Auch in Berlin ist Do-it-yourself Mode geworden. In unserer Serie stellen wir in loser Folge Selbermach-Trends und die Menschen dahinter vor. Heute: Im Nadelwald kann jeder an die Nähmaschinen.
"Immer wenn ich den Stoff oben festgezuppelt habe, gehen die Streifen unten nicht mehr zusammen", sagt die Kundin, und deutet auf die fertig zugeschnittenen Teile eines Kindersweaters. Swantje Wendt nimmt ein paar Stecknadeln in die Hand und fügt Vorder- und Rückseite des Kleidungsstücks auf der linken Seite zusammen. Die Kundin tut dasselbe auf der anderen Seite. Dann sagt sie "Autsch" und lutscht sich am Zeigefinger - die Nadel ist in der Fingerkuppe gelandet.
"Sprechstunde" im Atelier Nadelwald in Neukölln. Zwei Mal in der Woche erklärt Swantje Wendt, wie man Schnittmuster liest, Stoffe zuschneidet, Knopflöcher einfasst. Ihr offenes Atelier nennt sie einen "Co-Sewing Space" in Anlehnung an die "Co-Working Spaces", die in ganz Berlin aus dem Boden schießen. Im Co-Working Space finden Programmierer, Webdesigner und Autoren fertig eingerichtete Arbeitsplätze, die sie stunden- oder tageweise mieten können. Im Nadelwald finden sich 18 Nähmaschinen, ein Zuschneidetisch und eine Bügelanlage. Mit ihnen können Hobbynäher genauso wie professionelle Modedesigner eigene Entwürfe fertigen.
Wendt hat ihr Handwerk von der Pike auf gelernt: Erst von ihrer Großmutter, einer Schneiderin, und von ihren Eltern, die eine Stickerei betrieben. Dann machte sie eine Lehre als Schneiderin und studierte in Mannheim Modedesign. Nach dem Studium folgten ernüchternde Arbeitserfahrungen: "Viele deutsche Modelabels gucken nur, was andere machen, kopieren die Entwürfe und lassen sie dann in Pakistan fertigen", sagt Wendt. Mit Anfang 30 entschied sie, sich in Berlin selbstständig zu machen. Aber sie wollte nicht allein zu Hause arbeiten und konnte sich kein eigenes Atelier leisten. Da kam ihr die Idee, ein großes Ladenlokal zu mieten und mit anderen zu teilen. Als bei eBay die Einrichtung eines Ateliers angeboten wurde, ersteigerte sie alle Nähmaschinen.
Platz dafür fand sie in einer ehemaligen Galerie in der Neuköllner Friedelstraße im Reuterkiez. Dort befinden sich seit einem Jahr zwei helle Verkaufsräume, in denen sie Arbeiten von befreundeten Designern anbietet, und ein Atelier im Hinterzimmer. Für neun Euro pro Stunde kann man an den Nähmaschinen arbeiten, Tipps und Ratschläge gibt's gratis. "An manchen Tagen kommt niemand, an anderen Tagen komme ich kaum dazu, mich mal hinzusetzten", sagt Wendt. Die Kosten konnte sie von Anfang an durch ihre Einkünfte bezahlen. Bis Ende des Jahres hofft sie, vom Nadelwald leben zu können.
"Die Vermietung ist ein Zwischenschritt gewesen, der zur Hauptsache geworden ist", sagt Wendt. Eigentlich wollte sie mit der Vermietung der Arbeitsplätze ihre eigenen Kreationen finanzieren. Aber seit Selbermachen zum Trend in der Berliner Boheme geworden ist, ist der Nadelwald zu einem Anlaufpunkt der Do-it-yourself-Szene geworden. Im Winter waren fast alle Strickkurse, die sie abends anbietet, ausgebucht. Auch junge Männer wollen seit einiger Zeit lernen, wie man sich einen Schal strickt. Wendt: "Am Anfang habe ich gedacht, dass mehr Profis kommen würden. Aber die meisten sind Hobbyleute."
Woher kommt der Trend? "Viele haben eine Nähmaschine zu Hause, aber sie wissen nicht, wie man mit ihr umgeht. Das lernt man heute nicht mehr in der Familie", sagt Wendt. "Doch immer mehr Menschen wollen wieder etwas mit den Händen machen. Sie sitzen den ganzen Tag am Computer und wollen einen Ausgleich." Ein wachsender Drang zum Individualismus spiele der Bewegung zu: "Wenn man seine Sachen selbst macht, hat man etwas, was kein anderer trägt." Dann seien da noch die Berichte über die brutalen Arbeitsbedingungen in Bangladesch oder China. Trotzdem sei Do-it-yourself ihrer Einschätzung nach im Augenblick eine reine Lifestyle-Angelegenheit: "Aber es könnte eine politische Haltung werden."
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Foto: Nähen ist doch ganz einfach: Swantje Wendt erklärt, wie es geht.