Das Berliner Nachtleben wird zum Stoff von Erinnerungsliteratur. Warum gerade jetzt?
Tilman Baumgärtel
Wenn die Eule der Minerva erst in der Dämmerung fliegt, wie Hegel meinte, beginnen die Feiersäue von einst ihre Erinnerungen dann aufzuschreiben, wenn die Party vorbei ist? Das mag man denken, wenn man die vielen neuen Publikationen über die Berliner Party- und Subkultur ansieht, die in den letzten Monaten herausgekommen sind.
In etwas mehr als einem Jahr sind erschienen: Wolfgang Müllers enzyklopädische Monographie
West-Berlin 1979
1989. Freizeit
über die Punk- und New-Wave-Szene dieser Periode und deren Quasi-Fortsetzung
Der Klang der Familie
von Sven von Thülen und Felix Denk über den frühen Berliner Techno. Ergänzt werden sie durch
Die erste Tage von Berlin
von taz-Redakteur Ulrich Gutmair und den Katalog der Ausstellung
Wir sind nicht zu Spass hier
im Kreuzberger Kunstraum, die die künstlerisch angehauchte Partykultur der unmittelbaren Nachwende-Zeit dokumentieren. In der kommenden Woche erscheint mit
Berliner Nachtleben
ein opulenter Foto- und Interviewband sowie die Erinnerungen der Nachtlebenreporterin Jackie A. Mal ganz zu schweigen von den Memoiren von Rolf Eden und Detlef Uhlmann. Den endlosen Zeitungsartikeln und Blogeinträgen über David Bowies Berliner Periode. Oder den englischsprachigen Segway-Touren zu den Diskotheken, die in
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
erwähnt werden.
OK, das letzte habe ich jetzt erfunden. Aber wenn das so weiter geht, wird sich die Erinnerungsliteratur über lang vergangene Parties bald zurück in die Zeit zurück gearbeitet haben, als in Rixdorf noch Musike war.
Mensch, Kinder, das waren noch Zeiten, als man quasi umsonst in feuchten Kellern dröhnende Parties feiern konnte, ohne dass gleich das Ordnungsamt einschritt, das MDMA noch nicht so verschnitten und die Mixe der DJs noch nicht so stumpf waren wie heute. Nicht, dass Du etwas davon wüsstest, Hipster-Jungspund, der Du heute die Vergnügungstempel der Hauptstadt bevölkerst, scheint da jemand sagen zu wollen. Ihr seid nicht nur
zu jung für Rock´n´Roll
, wie es Kraftklub auf ihrer ersten Single konstatierten. Nein, Freunde, ihr seid auch zu jung für Punk, New Wave und Techno.
Das Feiern auf Papier wird vor allem von Autoren betrieben, die dem unmittelbaren Partyalter entwachsen sind und sich nun mit dem Pathos des Dabeigewesenen auf die Suche nach der durchgefeierten Zeit machen. Da geht es auch um Deutungshoheit.
Diese Bücher sind Teil einer Historisierung der modernen Tanzmusik, die in Deutschland eigentlich vergleichsweise spät einsetzt. Mit dem heilige Ernst von Archäologen haben zum Beispiel Bill Brewster und Frank Broughton in dem Klassiker
Last Night a DJ Saved My Life
schon 1999 den Aufstieg des Diskjockeys vom Plattendreher zum Superstar nacherzählt. Da tropfte der Schweiß von der Decke, genialische DJs kämpften mit ihrer Heroin-Abhängigkeit, und in beseelten Nächten wurde jede neue Platte vom Jubel einer Tanzfläche voller eingeschworener Fanatiker übertönt. In diesem Buch
wie auch in den in rascher Folge erschienenen, immer akademischer werdenden Werken von Alan Jones, Peter Shapiro oder Tim Lawrence
wurde auf der Basis von extensiven Interviews und intensiven Quellenstudiums die Entwicklung des Dance Floors in New York, Chicago, Ibiza, London und Berlin nachgezeichnet. Da mutet die in Deutschland seit Jürgen Teipels
Verschwende Deine Jugend
so beliebte Methode der Oral History, die inzwischen von dem Magazin
Electronic Beats
bis zu
Nachtleben Berlin
die Musikgeschichtsschreibung dominiert, doch etwas lazy an.
Es ist schön, dass die Clubgeschichte inzwischen so gründlich erforscht ist. Und die neuen Partybücher sind wichtige Beiträge zur einem Aspekt Berliner Stadtgeschichte, der heute das internationale Image der Stadt prägt, zu ihrem Strukturwandel beigetragen hat und
in einer Stadt ohne nennenswerte Industrie
sogar ein Wirtschaftsfaktor geworden ist. Doch sollte man darüber nicht die Warnung aus Simon Reynolds Buch
Retromania
vergessen, dass die Vergangenheitsbezogenheit der heutigen Musikszene die Weiterentwicklung von Pop zu ersticken scheint. Westentaschen-Pop-Archivare, die ihre Tage damit verbringen, rare Ron-Hardy-Remixe aus dem Internet herunterzuladen, historische Gigs von Daniele Baldelli bei Youtube nachzuholen oder Bücher wie die erwähnen zu lesen, tanzen nicht.
Zuviel Dokumentation schadet der Party. Beim Berghain weiß man schon, warum es dort verboten ist, Fotoapparate mitzubringen. Die Möglichkeit, dass mit dem Smartphone aufgenommene Party-Bilder im digitalen Maelstrom der sozialen Medien auftauchen, lädt nicht gerade zum hemmungslosen Feiern ein. Wie der Club das Fotoverbot im Zeitalter des Smartphones durchsetzt - wie der Mangel an Bildern aus dem Inneren des Clubs bei Youtube oder Instagram beweist - bleibt sein Geheimnis. Und ist vermutlich Ansporn für die kommende Party-Erinnerungsliteratur. Die muss dann für die Nachgeborenen doch wieder mit Worten beschreiben, wie es in der Panorama Bar anno 2013 um sechs Uhr morgens zugegangen ist.
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