Berliner Ökonomie 2.0
Solange es noch kein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, verdient David Bizer es sich eben selbst
mit individualisiertem Schmuck, den er in die ganze Welt verkauft
Von Tilman Baumgärtel
David Bizer ist ein Unternehmer wider Willen.
Eigentlich waren seine
Waveform Jewelry
nur ein Nebenprodukt seiner Abschlussarbeit an der HfG Schwäbisch Gmünd im Fach Produktdesign: kleine Acrylscheiben, die er mit einer computergesteuerten Fräse in verschiedenen Größen ausschneidet und so auf eine Lederschnur auffädelt, dass sie wie die Hüllkurve eines kurzen Klangs aussehen. Was für ein Sound das ist, kann der Träger selbst entscheiden, aber Bizer weiß:
In 90 Prozent der Fälle ist es Í love you´.
Bizer fädelt die Scheibchen aus Kunststoff oder Holz auf, sodass man sie als Halskette, Armband oder Schlüsselanhänger tragen kann, und schickt das fertige Schmuckstück per Post zurück. Je nach Material kostet das zwischen 30 und 100 Euro plus Versand. Selbst Versionen aus Silber und vergoldetem Messing, die mit einem 3D-Drucker individuell gefertigt werden, bietet Bizer inzwischen an.
Inspiriert war die Arbeit von Firmen, die online die Herstellung von individuelle Produkte anbieten:
Spreadshirt
, die T-Shirts in kleinen Auflagen drucken, oder die amerikanischen Firma Ponoko, der man über das Internet Entwürfe als Datei senden kann, und ein fertiges Produkt aus dem 3D-Drucker zurück bekommt. (Heute bieten Thingiverse und Shapeways ähnliche Dienstleistungen an.)
An der Hochschule in Schwäbisch Gmünd war sein Arbeit zum Thema
Digitale Produktion
2008 kein Erfolg
er bekam die drittschlechteste Note seines Jahrgangs.
Die Professoren haben lieber Arbeiten gesehen, die einen gesellschaftlichen Nutzen hatten und gut gemacht waren. Computer-produzierte Produkte waren denen ein Graus
, sagt Bizer. Doch als Geschäftsidee hat es funktioniert. Inzwischen kann er alleine kaum noch die Bestellungen abarbeiten, die seither über ihn hereinbrachen.
Ohne das Internet hätte das alles nie so funktioniert
, sagt er. Nach Studienabschluss veröffentlichte er seinen Entwurf im Portfolio auf seiner Website, weil man das heute eben so macht. Und schon bald trudelten die ersten Bestellungen ein, auch wenn das gar nicht so geplant war.
Ich habe es den Leuten nicht einfach gemacht, mich zu kontaktieren. Aber wenn es jemand geschafft hatte, wollte ich ihn auch nicht enttäuschen.
Was folgte, war eine Start-Up-Entwicklung fast wie aus dem Betriebswirtschafts-Schulbuch, das Bitzer freilich nie gelesen hat und auch ohne
Business Angels
Venture Capital
: Wie ein klassischer Gründer hörte er auf den Markt, und lieferte, was dieser wollte
und es ihm per Email mitteilte. Wenn auch erst nach einigem Widerstand. Als ihm die Bestellungen
zu stressig
wurden, veröffentlichte er im Netz eine Anleitung, wie man sich die Ketten selbst macht. Das Resultat: Noch mehr Bestellungen.
Die Kunden haben gesehen, dass das doch nicht so einfach ist, wie es aussieht. Da habe ich gelernt, dass es etwas bringt, wenn die Leute von Dir klauen wollen.
Als dann noch ein amerikanisches Unternehmen seine Idee kopierte, entschied er sich, seine Idee zu einem Internet-Business auszubauen.
Er gestaltete seine Website zum Online-Shop um, richtete eine Paypal-Account ein, und erhält inzwischen täglich fünf bis zehn Bestellungen aus der ganzen Welt.
In Deutschland verkaufe ich relativ wenig
, sagt er.
Die meisten Bestellungen kommen aus dem Ausland.
(Die amerikanischen Copycats sind lange vom Markt verschwunden.)
