VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut", heißt es im Johannes-Evangelium, das wie die Bibel überhaupt reich ist an Formulierungen dafür, wie Sprache physische Wirklichkeit hervorbringen kann. Die Überzeugung, dass ein Wort nicht nur eine Ansammlung von Lauten ist, sondern immer eine Wirkung hat, zieht sich durch das Alte wie das Neue Testament, und schon in der Schöpfungsgeschichte scheint Gott über einen Amazon-Echo-Lautsprecher zu verfügen: "Gott sprach: 'Es werde Licht!' Und es wurde Licht." Zwar scheitern digitale Assistenten wie Siri oder Alexa vorläufig noch an der Aufgabe, Himmel und Meere "durch den Hauch des Mundes" ihrer User zu erschaffen. Doch dank des technischen Fortschritts sind wir Gottes Wort, dem ausführenden Logos, schon sehr nahe gekommen.

Im Hintergrund, unter dem grafischen Interface von Computerdesktop und Smartphone oder in vernetzten Lautsprechern laufen alphanumerische Codes, also Buchstaben und Zahlen, die im Internet der Dinge Garagentore öffnen oder die Mikrowelle einschalten. Die Veranstaltungsreihe "Das neue Alphabet" im Haus der Kulturen der Welt will aus verschiedenen Perspektiven das Phänomen beleuchten, dass die neue Medienwelt mit Computer und Internet, sozialen Medien und Virtual Reality immer noch eine "Gutenberg-Galaxis" ist, die auf Schrift basiert. Bis 2021 soll mit Konferenzen, Vorträgen, Ausstellungen, Performances und einem "diskursiven Musikfestival" nach der Spur der Worte in der digitalen Welt von Programmen und Dateien, Algorithmen und Simulationen gesucht werden.

Wenn man allerdings liest, dass zum Programm auch eine Reihe mit den Filmen von Heinz Emigholz und zu Architektur und Technologie während des Kalten Kriegs gehören, fragt man sich, ob das Konzept nicht ein Deckmantel dafür ist, um letztlich zu machen, was man sowieso will. Schon die Reihe mit dem ebenso pompösen wie nichtssagenden Titel "100 Jahre Gegenwart" war eine gefällige Verpackung für Veranstaltungen, deren Kombination nicht unbedingt stringent erschien.

Das Eröffnungswochenende von "Das neue Alphabet" brachte von Donnerstag bis Sonntag allerhand Disparates zusammen. Da war zunächst Alexander Kluge, der für vier Tage das Haus der Kulturen übernommen zu haben schien. Wohin man auch blickte, immer sah man auf Flachbildschirme oder kleine Tablet-Computer, die Beiträge aus seinen inzwischen eingestellten Sendungen "10 vor 11" und "News & Stories" zeigten.

Auch den Donnerstagabend hatte Kluge kuratiert und lieferte quasi eine Live-Version seiner Programme für RTL und Sat.1. Auf verschiedenen Panels waren Dauergäste seiner Sendungen wie der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl, Hannelore Hoger oder Helge Schneider vertreten, der, als für den Verfassungsschutz arbeitender "Roboter-Flüsterer" verkleidet, diejenigen amüsierte, die mit dieser Art von Humor etwas anfangen können.

Ein wichtiges Thema der Konferenz war die Versprechung der Künstlichen Intelligenz beziehungsweise der "Künstlichen Dummheit", wie die Künstlerin Hito Steyerl es formulierte. Für sie ist die Technologie, die bei Facebook Propaganda ausfiltern und selbst fahrende Autos durch den Verkehr steuern sollen, vor allen ein Agent von Deregulierung und Neoliberalismus. Auf diesen ideologiekritischen Ansatz konnten sich auch andere Redner einigen: Soziale Medien wie Facebook hätten als kapitalistische Unternehmen keinerlei Interesse an den Inhalten der Kommunikationsakte, die in ihren Systemen stattfinden, analysierte der Schweizer Medienwissenschaftler Felix Stalder, und hätten dadurch den Austausch, den sie möglich machen, von jeder Bedeutung entleert.

Dazu passe, dass die KI, die diese Prozesse steuert und distribuiert, ihrerseits kein Verständnis von Bedeutung und Inhalten habe, sondern nur Muster und Prozesse analysieren könne. Wer den beiden Chatbots zuhörte, die die Künstler Luc Steels und Guilia Bruno miteinander dadaistischen Unsinn plaudern ließen, musste ihm recht geben.

Doch nicht immer sind die Anwendungen der KI so lustig: Die Wissenschaftlerin Kate Craword und der Künstler Trevor Paglen haben die Porträtsammlungen analysiert, mit denen Gesichtserkennungsprogramme gefüttert werden. Ihre Erkenntnis: Keineswegs würden so objektive Analysemuster antrainiert; vielmehr würden die Programme die Prämissen und Vorurteile reproduzieren, mit denen ihre Programmierer sie ausgestattet haben. Auf einem Foto von der Kongressanhörung von Mark Zuckerberg erkannte ein Bildanalyseprogramm die Männer mit Krawatte als "leader", Frauen in Kostüm lediglich als "person". Und mit Suchbegriffen wie "schlechter Mensch" oder "Schlampe" fand das Programm Imagenet in seiner Datenbank Dutzende von Porträts von Menschen, denen derartige Eigenschaften offenbar ins Gesicht geschrieben sind.

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Bildunterschrift: Gutenberg-Galaxis forever: Auch alphanumerische Codes gehören zur Familie. IMAGO