SERIE / 50 Jahre Internet
VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Noch heute wird, wer sich bei Facebook anmelden will, so begrüßt: "Facebook ist und bleibt kostenlos." Pläne für eine werbefreie Bezahlversion des sozialen Netzwerks wurden zwar mal kurzfristig erwogen, aber nie realisiert. Auch die zahlreichen Dienstleistungen von Google, angefangen mit der Websuche über die Karten und Anwendungsprogramme wie Google Docs bis zum E-Maildienst Gmail, sind allesamt gratis - genauso wie die Videos bei der Google-Tochter YouTube.
Dort experimentiert man zwar gegenwärtig mit einer kostenpflichtigen Version, bei der man Kinofilme sehen kann. Aber für Musik- und Katzenvideos oder Schönheitstipps von Influencern muss man dort ebenso wenig zahlen wie für die Mitgliedschaft bei Instagram, Twitter oder TikTok. Die Medienunternehmen, die versuchen, ihre Inhalte hinter Bezahlschranken zu verbergen, zahlen dafür oft mit Bedeutungsverlust. Lediglich Streamingdiensten wie Netflix ist es gelungen, ihre Nutzer für ihr Angebot zur Kasse zu bitten.
Aber im Großen und Ganzen ist das Internet ein Gratis-Medium, in dem viele Leistungen kostenlos zu haben sind, für die man in der Zeit vor dem Internet Geld bezahlen musste: Nachrichten und Börsenkurse standen früher in der Zeitung, Rezepte fanden sich in Kochbüchern, und den Wetterbericht oder die Zeitansage gab es per Telefonanruf, all das hatte seinen Preis.
Das Internet - ein riesiger Kopierer
Was den Nutzern des Internets zunächst wie eine tolle Sache vorkommen mag, hat auch seine Schattenseiten. Denn die wichtigste Einkommensquelle für Internetangebote ist so die Werbung geworden. Der Werbemarkt wird immer stärker von Facebook und Google dominiert, die sich inzwischen einen immer größeren Anteil der Werbeeinnahmen sichern. Medienunternehmen, deren journalistische Arbeit Geld kostet, haben darum zunehmend Schwierigkeiten, ihr Geschäftsmodell aufrechtzuerhalten. Um Nutzeraufmerksamkeit zu binden, bevorzugen Anbieter von YouTube bis zu Focus.de sensationalistische Inhalte oder sparen an der redaktionellen Betreuung ihrer Angebote - man denke nur daran, wie lange es gedauert hat, bis Facebook sich endlich dazu entschließen konnte, Content-Moderatoren einzustellen, die wenigstens die elementarsten Regeln zwischenmenschlicher Kommunikation auf der Plattform durchzusetzen versuchen.
Aber wie kommt es eigentlich, dass im Medium, das heute bei vielen mehr Zeit und Aufmerksamkeit bindet, als gedruckte Nachrichten, Radio und Fernsehen zusammen, der größte Teil seiner Angebote kostenlos ist? Um die "Kostenlos-Kultur" des Internets zu verstehen, muss man seine Geschichte und seine Herkunft kennen. Sie ist einerseits aus den genuinen technischen Eigenschaften aller digitalen Medien erwachsen, andererseits Resultat seiner akademischen Herkunft. Denn als das ARPA Net, Vorläufer des heutige Internets, Ende der 60er-Jahre entwickelt wurde, geschah das, um wissenschaftliche Institutionen miteinander zu vernetzen, nicht um "Game of Thrones" zu streamen.
Die Forscher, die das Netz für das nächste Vierteljahrhundert nutzen sollten, teilten eine Auffassung: dass das Wissen und die Forschungsergebnisse, die ihre Arbeit hervorgebracht haben, für jedermann frei zugänglich sein sollten. Denn der akademische Ethos sieht vor, dass alle Daten und Informationen transparent und nachvollziehbar sein müssen. Geschäftsgeheimnisse sind für Unternehmen wie Coca-Cola oder Google, aber bei einem naturwissenschaftlichen Experiment muss die Versuchsanordnung ebenso nachvollziehbar sein wie die Resultate des Versuchs, um von jedermann überprüft oder weiterentwickelt zu werden. Entsprechend sollen die Niederschriften solcher Erkenntnisse so zugänglich wie möglich sein. Kurz gesagt: Die Schöpfer des Internets betrachteten diese Ressource als eine Art globale Universitätsbibliothek.