Von seinen aufgefädelten Soundfiles kann Bizer in Berlin, wohin er nach seinem Bachelor zog, inzwischen auf bescheidenem Niveau leben
obwohl er seinem eigenen Produkt immer noch reserviert gegenübersteht:
Für meine Abschlussarbeit habe ich nach etwas gesucht, dass man leicht mit 3D-Programmen entwerfen kann, das eine Maschine wie ein 3D-Drucker oder eine Laser-Fräse schnell, aber individuell produziert und für das die Leute bereit sind, Geld auszugeben. Das alles gilt für Schmuck. Dabei habe ich selbst eigentlich gar keine Bezug zu Schmuck. Und ich würde diese Ketten auch nicht unbedingt tragen.
Die These seiner Abschlussarbeit über digitale Produktion hat er selbst inzwischen bewiesen:
Ich wollte zeigen, dass man im Internet-Zeitalter experimentelle Entwürfe im Netz präsentieren kann. Und wenn sie angenommen werden, kann man ein Unternehmen aufbauen, ohne in Vorleistung zu gehen. Ich habe mir keine Maschinen angeschafft, keine Mitarbeiter angestellt und keinen Kredit aufgenommen.
Inzwischen produziert er die Scheibchen für seine Ketten im FabLab im Prenzlauer Berg, in dem man stundenweise Geräte mieten kann, und fädelt sie selbst in einem vollgeräumten Kreuzberger Büro auf, das er sich mit einer Gruppe von Designer teilt. In der Vor-Weihnachtszeit musste er sogar Helfer anstellen, die ihn beim Fädeln unterstützen
unter anderem die schulpflichtige Tochter seines Programmierers, die für ihn die Schutzfolie von den Plättchen aus der Laser-Fräse abpult. Das ist die Berliner Ökonomie 2.0.
Ich mache alles selbst
vom Marketing bis zum Service
, sagt Bizer, der seine Kunden per Email bei der Gestaltung ihrer Ketten berät. Und natürlich bis hin zum Versand. Denn wenn eine Kette fertig ist, muss er sie immer noch eintüten, ein Versandetikett beschriften und es verschicken.
Wenn ich abends fertig bin, gehe ich zu einem Späti in der Nachbarschaft, bei dem man seine Post aufgeben kann. Das ist nicht so nervig wie im Postamt, wo man in einer langen Schlange steht und sich die Leute hinter einem aufregen. Der Späti-Typ kann in aller Ruhe die Pakete annehmen, und ich trinke mein Feierabendbier.
Natürlich könnte er die Umschläge mit seinen Produkten auch einfach in den Briefkasten werfen.
Aber dann dauert es, bis man die Pakete anhand ihrer Tracking-Nummer im Internet verfolgen kann und meine Kunden drehen durch
, sagt Bizer, der die ganze praktische Arbeit am liebsten heute schon an eine Behindertenwerkstatt abgeben würde. Doch die Kunden werden immer mehr, und der Geschäftsablauf muss laufend optimiert werden:
Am Anfang hatte ich plötzlich viele Bestellungen, wenn mein Schmuck in einem Blog erwähnt wurde.
Doch inzwischen sind solche
der Normalfall geworden
dank der sozialen Medien.
Wenn jemand eine Kette von mir bekommt, posten die Leute oft ein Bild auf Facebook, und das bringt mir neue Kunden.
Und bei Micro-Blogs wie Tumbler und Pinterest
verschwindet man nicht mehr einfach so im Archiv. Wer da nach Schmuck sucht, findet dann auch die Postings über meine Arbeit und bestellt unter Umständen.
Conversion Rate
auf seiner Website
also das Verhältnis von Leute, die sich seine Website ansehen zu denen, die etwas bestellen
sensationell hoch
: XXXXX XXXX.
Ganz glücklich wirkt Bizer trotz allem nicht.
Ich bin eigentlich ein Unterstützer des bedingungslosen Grundeinkommens. Am liebsten wäre es mir, wenn der Staat mir ein kleines Gehalt zahlen würde, dann könnte ich an meinen Entwürfen arbeiten und sie verbreiten. Aber solange es das noch nicht gibt, ist halt dieser Schmuck mein Grundeinkommen.
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