, welche sich auch an den unwahrscheinlichsten Orten Bahn bricht. Zum Beispiel in der Fußgängerzone der eigenen Stadt.

In der Fußgängerzone von Vaihingen gab es im Sommer 2001 für vier Wochen einen riesigen Sandhaufen, der einige der Bewohner an den alten Achtundsechziger-Slogan erinnerte. Andere gemahnte der Marktplatz an den Strand von Langeoog. Und wieder andere waren froh über einen Sandkasten, in dem ihre Kinder spielen konnten, während sie sich mit Freunde und Bekannte trafen: „Hymne an die Kindheit, wenn viele Kinder in einer Stadt sandeln, buddeln, planschen, haben viele Eltern, Lehrer, Freunde, Nachbarn und Verwandte – Freude.“ Mit so feierlichen Worten bedankte sich die „Schmid Family“ im Gästebuch auf der Website des Nigihaven-Projekts „für dieses Geschenk.“

Dieses Gästebuch ist en passant zu einer von vielen Autoren gemeinsam verfassten Chronik und Rezension von „Nigihaven“ in einem geworden. Die Website selbst bot Informationen zu dem Projekt, Bilder von Veranstaltungen und eine Webcam, über die man den mit Sand bedeckten Marktplatz von Vaihingen selbst beobachten konnte. So eröffnete die Website auch ein „Loch im Raum“, der die Vorgänge in der Stadt mit dem translokalen Raum des Internets verbanden. Doch der interessanteste Teil von www.nigihaven.de ist das Gästebuch, in dem sich eine Kommunikation zwischen den „Usern“ vom Nigihaven entspann. Da auch in der „Havenbar“ des Projekts eine Terminal bestand, das Zugang zu der Website erlaubte, finden sich hier auch Eintragungen, die direkt auf die Situation „vor Ort“ verweisen.

Ohne dass es von der Organisatoren ausdrücklich angestrebt worden wäre, hat sich das Gästebuch der Website von Nigihaven zum Internet-Pendant des Kunst-Projekts im urbanen Raum entwickelt, das – wie es in der Projektbeschreibung heißt – „neue, vielleicht ungewohnte oder unrealistisch scheinende Situationen an den betroffenen Orten... mit der Stadt und ihren Bewohnern“ erproben wollten. „Für einen Monat wird in Vaihingen vieles einmal ganz anders gemacht.“

Eine Gästebuch auf einer Website soll den Usern die Gelegenheit geben, ihre eigenen Kommentare zu hinterlassen – insofern wurde auf www.nigihaven.de nicht alles ganz anders gemacht als sonst. Doch die Eintragungen in diesem Gästebuch gehen weit über die üblichen, banalen Bemerkungen hinaus, die sich normalerweise in Internet-Gästebüchern finden. Auch im Umfang: wenn man alle Einträge aus dem Gästebuch ausdruckt, sind das immerhin 15 Seiten, die meisten kamen im Zeitraum von vier Wochen zusammen. Außer den Bewohnern der Stadt melden sich auch ehemalige Vaihingern aus dem „Exil“ in Marburg oder den USA zu Wort – oder auch Internet-Surfer, die einfach nur zufällig „vorbeigekommen“ sind.

Während sich die meisten Eintragungen in Internet-Gästebüchern auf die Gestaltung und den Inhalt der Site, zu der sie gehören, beziehen, beschäftigt sich die Mehrzahl der Eintragungen in diesem Gästebuch mit den Aktivitäten im realen Raum während des Nigihaven-Projekts. Und während das Lob in den meisten Internet-Gästebüchern knapp ausfällt („Schöne Seite. MfG...“) und Kritik überwiegt, sind hier viele begeisterte Statements zu finden: „Vier Wochen lang erlebten wir ein ungezwungenes und ständiges Treffen verschiedenster Menschen unserer Stadt, jedweder Altersgruppe und Herkunft. Schaffen wir weiterhin Plätze, zum Austausch von Meinungen und zum Spaßhaben“, schreibt eine Internet-Surferin namens Ferry Wittchen. „Als wir am Freitagnachmittag auf dem Marktplatz waren“, kommentiert ein anderer Netznutzer, „empfanden wir eine ganz faszinierende Stimmung: total glückliche Kinder, vor allem solche, die sonst in der Vaihinger Innenstadt keinen Spiel-Platz für sich haben. Passanten, die ins Gespräch kamen und die besondere Atmosphäre wahrnahmen... Das ist wirklich Kunst! Strandstimmung inmitten der mittelalterlichen Kulisse. Super!“

Viele Gästebuchschreiber loben an dem „Nigihaven“-Projekt, dass es eine neue, sonst nicht übliche Art des spontanen Austauschs untereinander und mit Besuchern der Stadt möglich gemacht, ein kreative Atmosphäre in der Innenstadt geschaffen hat, die von vielen sonst als „leblos“ oder als „Provinztristesse“ empfunden wird. „Besonders schön finde ich die spielerische Atmosphäre“, heißt es in einem Eintrag im Gästebuch, „die alle Ideen durchdringt und auf diese Weise Dinge möglich macht, die sonst im grauen Alltag von vornherein als nicht machbar gelten.“ Diese Atmosphäre scheint auch die Interaktion im Gästebuch der Website geprägt zu haben: ein besonders eifriger Schreiber hat sich sogar sieben selbstgeschriebene Rätseln im Gästebuch der Website veröffentlicht.

