Der Online-Dienst des Springer Verlages beschränkt sich vorerst auf Berlin und bietet seinen Abonnenten ein geschütztes redaktionelles Umfeld, fernab der Wirren des Internet. Doch damit die Leute merken, daß sie so etwas brauchen, wird im Springer Verlag erst Mal kräftig und redaktionsübergreifend die Werbetrommel gerührt. Tilman Baumgärtel berichtet.
Die 25jährige Anneke Bokern aus Berlin-Tempelhof "weiß, was mit Go On alles möglich ist": Geld überweisen, Karten für Theater, Sportveranstaltungen, Rockkonzerte ordern, Faxe senden, Radarfallen lokalisieren. Wenn Hertha ein Tor schießt, kann Anneke das auch gleich erfahren. Und damit nicht genug: "In Windeseile kann ich mit meiner amerikanischen Freundin posten", sagt Anneke. So stand es jedenfalls in der Berliner Ausgabe der "Bild"-Zeitung vom 30. September neben einem Foto von Anneke.
Anneke mußte sich - im Gegensatz zu den meisten jungen Frauen, über deren Privatleben wir in "Bild" lesen - nicht einmal ausziehen, um in der auflagenstärksten deutschen Zeitung ihre Meinung sagen zu dürfen. Komplett angezogen und mit breitem Lächeln sitzt sie neben ihrem Computer, auf dem groß das Logo von Go On prangt - das sich allerdings bei näherem Hinsehen als Pappschild auf dem Monitor erweist. Go On ist der lokale Online-Dienst, mit dem der Springer-Verlag am 30. November Online gegangen ist. Und der Artikel über Anneke in der Bild Zeitung war nur ein Teil einer groß angelegten Kampagne, mit der die Blätter des Springer-Verlags in den vorangegangenen Wochen ihre Leser auf Go On heiß gemacht haben.
Offenbar hatten alle Springer-Redaktionen von der Geschäftsleitung Anweisung bekommen, kräftig die Werbetrommel für Go On zu rühren: In "Bild", Welt, Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt und B.Z. überschlug man sich nur so mit Jubelartikeln, Marke "Internet: Heute in die Welt von morgen reisen" (B.Z., 30. November 1996). Nicht nur durch ganzseitige Farbanzeigen, sondern auch durch ausführliche Artikel wurden die Zeitungsleser in Hamburg (wo Springer fast ein Monopol bei den Tageszeitungen hat) und in Berlin "auf die besonderen Vorzügen des völlig neuen Dienstes Go On hingewiesen." (Berliner Morgenpost, 30. November 1996). Die B.Z. startete dazu eine Serie über Online-Dienste Leseprobe; die Berliner Morgenpost erklärte ihren Lesern eine Woche lang Fachbegriffe wie "HTML" oder "Cyberspace" (Ja, richtig, dieses Wort wurde von William Gibson in seinem "Kult-Roman" "Neuromancer" geprägt.)
Der Springer-Verlag nutzt so seine geballte Marktmacht, um ein neues Medienangebot des Hauses einzuführen und zu bewerben. Zum Start war die Grenze zwischen redaktionellem Inhalt und Eigenwerbung plötzlich aufgehoben. Diese Marketing-Strategie des Springer-Verlages kann man zum Beispiel im Zusammenhang mit Sat.1 schon seit mehreren Jahren beobachten: Shows des ewigen Zweiten unter den deutschen Privatsendern, an dem der Springer-Verlag beteiligt ist, werden in Springer-Blättern von "Bild" bis "Hör zu" grundsätzlich positiv besprochen. So schlecht kann eine Sat.1-Show gar nicht sein (und es gibt viele schlechte Sendungen bei Sat.1, Anm.d.A.), als daß sie in den Springer-Gazetten nicht noch gelobt wurde. Auch als der Springer-Verlag vor einigen Jahren mit Leo Kirch im Clinch lag, wurde die "Bild"-Zeitung (die Axel C. Springer einst seinen "Kettenhund" genannt hatte) auf den Konkurrenten losgelassen. Nachdem der Konflikt zwischen Kirch und den Springer-Erben beigelegt worden war, las man in "Bild" auch keine Angriffe auf den halbblinden Medienmogul mehr.
Lokale Online-Dienste sind in dieser Saison en vogue. Auch die WAZ-Gruppe hat im Ruhrgebiet einen eigenen lokalen Online-Dienst gestartet: Cityweb. Wie Go On bietet Cityweb lokale Einwahlknoten, über die die Abonnenten lokale Informationen abrufen können, aber auch ein Gateway ins Internet. Cityweb kooperiert mit AOL, wahrend Go On mit T-Online eine "strategische Partnerschaft" eingegangen ist. Uber T-Online haben die Go On-Mitglieder so einen (lahmen) Zugang zum Internet und Springer ein sicheres Inkasso-System, mit dem er bei seinen Kunden für Computershopping abkassieren kann. Die Abo-Gebühren werden von der Telekom mit der Telefonrechnung eingezogen.
An redaktionellem Inhalt bietet Go On vor allem aufbereiteten Content aus den Zeitungen des Springer-Verlags. Andere Versprechungen (mit den Nachbarn plaudern, Flugpläne abrufen, Tickets kaufen) konnte Go On in den ersten Tagen noch nicht einlösen: Flugpläne gab es in Berlin nicht, in den Chat-Foren ("Hier surft der Bär" - B.Z., 30. November 1996) herrschte beredtes Schweigen, und die Nachrichten wurden den ganzen Tag nicht auf den neuesten Stand gebracht; erst abends fanden sich die Nachrichten von den Zeitungen des nächsten Tages bei Go On. Wenn Anneke aus Berlin-Tempelhof sofort erfahren will, wann Hertha ein Tor geschossen hat, muß sie daher bis auf weiteres doch Radio hören.
Tilman Baumgärtel