Im Netz geht es weiter // Das Computerspielemuseum Berlin wurde 1997 eröffnet, Träger ist der Förderverein für Jugend- und Sozialarbeit. Zuletzt umfasste es allein 200 historische Rechner und unzählige Spiele auf unterschiedlichsten Datenträgern - von Cardridges bis zur CD-Rom. In der vergangenen Woche wurde das Museum aus Geld- und Personalnöten bis auf weiteres geschlossen. Die Exponate wurden in zwei Kellern in Mitte und in Hellersdorf zwischengelagert, wo sie für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Nun sind die Betreiber auf der Suche nach Sponsoren; werden die nicht gefunden, wird daran gedacht, die Sammlung außerhalb Berlins unterzubringen. Das Siemens-Nixdorf-Museum in Paderborn hat bereits Interesse signalisiert.

Im Netz sind einige Exponate weiterhin zu sehen: www. computerspielemuseum. de

Am schwierigsten war der Abtransport des IBM-Mainframes. Der Computer aus den frühen 80er-Jahren ist so groß wie ein Kleiderschrank, aber viel schwerer. Die Möbelpacker wollten ihn erst gar nicht mitnehmen. Nur unter der Bedingung, dass sie das Gerät keine Treppe hinauftragen müssten, hievten sie die sperrige Kiste schließlich doch in den Umzugswagen.

Der IBM-Computer ist einer von 200 historischen Rechnern aus der Sammlung des Berliner Computerspielmuseums, das vergangene Woche auf unbestimmte Zeit geschlossen worden ist. Jetzt stehen sie in zwei Kellern in Mitte und in Hellersdorf. "Ein begehbares Depot" nennt das Klaus Spieler vom Förderverein für Jugend- und -sozialarbeit (FJS), der das Museum 1997 gegründet hat. Aber tatsächlich ist das weltweit einzige Museum, das sich der Entwicklung der Computergames widmet, bis auf weiteres für die Öffentlichkeit geschlossen.

Zork, Pac Man, Poly-Play

Drei Jahre lang waren in einer Dauerausstellung historische Spiele wie "Zork", "Donkey Kong" und "Space Invaders" auf den Originalmaschinen zu besichtigen und auch zu spielen. Die ersten westdeutschen Spielkonsolen aus den 70er-Jahren waren hier ebenso zu bestaunen wie der Poly-Play, der einzige Videospielautomat, der in der DDR hergestellt wurde und in einem Keller des Palasts der Republik gespielt werden konnte.

"Wir nehmen für uns in Anspruch, dass wir die Geschichte des Mediums vollständig darstellen können", sagt Andreas Lange, der Leiter des Museums. Für den studierten Religionswissenschaftler, der seine Magisterarbeit über Videospiele geschrieben hat, sind die Games ein erhaltenswertes Kulturgut. Als er begonnen habe, die Sammlung seines Museums aufzubauen, habe er sich gedacht: "Erst mal nur retten."

Die Spiele seien nicht nur für die Computerindustrie ein Ansporn gewesen, immer leistungsfähigere Computer zu bauen. Sie hätten vor allem auch dazu beigetragen, die neue digitale Technologie alltäglich und selbstverständlich zu machen. Da die Spiele oft als Kinderkram abgetan wurden, sind viele von ihnen kaum noch zu finden, weil sie irgendwann auf dem Müll landeten.

Für das Computerspielemuseum hat Andreas Lange seit 1996 eine repräsentative Sammlung von Games zusammengetragen; 40 von ihnen waren in der Rungestraße zu sehen. In einem Archiv werden 8 000 Computerspiele auf Disketten, CD-Roms und Cardridges aufbewahrt. Da der Förderverein für Jugend- und Sozialarbeit, der das Museum trägt, auch die Altersfreigaben für Videospiele festlegt, geht dort seit 1994 fast die gesamte deutsche Produktion ein - eine wohl einmalige Sammlung.

Sogar Nolan Bushnell, der Erfinder des ersten Videogames "Pong!" und Gründer der in den 70er-Jahren millionenschweren Computerfirma Atari hat dem Museum schon einen Besuch abgestattet. Auch bei Ausstellungen in München, Zürich und Tokio waren Exponate aus dem Berliner Computerspielemuseum zu sehen, das eine Reihe von Prototypen besitzt, die nie in den Handel gekommen sind.

Andreas Lange schätzt die Anschaffungskosten der gesamten Sammlung auf 80 000 Mark. Der Wert steigt allerdings inzwischen monatlich. "Als wir damit angefangen haben, galten alte Computer noch als Elektroschrott", sagt Lange, der viele Ausstellungsstücke auf Flohmärkten und in Second-Hand-Läden ertrödelt hat. "Aber inzwischen gibt es einen richtigen internationalen Sammlermarkt."

Auf dem werden für seltene Geräte und rare Spiele hohe Summen bezahlt. "Aber auch wenn man eine dicke Geldbörse hat, kann man manche Spiele, die wir haben, nicht kaufen, weil sie gar nicht mehr angeboten werden", sagt Lange.

Bei der Kulturverwaltung Berlin ist das Interesse an der Sammlung allerdings eher gering. Der ehemalige Kultursenator Radunski fühlte sich für das Museum gar nicht erst zuständig, weil er Computerspiele nicht für Kultur hielt. Sein Nachfolger Christoph Stölzl ist zwar aufgeschlossener, kann aber angesichts leerer Kassen nur Unterstützerbriefe schreiben, mit denen das Computerspielemuseum auf Sponsorensuche gehen soll. Kerstin Schneider, die Sprecherin des Senats für Kultur und Wissenschaft: "Angesichts der aktuellen Haushaltlage ist eine Unterstützung dieses Museums unmöglich." Vom Senat fühlt sich Spieler abgewimmelt; auch eine Zusammenarbeit mit dem Kreuzberger Technikmuseum oder der Stiftung Stadtmuseum kam nicht zustande.

So ist das Computerspielemuseum in der paradoxen Situation, einerseits Exponate für die 30 Millionen Mark teure Ausstellung "Sieben Hügel" zuzuliefern, aber selbst seinen Betrieb ausschließlich mit ABM-Kräften führen zu müssen. Als das Arbeitsamt nun eine der beiden Stellen strich, beschloss Direktor Lange, der seine Aufgabe selbst seit zwei Jahren nur noch ehrenamtlich ausübte, sein Haus ganz zu schließen - "wenn auch nur schweren Herzens", wie er zugibt. "Aber so kann man auf Dauer einfach kein Museum betreiben."

Paderborn hätte Interesse

Wenn nun keine finanzielle Unterstützung durch den Senat oder einen Sponsor gefunden wird, denkt man daran, die Sammlung an eine Institution außerhalb von Berlin weiterzugeben, wo sie wieder der Öffentlichkeit zugänglich wäre. Das Siemens-Nixdorf-Forum in Paderborn, eines der größten Computermuseen der Welt, hat bereits Interesse geäußert. Berlin würde dann eine einmalige Sammlung verlieren, die die Stadt für relativ wenig Geld hätte bekommen können. "Wir sind gespannt, ob Berlin, das sich ,Stadt des Wissens nennt, uns einfach ziehen lässt", sagt Klaus Spieler.