Verboten bis zur Erlaubnis
Marek Brunner wird dafür bezahlt, dass er spielt. Der 27jährige testet
Computergames. Seit am 1. April ein neues Jugendschutzgesetz in Kraft getreten ist, ist das ein wichtiger Beruf
Von Tilman Baumgärtel
Seinen Job bekam Marek Brunner bei einer Geburtstagsparty. Als der damals
19jährige hörte, wie ein Gast sich lautstark über Computerspiele ereiferte,
konnte er sich irgendwann nicht mehr beherrschen. "Ich bin in meinem ganzen
Leben nur zweimal richtig wütend geworden, und das war das eine Mal",
erinnert er sich heute. "Ich habe dem Mann kräftig Kontra gegeben."
Zufällig hörte eine Angestellte des Förderverein für Jugend und Sozialarbeit den jungen Mann, der sein Hobby so vehement gegen einen wesentlich älteren Partygast verteidigte. Noch am selben Abend warb sie Brunner und einen Freund für ein neues Projekt ihrer Institution an: für die Unterhaltungssoftware Selbst-Kontrolle (USK), die Altersfreigaben für Computerspiele erstellen sollte - eine Art Freiwillige Selbstkontrolle für Games.
Seit 1995 wird Marek Brunner nun dafür bezahlt, dass er spielt. In acht
Jahren hat sich der studierte Medieninformatiker im Auftrag der USK durch mehr als 4000 Computerspiele gearbeitet. Er ist durch unterirdische Raumstationen auf dem Mars gerannt und hat wild um sich geschossen, er ist durch Höhlen gekrochen und hat dabei Zauberschüssel und Munition gesammelt, er hat Rätsel gelöst und versteckte
Türen gefunden, er hat kleine Affen in Plastikkugeln durch ein Labyrinth
manövriert und so viele herabfallende Würfel wie möglich aufgefangen. Spaß
macht ihm das immer noch, sagt er. "Vor acht Jahren habe ich gedacht, mit
Anfang 20 ist es mit dem Spielen vorbei." Doch inzwischen ist er 27 und der
dienstälteste Spiele-Tester bei der USK.
Dort führt Brunner ein- bis zweimal pro Woche die wichtigsten Stellen eines
Games einem Gremium von fünf Gutachtern vor. Die entscheiden dann darüber,
ob ein Spiel für Nutzer ab sechs, ab zwölf oder ab sechzehn Jahren
freigegeben wird. Sie prüfen, ob das Spiel gewalttätig ist oder
ob in ihm Symbole einer verfassungswidrigen Vereinigung zu sehen sind. Ein
historisch korrektes Hakenkreuz hat sogar schon Flugsimulatoren, die
während des zweiten Weltkriegs spielen, das Rating gekostet. Trotz des
schlechten Rufs, den Computerspiele in Deutschland genießen, hat die USK
2001 über die Hälfte der vorgelegten Games "ohne Alterbeschränkung" freigegeben. Nur 2,4 Prozent der Spiele bewertete sie als "nicht geeignet unter 18 Jahren".
Bisher waren die USK-Ratings, die auf der Verpackung abgedruckt werden,
lediglich Empfehlungen. Aber seit am 1. April in Deutschland ein neues
Jugendschutzgesetz in Kraft getreten ist, sind sie für den Handel bindend.
Wer einem Jugendlichen ein Computerspiel verkauft, muss sich jetzt einen
Altersnachweis vorlegen lassen; wer sich nicht daran hält, dem drohen hohe
Geldstrafen.
Ohne USK-Rating kann man also kein Spiel veröffentlichen, das man auch an Jugendliche verkaufen will. "Alle Computerspiele sind für Kinder und Jugendliche verboten, bis sie im Einzelfall freigegeben wird. Digitale Kultur hat also keinen guten Ruf. Beim Buch verfahren wir nicht so", sagt Peter Gerstenberger, der Leiter der USK. Deutschland hat die weltweit schärfsten Gesetze über den Vertrieb von Computerspielen. In den USA werden Spiele mit brutalen Gewaltdarstellungen nur selten auf den Index gesetzt, in Großbritannien unterzieht man nur jedes zehnte Game einer Stichproben-Untersuchung, in anderen Ländern hält sich der Staat ganz aus dem Thema heraus.
Die neue Regelung produziert ihren Teil an Absurditäten: das Geduldsspiel
"Tetris", das Mitte der 80er Jahre auf den Markt kam, darf nun nur noch an
Erwachsene verkauft werden: damals gab es noch keine USK, die
Alterssiegel vergab, und alle Spiele, die kein Rating haben, sind automatisch ab 18. Die zahlreichen Game-Antiquitätenhändler, die in deutschen Großstädten oder im Internet mit alte Spielen handeln, stehen vor Problemen: die Spielklassiker, die sie anbieten, haben häufig kein Rating und die Herstellerfirmen beantragen auch nachträglich keins mehr. Trotz solcher Macken findet Marek Brunner, dass das neue Gesetz "für den Jugendschutz der richtige Weg ist". Auch die Hersteller der Spiele und der Handel haben nun eine gewisse Rechtssicherheit: Wenn ein Spiel von der USK freigegeben worden ist, können - im Gegensatz zu früher - Spiele nicht mehr
von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert und
damit vom offenen Verkauf ausgeschlossen werden.