In vielen Gästebucheinträgen spiegelt sich ein „Hunger nach Gemeinschaft“ wieder, nach einer Gemeinschaft, die viele Vaihinger in der – nach den Bedürfnissen von Autoverkehr und Konsum gestalteten – Innenstadt vermissen. Das selbe soziales Bedürftnis entdeckte der amerikanische Autor Howard Rheingold Anfang der Neunziger Jahre in den „Virtual Communities“, über die er 1991 ein gleichnamiges Buch geschrieben hat. Mit dem Terminus „virtuelle Gemeinschaft“ meint er die translokalen, vernetzten Gemeinschaften, die sich zu dieser Zeit in Computernetzwerken wie dem Internet zu entwickeln begannen. Rheingolds Definition von “virtual communities” lautete: „Virtuelle Gemeinschaften sind soziale Ansammlungen, die im Netz entstehen, wenn eine ausreichende Zahl von Menschen lange genug und mit genug menschlichem Gefühl mit einander kommunizieren, um ein Geflecht von persönlichen Beziehungen im Cyberspace entstehen zu lassen.“ Auch er erklärt das Phänomen der „virtual communities“ mit einem „Hunger nach Gemeinschaft“, der „bei den Menschen auf der ganzen Welt wächst, während gleichzeitig der informelle öffentliche Raum aus unserem täglichen Leben verschwindet.“ In seinem Buch formulierte Rheingold die Hoffnung auf eine „elektronische Agora“, die durch die technische Vernetzung möglich werden sollte. (Im antiken Athen hieß der Marktplatz, auf dem sich die Bürger der Stadt zur politischen Diskussionen trafen, „Agora“.)

Mit den Virtual Communities verhält es sich wie mit einigen anderen Zukunftsvisionen, die Anfang bis Mitte der Neunziger Jahre im Zusammenhang mit dem Internet ins Spiel gebracht worden und damals oft als Phantastereien abgetan wurden. Sie sind inzwischen auf eine so unauffällige Weise Teil des Alltags geworden, dass man es kaum bemerkt, während sie gleichzeitig viel von ihren utopisch-emanzipatorischen Charakter verloren haben. Heute ist es keine Zukunftsmusik mehr, dass tausende Menschen in Internet-Chatrooms miteinander kommunizieren, MP3-Songs austauschen, oder auch über die eigene Stadt diskutieren.

Und obwohl das Gästebuch die entsprechenden technischen Voraussetzungen eigentlich gar nicht bietet, kommentieren die Besuchern der Website gegenseitig ihre Eintragungen, es entwickeln sich zum Teil Dialoge, einige Kommentare weisen auch auf erwünschte oder tatsächliche Treffen im Stadtraum hin. Das, was in dem Gästebuch stattfand, ist zwar noch keine „virtuelle Gemeinschaft“ im Sinne Rheingolds, doch das Potential, den körperlosen, schriftlichen Dialog über das Internet zu einem Katalysator sozialer Prozesse zu machen, ist aus den Eintragungen durchaus abzulesen: „Ich bin mir sicher, dass von dieser einmaligen Atmosphäre etwas bleiben wird und dies ist mir auch viel lieber als wenn alle Nigihaven-Enthusiasten stumpf die Forderung erheben würden: „’Au ja, nächstes Jahre machen wir das wieder.’“ Dass diese Prozesse im virtuellen Niemandsland des Internets sich wesentlich unkomplizierter entwickeln, wenn sie entweder durch ausgeprägte gemeinsame Interessen oder durch geographische Nähe unterstützt werden, ist nicht nur von Howard Rheingold, sondern auch von anderen Autoren, die sich mit virtuellen Gemeinschaften beschäftigt. Bei nigihaven.de kam beides zusammen.

Der Erfolg der Aktion im realen Raum wie auch die Kommunikation im Gästebuch zeigen das Bedürfnis nach einer sozialen Interaktion, das heute in vielen Städten zu fehlen scheint: „Ja, schaut doch hin, nie war die Stadt so belebt“, schreibt ein Internet-Surfer. „Nie hat man... so viele Bekannte in der Stadt getroffen, nie vorher wurde so viel über die Stadt und das Geschehen in der Stadt gesprochen und diskutiert. Das ist es, was eine Stadt lebendig macht.“

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Tilman Baumgaertel

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