Lange versunkene Medienwelt

Van Gogh TV haben einst Medienkunstgeschichte geschrieben und dabei das Internet vorgedacht. Jetzt wollen sie bei einer Ausstellung in Berlin ihren Nachlass ordnen und dabei ihre Bedeutung klarstellen. Es ist höchste Zeit

Tilman Baumgärtel

“Schnauze, Hentz!” Zweimal hebt Mike Hentz zum Reden an, dreimal wird er rüde unterbrochen. Dann wartet der Mitbegründer des Medienkunstkollektivs Ponton erst mal ab, lässt die anderen reden, und macht sich Notizen – wahrscheinlich dazu, was er gleich erst einmal richtig stellen muss, wenn er denn dazu kommt. Ein bisschen erinnert ein Treffen mit den Mitglieder der Gruppe an das Wiedersehen eines lang geschiedenen Paars, das nach Jahren der Trennung seinen Streit genau dort wieder aufnimmt, wo es ihn einst aufgegeben hat.

Man kann nicht unbedingt sagen, dass bei Ponton die Chemie stimmt. Aber sie scheint noch so zu funktionieren wie vor gut 20 Jahren, als die Gruppe mit ihrem Projekt Van Gogh TV Medienkunstgeschichte schrieb und dabei Anfang der 90er Jahre das Internet und die sozialen Medien vorweg genommen hat. Der permanente Zwist zwischen den Mitgliedern muss zu den Reibungsverlusten gehört haben, die es erlaubten, ein Unternehmen zu betreiben, das künstlerischen Gestaltungswillen mit technischer Innovation verband.

“Interaktives Fernsehen” war damals das Schlüsselwort für eine Zukunft der Fernsehens, die letztlich bis heute nicht stattgefunden hat. Bei den Projekten, die das Ponton European Media Art Lab um 1990 bei der Ars Electronica, dem Osnabrücker Medienkunstfestival und bei der documenta 1992 durchführten, machten sie Medienkonsumenten kurzzeitig zum aktiven Mitgestalter dessen, was auf dem Bildschirm stattfindet. Und so selbstverständlich das heute im Zeitalter von Facebook, Twitter und Youtube wirken mag, so eine abwegige Künstler-Idee war das anno 1986, als die Gruppe aus ehemaligen Mitgliedern der Aktionskunst-Gruppe Minus Delta T und Hackern sich gründete.

Ein paar Jahre später wären solche Vorstellungen dank des Siegeszuges des WorldWideWebs Mitte der 90er Jahre ein ganzes Stück leichter umzusetzen gewesen. Aber als die Gruppe sich daran machten, die Ein-Weg-Medien Radio und Fernsehen zum kollektiven Kommunikationsmedium umzufunktionieren, taten sie das in einer – lange versunkenen – Medienwelt, die durch die öffentlich-rechtlichen Sender und die Deutsche Bundespost geprägt waren. Und die wollten sich nicht gerne von einer zusammengewürfelten Truppe von Künstlern und Bastlern ins Handwerk pfuschen lassen. Der Kampf gegen diesen medialen Status Quo war nicht nur Teil der Kunstpraxis des Kollektivs, sondern vielleicht ihr wichtigstes Werk. Und daran wollen sie jetzt – nach mehr als zwei Jahrzehnten Sendepause – bei einer Ausstellung in der Berliner Galerie Petra Rietz erinnern, indem sie coram publico ihr Archiv ordnen.

Und dieses Archiv ist umfangreich: Von 20.000 Stunden gesendetem Video- und Audio-Material ist die Rede, plus Tagebücher, Skizzenhefte, Briefwechsel, Fotos, vielleicht sogar selbstentwickelte Software, sollte man die noch einmal ans Laufen bekommen. Genau wissen die vier wichtigsten Mitglieder von Van Gogh TV das heute selbst nicht so genau, denn die Relikte ihrer künstlerischen Tätigkeit sind unter den vier Mitgliedern verteilt, und sollen nun zwei Jahrzehnte nach dem letzten großen und endgültigen Krach, der die vierköpfige Kerngruppe sprengte, zum ersten Mal gesichtet und bearbeitet werden.