Dadurch hat die kleine USK, bisher eine freiwillige Organisation der
deutschen Softwarefirmen, plötzlich sehr viel Macht auf dem gigantischen Markt
der Computerspiele bekommen: immerhin 1,2 Milliarden Mark wurden mit
den gut 1000 Titeln umgesetzt, die im vergangenen Jahr in Deutschland erschienen sind. Jetzt muss jedes dieser Games von der USK geprüft werden, sei es eins der viel diskutierten Ballerspiele, sei es ein Puzzle, ein Strategiespiel oder eine Simulation, in der man Barbie ein neues Zuhause einrichtet.
In den letzten Monaten kamen die Gutachter der USK häufiger als je zuvor zum Spiele-Sichten zusammen. Viele Firmen wollten wegen des neuen Jugendschutzgesetzes schnell ein Rating für ihre neuen Games bekommen. Bis zu dreimal pro Woche sitzen zur Zeit Pädagogen und Jugendarbeiter in einem kleinen Büro in Berlin-Friedrichshain, und beurteilten Spiele am Fließband: 25 Spiele und mehr in einer Sitzung. USK-Chef Gerstenberger schätzt, dass Zahl der Games, die die USK zu prüfen hat, in diesem Jahr um etwa 50 Prozent ansteigen dürfte.
Diese Sitzungen sind dann die großen Auftritte von Marek Brunner. In
zwanzig Minuten muss er den Gutachtern einen Eindruck von einem Spiel
vermitteln und problematische Sequenzen vorführen - keine leichte Aufgabe
bei Games, wo sich alles um Geschicklichkeit dreht und es nach einer
falschen Bewegung schnell heißen kann: "Game over!" Wie ein Bühnenkünstler
muss Brunner sich auf seinen Auftritt vorbereiten, um auf Wunsch der
Gutachter Lara Croft über diesen Abgrund balancieren oder durch jene
Unterwasser-Höhle schwimmen zu lassen. Lampenfieber hat Brunner bei seinen Auftritten aber nur noch selten, sagt er.
Bei PC- und Konsolenspielen sitzen alle Gutachter vor einem eigenen
Monitor, bei Spielen für den Gameboy beugt sich das komplette Gremium über
den winzigen Taschencomputer. "Es ist wichtig, dass man die Spiele so
sieht, wie sie gespielt werden", sagt Brunner. "Wenn man ein Spiel
projiziert, bekommt man einen ganz falschen Eindruck, weil es wie ein Film
aussieht." Die Gutachter werden auch ermutigt, selbst zu spielen, "denn
Spiele sind ein interaktives Medium, und nur als Teilnehmer kann man sie
wirklich verstehen", meint USK-Chef Gerstenberger.
Bei manchen Spielen liefern die Hersteller Skripte, Lösungshefte
und Geheimcodes mit, um dem Tester die Arbeit zu erleichtern. "Aber dann
haben wir plötzlich ein Spiel aus Japan, über das selbst der deutsche
Vertrieb nicht das geringste weiß. Durch die muss man sich dann alleine
durchfinden", sagt Brunner, der pro Woche etwa fünfzehn Stunden beruflich
und noch mal zehn Stunden privat am Rechner daddelt.
Bei besonders heiß erwarteten Titeln wie etwa dem Spiel zum Kinospektakel "Matrix" kommen Mitarbeiter des Herstellers persönlich nach Berlin, um das Game
vorzuführen. Andere lassen Stillschweige-Vereinbarungen unterschreiben,
bevor sie ein Spiel zur Begutachtung vorlegen. Zu groß ist die Angst, dass
Informationen über bestimmte Spiele vor der Veröffentlichung durchsickern
oder gar das Spiel selbst in Internet-Tauschbörsen auftaucht. Andere Firmen
schicken Vertreter, die ein Game so vorführen, dass es besonders
blutrünstig wirkt. Sie wollen, dass ihr Spiel als nicht jugendfrei
eingestuft wird - in bestimmten Kreisen machen erst solche Ratings
einen Titel interessant.
Aber die Mehrheit der Games ist nach Ansicht von Marek Brunner vollkommen
harmlos. "Sicher gibt es die Spiele mit Motorsägen, Nazis und den
halbnackten Babes vom Pluto", sagt er, aber die langweilen ihn. "Mich
interessieren Spiele, die eine eigene Seele haben, und die entweder ganz
nah an der der Realität sind oder abartig weit weg von der wirklichen Welt."
So wie Brunner gut gelaunt von seinem Beruf erzählt oder vom "genialen
Gameplay" von Pokemon schwärmt, kann er als Gegenbeispiel für alle
Vorstellungen vom Computerspieler als verschrobenen Sonderling gelten.
Inzwischen ist er Familienvater, aber nach Frau und Tochter sind
"Computerspiele sind immer noch die Sache, die mir am meisten Spaß machen".
Trotzdem glaubt er, dass er nicht für immer Spiele-Tester bleiben wird:
"Irgendwann werde ich nicht mehr schnell genug für die neuen Spiele sein."
Bis dahin sieht er das Computerspielen, das für ihn gleichzeitig Hobby und
Beruf ist, philosophisch: "Über Spiele habe ich gelernt, mit unvertrauten
Situationen klarzukommen. In jedem Game findet man sich am Anfang in einer
ganz neuen Umwelt wieder, die man erforschen muss und irgendwann kennt man
sich aus. Im Leben ist das genauso: Wenn ich an einen neuen Ort komme,
ist da auch erst mal alles unvertraut. Aber nach ein paar Tagen hat man
sich daran gewöhnt und alles wirkt schon wieder ganz normal."