VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Extrembasteln nennt man ihre Experimente: Das Berliner Kollektiv Trafo Pop dekoriert Kleidung mit Leuchtdioden. Wenn die Bastler nachts mit blinkenden Klamotten auf dem Fahrrad durch Berlin fahren, gibt es schon mal spontanen Applaus. Gedacht war Trafo Pop am Anfang eigentlich als Fahrrad-Kollektiv nach dem Vorbild der Radler-Demo Critical Mass. "Es macht einfach mehr Spaß, in der Nacht in einer Gruppe durch die Stadt zu fahren als allein", sagt Thomas Gnahm, einer der Gründer der Gruppe.

Noch mehr Spaß macht es freilich, wenn man dabei funkelt wie ein Weihnachtsbaum. Darum begann das Kollektiv aus Designern, Künstlern und Bastlern, ihre Bekleidung mit Leuchtdioden zu verzieren. Auf einer Jeansjacke, die so entstand, blinkten 100 Lichter in bunten Mustern. Bei einer anderen glotzte ein aufgenähter Wolfskopf mit bedrohlich grünen Augen in den Straßenverkehr.

Leuchtdioden, kurz LED, sind die kleinen Birnchen, die - zu Buchstaben angeordnet - beispielsweise anzeigen, wohin die Straßenbahn fährt oder ob der Spätkauf geöffnet ist. "Wir können unsere LEDs mit einem Computerprogramm steuern", sagt Stefan Heintz, Elektronikspezialist von Trafo Pop. Er hat ein Computerprogramm geschrieben, mit dem man die Dioden in Mustern blinken lassen kann. Das Programm wird auf einer winzigen Platine gespeichert und steuert aus der Jackentasche die Lichter. Mit dieser Methode kann man sogar Videos auf der eigenen Jacke zeigen. In 16 Millionen Farben blinken die Birnchen. Nach sterilem High Tech sehen die Sachen, die mit ihnen geschmückt werden, nicht aus. Dafür sorgen schon die bunten Klebefolien und Hirschgeweihe, mit denen sie oft auch noch dekoriert sind.

"Wearable Electronics" nennt man den Trend, Kleidung mit Technologie zu kreuzen. Schon Ende der 90er-Jahre experimentierten amerikanische Wissenschaftler mit Bekleidung, die elektronisch aufgehübscht wurde. So entstanden Pullover, die die Uhrzeit anzeigten oder die Pulsfrequenz ihres Inhabers ins Internet hochluden. Langsam, aber sicher kommt der Trend nun in der Mode an, die nicht nur von Computer-Nerds getragen wird.

"Trafo Pop ist für mich ein Spielplatz, ein Forschungslabor, in dem wir Ideen ausprobieren können", sagt Thomas Gnahm. In der Zukunft will er Bekleidung schaffen, die auf ihre Umwelt reagiert. Mit Hilfe eines Bewegungssensors könnte eine Jacke registrieren, wenn man mit dem Fahrrad langsamer wird und rot aufleuchten, um andere Radler darauf aufmerksam zu machen. Wenn man an der Ampel stehen bleibt, könnte dann "Stop!" auf dem Rücken stehen. Obwohl Trafo Pop erst seit August seine Kollektion auf einer Website zeigt, haben sich bereits große Bekleidungshersteller gemeldet, um Kooperationen anzubieten.

Die Gruppe veranstaltet auch Workshops, bei denen andere lernen, wie man Kleidung elektronisch aufmotzt. Etwa 250 Euro kosten die Bauteile für eine Strom-Jacke, die man in zwei Tagen fabrizieren kann. Die Computerprogramme, die Trafo Pop für ihre Klamotten entwickelt haben, veröffentlichen sie auf ihrer Website, wo sie jeder herunterladen kann. Doch die blinkenden Outfits können auch ganz profanen Zwecken dienen. "Als wir neulich in den Club Kater Holzig eingeladen waren", sagt Stefan Heintz, "bin ich von sehr vielen Mädchen angesprochen worden." Trafo Pop im Internet:

www.trafopop.com

STEFAN HEINTZ Es funkelt und blinkt auf der mit Leuchtdioden verzierten Jacke.