WIRTSCHAFT 29 15. MAI 2014 DIE ZEIT No 21 Generation Handarbeit Schreinern, Töpfern, Basteln: Etliche Menschen sehnen sich plötzlich danach, selbst etwas herzustellen. Wie muss das aussehen, um davon sogar leben zu können? VON TILMAN BAUMGÄRTEL Vom Werber zum Taschennäher: Hugo Berneth in seinem Laden in Berlin E in Schicksalsschlag hat Marisa schen Bedingungen produzierten und schnell eine Geschichte ihres MöbelbauProjekts senden. Integrität der Produzenten zu überzeugen. »Vorher halten können. Die Selbermacher sind um eine Nöldeke zur Heimwerkerin ge konsumierten Waren. Daraus ist ein Buch entstanden. wusste ich noch nicht einmal, woher Wolle kommt. ausgeglichene WorkLifeBalance bemüht. Weil sie macht. Bis November 2008 war Gestrickt, geschneidert, gebastelt und gewer Vergangenes Jahr hat Van Bo Le Mentzel das Prin Ich dachte, die wächst irgendwo auf Bäumen.« Als die oft zu Hause arbeiten, können sie sich die Arbeits ihr Leben einem ambitionierten kelt wird in Deutschland von jeher – in keinem zip der OnlineZusammenarbeit noch weiter getrie Schuhe in Berlin angeliefert wurden, halfen Mitglieder zeit frei einteilen. Und indem sie ihre Produkte Plan gefolgt: Nach ihrem Studi anderen Land Europas geben die Menschen ben. Über eine CrowdfundingSeite im Internet seines Unterstützerkreises, der »Crowd«, bei der Ver über das Internet anbieten, steuern sie selbst, wie um der Wirtschaftswissenschaft mehr Geld in HeimwerkerMärkten und Läden suchte er Investoren, die bereit waren, für einen ethisch packung für den Versand. Nun können sie Turnschu viel Zeit sie in die Herstellung ihrer Waren ste in Berlin, Zürich und den USA für Bastelbedarf aus. Rund 2000 Baumärkte er und ökologisch korrekten Turnschuh 70 Euro zu he tragen, die für Van Bo Le Mentzel gutes Karma cken: Lässt die Lebenssituation keinen vollen Ein war sie als Professorin an eine private Hochschu wirtschafteten 2011 laut dem Verband der Han zahlen. 500 machten mit. Dafür durften sie an der besitzen, weil bei ihrer Herstellung niemand ausgebeu satz zu oder ist das Produkt ein Flop, werden im le in Hamburg berufen worden, hatte geheiratet delsbetriebe für Heimwerken, Bauen und Garten Gestaltung der Schuhe mitwirken. Aus Konsumenten tet wurde – er nennt sie »Karma Chakhs«. Onlineshop weniger Sachen angeboten, oder er und mit 29 Jahren ihr erstes Kind zur Welt ge 18,7 Milliarden Euro. Doch in den vergangenen wurden Produzenten. Van Bo Le Mentzel fuhr nach Anders als bei InternetStartups putschen sich wird ganz geschlossen. Van Bo Le Mentzel ist gera bracht. Doch dann wurde bei ihrer Tochter He Jahren hat sich etwas Neues entwickelt, eine Art Indien, Sri Lanka und Pakistan, um nach biologisch die neuen Heimwerker für ihre Arbeit nicht mit de Vater geworden und hat sich erst mal in die lene Leukämie diagnostiziert. Das Kind starb, Heimwerken 2.0. Hier geht es nicht um traditio angebauten Rohstoffen zu suchen und sich von der ClubMate auf, damit sie Tag und Nacht durch Babypause verabschiedet. trotz einer Knochenmarktransplantation. »Da nelle Handwerkstechniken, im Gegenteil dürfte nach konnte ich nicht mehr in mein altes Leben vieles von dem, was die neue Doityourself zurück«, sagt Nöldeke. Sie kündigte, zog mit ih Szene macht, bei ausgebildeten Handwerkern rem Mann nach Berlin – und begann zu basteln. Stirnrunzeln auslösen. Den Selbermachern geht »Weil ich im Krankenhaus immer so lange es darum, mit einfachen Kniffen und pfiffigen warten musste, habe ich angefangen, mir im In Ideen etwas Eigenes zu kreieren. ternet Handarbeitsblogs anzusehen«, sagt sie. Wer bei der Berliner DIYSzene genau hinsieht, Eine Zeit lang widmete sie sich dem, was heute lernt Produzenten kennen, die paradoxerweise Ge »Scrapbooking« genannt wird. Sie gestaltete Fo schäfte gründen, um den Widersprüchen des Ka toalben und Erinnerungsbücher – vor allem mit pitalismus zu entkommen. Viele dieser Selfmade Bildern ihrer verstorbenen Tochter. »Die Arbeit Unternehmer nehmen Kredite auf, bezahlen Busi mit den Fotos hat mir wohl geholfen, den Verlust nessCoaches für Tipps und Grafikdesigner für ein meiner Tochter aufzuarbeiten«, sagt sie. Später zugkräftiges Logo. Und obwohl sie ihre Produkte entdeckte sie eine Methode, Fotos auf Stoff zu in einem präindustriellen Modus herstellen, in drucken, aus dem sie Schlüsselanhänger, Handy kleiner Stückzahl, zu Hause und nicht in einer Fa hüllen und Tragetaschen machte. Bald fand brik, ist ihr Dasein ohne moderne Technologien Nöldeke Käufer im Bekanntenkreis. Sie stieß nicht vorstellbar. Das Internet hat den Vertrieb auf die Internetplattform Dawanda, über die demokratisiert: Websites wie Etsy und Dawanda man Selbstgemachtes verkaufen kann. Und auf erlauben es den Heimarbeitern, ihre Waren rund einmal verdiente sie mit ihren Handarbeiten in um den Globus anzubieten. Berliner Selbermacher der Weihnachtssaison so viel Geld wie früher als berichten begeistert von Verkäufen in ganz Europa, Professorin. Was als Therapie begonnen hatte, nach Nordamerika und Asien. war zu einer Einkommensquelle geworden. Die SelbermacherWelle lebt dabei von zwei Nöldeke gehört zu einer Armee von Selber scheinbar gegensätzlichen Entwicklungen: einer machern, die in den vergangenen Jahren die Freu rasant wachsenden kreativen Klasse, die Fächer wie den der Handarbeit wiederentdeckt haben. Vielen Produktdesign, Grafik oder Mode studiert hat, geht es dabei um Selbstfin aber keine Arbeit findet – oder dung, um innere Befriedigung nur eine, die als ausbeuterisch Oft stürzen sich – »die Freude daran, etwas gut und unbefriedigend empfun zu machen«, wie es der ame gerade diejenigen, die den wird. Und dem Trend des rikanische Soziologe Richard »DeSkilling« vieler junger mit Ikea und H&M Sennett in seinem Buch Hand- Menschen, die mit immer werk nennt. Und wenn dabei aufwuchsen, mit weniger handwerklichen Er noch etwas herausspringt – fahrungen aufwachsen, weil in größter Begeisterung umso besser. ihrem Elternhaus nicht gebas Gerade nach Berlin, wo aufs Selbermachen telt, geschneidert oder gekocht Ladengeschäfte und Gewer wurde. Und die nun mit Er beflächen noch immer zu ver staunen auf jeden sehen, der gleichsweise niedrigen Mieten zu finden sind, einen Nagel in die Wand schlagen oder ein Omelett kommen junge Leute, um sich mit Selbstgemach backen kann. Oft sind es gerade diese Kinder von tem eine Existenz aufzubauen. So wie Hugo Ber Ikea und H&M – denen ein Hobbykeller oder ein neth. Bis 2012 arbeitete der 39Jährige in einer Nähkästchen so fremd ist wie das Innere einer Te Hamburger Werbeagentur. Kein schlechter Job, lefonzelle –, die sich mit der größten Begeisterung aber auch keiner, der ihn glücklich machte. Zu aufs Selbermachen stürzen. frieden macht es ihn hingegen, Nachttischlampen So wie der Berliner Architekt Van Bo Le Ment aus Spanplatten zu bauen oder Äste in Decken zel, einer der mitreißendsten Prediger der DIY leuchten zu verwandeln. Der Ausstieg aus dem Szene. Er gibt gerne zu, dass er eigentlich zwei linke Agenturtrott war für ihn »ein egoistischer Akt«, wie Hände hat. »Ich bin ein totales AchtzigerJahre er sagt. Er kündigte, zog mit seiner Frau nach Ber Markenkind, aufgewachsen mit Levi’sJeans und lin, fand am Reuterplatz in Neukölln ein leer ste McDonald’s«, erklärt der 36Jährige. Nach seinem hendes Ladenlokal und eröffnete eine Boutique Studium fand er keine Arbeit und belegte einen namens Misuki. Volkshochschulkurs im Möbeltischlern, um seine Dort umgibt ihn ein Reich voll handgetöpfer Freundin mit einem selbst gebauten Stuhl zu beein ter Tassen und selbst gefädeltem Schmuck, Brot drucken. Daraus entstanden von 2010 an seine boxen aus recycelbarem Bambus und hölzernen »HartzIVMöbel«, die ihm Presseberichte, Aus Kreiseln. »In Hamburg hätte ich das nie machen stellungsbeteiligungen und Auftritte in Talkshows können. Die Gewerbemieten sind einfach zu eingebracht haben. Es sind Stühle, Tische und hoch«, sagt Berneth. In seinem Laden verkauft er Betten, die man für wenig Geld und ohne große seine Lampen sowie Topflappen und Stoffpup handwerkliche Fähigkeiten mit Material aus dem pen, die seine Frau näht. Außerdem können Baumarkt zusammenbauen kann. Das passt zu ei Heimwerker aus der Nachbarschaft für wenig nem Zeitgeist, in dem viele der Arbeit am Rechner Geld ein Regalbrett bei ihm mieten, um darauf müde geworden sind und statt »irgendwas mit ihre Waren anzubieten. Jedes Detail ist liebevoll Medien« lieber »irgendwas mit den Händen« ma gestaltet. Auf der Ladentheke steht ein Teller mit chen wollen. »EntscheidungshilfeKeksen«. Auch der Teller ist Für Van Bo Le Mentzel ist dieser Trend die natürlich selbst getöpfert. haptische Weiterentwicklung der OpenSource Das Geld, das Berneth verdient, reicht gerade Software. Darunter versteht man Com pu ter für die Ladenmiete und eine Wohnung in der program me wie Linux oder Firefox, an denen Ent Nachbarschaft. Doch in seiner Boutique kann er wickler unentgeltlich arbeiten, deren Programm seinen Drang, selbst etwas zu schaffen, ausleben. zeilen öffentlich sind und von jedermann verbessert »Manchmal ist das auch anstrengend, und ich werden können. Auch Van Bo Le Mentzel teilt bleibe lange auf, um etwas so zu machen, dass ich seine Ideen über das Internet mit anderen. Seine damit zufrieden bin.« Aber auf jeden Fall sei er Baupläne schickt er jedem, der ihn darum bittet – »immer von schönen Dingen umgeben« – und wenn die Interessenten bei seinem »Designermöbel nicht von in der Dritten Welt unter ausbeuteri für alle«Projekt mithelfen, indem sie ein Foto oder TIEZ EID rüf zuerktsO/reföhhciE nepsE :otoF Jürgen Klopp, Genossenschaftsmitglied seit 2005 J g b e e e t n r z a o t t s e s n en la s s c s h e a n f ! tlich Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt. Wir machen den Weg frei. NurwerseineZieleimAugebehält,kann sieauchverwirklichen.
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