Der Höhepunkt des Schaffens von Ponton war zweifellos 1992 Piazza Virtuale, ein 100 Tage dauerndes Projekt während der Documenta IX, bei dem man im Nachtprogramm des ZDF miteinander über das Telefon und Video-Schalten, via Fax und über das damals neue Medium der Mailboxen online miteinander kommunizieren konnte – oder auch nicht. “Hallo TV” war der Spottname für das Format, weil sich am Anfang niemand, der sich plötzlich “auf Sendung” fand, mehr traute, als “Hallo” zu sagen. Doch nach einigen Wochen on air fand das Programm sein Publikum, das oft stundenlang in der Telefonwarteschleife verharrte, um bei den nächtlichen Debatten mit zu machen – heute nennt man das übrigens „Chat“.

Schon zuvor hatten Ponton bei Medienkunstveranstaltungen kurzfristig Piratensender eingerichtet, die sendeten, bis die Polizei kam. Sie knüpfte so an eine Kunstpraxis an, die von der Vorgängerorganisation Minus Delta T entwickelt worden war, die 1982 einen fünf Tonnen schweren Stein in einem Truck von Deutschland nach Bangkok fuhren und die Reise in einem im Merve-Verlag erschienen Buch dokumentierten. Wie bei der Reise von Ken Kesey und seinen Merry Pranksters durch die USA in einem schrottreifen Schulbus, die Tom Wolfe 1968 in seinem Buch “The Electric Kool-Aid Acid Test” beschrieb, sollte das Leben selbst zur Kunst werden, das alle Grenzen sprengt – auch und gerade, diejenigen, die der Kunst bis dahin bestimmt waren. Die deutschen Romantiker wären entzückt gewesen, und Joseph Beuys stand Pate.

Bei Piazza Virtuale übernahm während der documenta IX die Technik die Rolle des Großen Kommunikators, der über kulturelle und Ländergrenzen verständigte. Die zwanglose Kommunikation auf dem urbanen Marktplatz einer imaginären alten Europas sollte im sich gerade öffnenden Cyberspace nachgebildete werden – dieses universale Kommunikations- und Gemeinschaftsbedürfnis haben heute Unternehmen wie Facebook oder Twitter zum Business Model gemacht.

Während der gesamten Dauer der Kunstausstellung sendete Ponton jede Nacht mehrere Stunden im ein Programm, das zum Teil in Kassel in einer Container-Siedlung neben dem Fridericianum entstand, zum Teil von den 25 Piazettas rund um den Globus kam, die sich in Deutschland, Tokio, New York und Wien befanden. Viele dieser kurzzeitigen Medienlabore waren in Ländern der Weltgegend, die – nach dem Fall der Mauer und dem Untergang der Sowjetunion – damals gerade aufhörte, zum Ostblock zu gehören: Ex-Ost-Berlin, Riga, Warschau, Moskau.

Die Mitschnitte dieser Sendungen sind inzwischen unbezahlbare Dokumente einer sich ändernden Kommunikationslandschaft. Heute kann man sich über das Internet scheinbar in jeden Konflikt der Erde einklinken. In ihrer besten Zeit nahmen Van Gogh TV diese Situation voraus, in der sich der durchschnittliche Smartphone-Nutzer einer Flut von Nachrichten vom Zuccotti Park, dem Tahrir Platz, dem Maidan oder aus Ferguson aussetzen kann.

„Van Gogh TV: archive in progress“ ab dem 12. September bei der Petra Rietz Salon Galerie in Berlin

Ironischerweise gehörten Van Gogh TV – die ausgezogen waren, grenzenlose Kommunikation möglich zu machen – auch zu den ersten, die sich in der Rolle des Grenzen setzenden Moderators wiederfanden. Sie mussten in der Anarchie des ursprünglichen Wilden Westen des Cyberspace Regeln setzen, um den Umgang von allen mit allen in zivilisierten Grenzen zu halten.