Sie gehörten dabei zu den Ersten, die überwiegend mit digitalen Daten auf Computern arbeiteten. Und zu deren wichtigsten Eigenschaften gehört es, dass man sie ohne Qualitätsverlust wieder und wieder kopieren kann. Das ganze Internet ist im Grunde ein riesiger Kopierer: die E-Mail, die von Berlin nach Paris verschickt wird, wird von einem Server zum nächsten weiterkopiert, ebenso wie eine Website oder ein gestreamtes Video. So kam es, dass - als das Internet Anfang der 90er-Jahre langsam für ein größeres Publikum jenseits der akademischen Schicht geöffnet wurde - schlicht kein Bezahlsystem vorgesehen war. Auch als die amerikanische Regierung 1994 das bis dahin strikt unkommerzielle Netz fürs Geschäft öffnete, fanden sich die ersten Anbieter zunächst in einem neuen Raum wieder, in dem man schlicht nicht bezahlen konnte.
Wertvolle Informationen
Online-Versandunternehmen wie Amazon oder Ebay konnten für die Artikel, mit denen sie handelten, Kreditkartenzahlungen annehmen. Aber wer hätte für die Informationen auf einer Website bezahlen wollen - selbst wenn man das zu diesem Zeitpunkt schon gekonnt hätte?
Aufmerksame Beobachter der neuen Technologie hatten dieses Problem kommen gesehen. Steward Brand, der Betreiber eines frühen privaten Online-Netzwerks namens The Well, äußerte bei einem Hackertreffen 1984 in San Francisco den hier prominent zitierten, doppelsinnigen Satz: Information wolle "free", also frei beziehungsweise kostenlos sein. Aber er schränkte gleich ein: "Andererseits will Information aber auch teuer sein, weil sie so wertvoll ist." An diesem Konflikt hat sich im Grunde bis heute nichts geändert: Der Gebrauchswert von Informationen kann zwar immens sein, aber bezahlen will trotzdem niemand dafür und findet im Internet im Zweifelsfall immer einen anderen Anbieter, wenn einer Geld für seine Informationen verlangt.
WOMIT DER NUTZER WIRKLICH ZAHLT
Politik: Wie viel sind den Tech-Giganten wie Google und Facebook, gemessen in Dollar und Cent, Nutzerdaten wert? Die Frage haben die US-Senatoren Mark Warner (Demokraten) und Josh Hawley (Republikaner) im Juni ins Plenum eingebracht.
Wirtschaft: Die Konzerne sagen nicht, was ihnen der Nutzer wert ist. Offensichtlich wird der Wert, wenn ein Unternehmen verkauft oder für den Börsengang bewertet wird. 55 Dollar pro Nutzer waren es bei der WhatsApp-Übernahme, schrieb die Welt.
Medien: Die Netflix-Dokumentation "The Great Hack" geht der Frage nach, was Facebook mit Daten macht. "Daten sind das wertvollste Gut, das wir auf der Erde haben", sagt Brittany Kaiser, die für Cambridge Analytica gearbeitet hat, in dem Film.
SERIE
Snowden, Bitcoin, Apple, Hacker, Google, Zuckerberg, Datenschutz, Cyberangriffe - die Auflistung der Schlagworte, die mit der Entstehung und Nutzung des Internets verbunden sind, ließe sich lange fortsetzen. In der Serie "50 Jahre Internet" greifen sich unsere Autoren jeweils einen Aspekt der Digitalisierung heraus. Tilman Baumgärtel ist Professor für Medienwissenschaft an der Hochschule in Mainz. Er geht der Frage nach, wie es zur Kostenlos-Mentalität im Netz gekommen ist.
50
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