Das Buch „Magnetizdat DDR“ erinnert an die Kassettenszene in der DDR
Von Tilman Baumgärtel
Diese Lärmattacke hat keiner kommen gesehen. Gerade hat der Musiker auf der Bühne der panke.gallery noch an seinen Gerätschaften herum genestelt, ein älterer Herr vor der Bühne auf einem Tisch allerhand Pappen und Papiere aufgestapelt. Dann schreit der Sänger auf der Bühne auf einmal ohne Warnung „Fliegeralarm“, und sein elektronisches Equipment gibt sich größte Mühe, den Sound eines solchen lautstark zu simulieren. Zeichenutensilien fliegen durch den Raum, und der Maler vor der Bühne beginnt, eine Pappe mit Stiften und Spraydose zu bearbeiten. Es folgt eine halbe Stunde Randale-Elektropunk mit Schocktexten von der Bühne, der das Action Painting vor der Bühne begleitet.
In diesem Stil ist die Band Herr Blum schon zu DDR-Zeiten aufgetreten. Gegründet im Jahr 1987 von dem Künstler und Musiker Thomas Wagner, der mit wechselnden Musikerkollegen rohen Post-Punk spielt, und damit die Aktionsmalerei seines Vaters Jürgen Wagner begleitet. Sie gehörte zu einem Underground von avantgardistischen Bands, die im letzten Jahrzehnt der DDR Punk und die experimentelle Stile, die folgten, spielten: Post-Punk, New Wave, elektronische Musik, Avantgarde- und Impro-Rock.
Diese Musik war stilistisch weit entfernt von dem Sound von Bands wie Silly, Karat, City oder den Puhdys, die ihre Musik auf dem staatlichen Amiga-Label veröffentlichten und bei Tourneen in Stadthallen und Konzertsälen auftreten konnten. Bands wie Herr Blum spielten stattdessen oft klandestin in Privaträumen, Kirchen und Kneipen. Ihre Musikinstrumente mussten sie sich unter oft abenteuerlichen Umständen besorgen, und wenn es mit Hilfe der Großmutter mit Reiseberechtigung war, die aus West-Berlin einen in der DDR nicht erhältlichen Synthesizer mitbrachte. Aufgenommen wurde in Wohnzimmern, Kellern und Gartenlauben.
Und dann war da noch das Problem, wie man die Musik unter die Leute bringen sollte. Während sich im Westen zusammen mit Punk auch erste Independent Labels entwickelte, war man in der DDR auf die staatliche Plattenfirma Amiga angewiesen, wenn man eine Schallplatte veröffentlichen wollte. Das gelang aber nur den wenigsten Bands aus dem DDR-Untergrund der 80er Jahre. Lediglich Feeling B, Hard Pop, WK 13 und Sandow brachten in den letzte Tagen der DDR als „die anderen Bands“ ihre Musik beim offiziellen Monopolisten unter; viele andere wollten mit ihre oft dadaistisch beeinflussten Lärm wohl gar nicht mit dem Staat in Berührung kommen.
Wer im Westen bei keinem Label unterkam, konnte ohne großen finanziellen und technischen Aufwand eigene Musikkassetten produzieren. Ab Anfang der 80er Jahre entwickelte sich so eine Szene von experimentellen Bands mit eigenen Kassetten-Kopierwerken, Labels und Versänden. In der DDR hingegen kostete eine unbespielte Kassette 40 Mark und mehr, und die Geräte, mit denen man diese kopieren konnte, waren kaum zu bekommen.
Trotzdem gab es auch in der DDR in den 80er Jahren solche „Kassettentäter“, die ihre Musik in Kleinstauflage zwischen einer und hundert Exemplaren in Umlauf brachten. Mit selbst gestalteten Covern und oft auf überspielten kommerziellen Musikkassetten vertrieben Bands mit Namen wie Der Expander des Fortschritts, Tom Terror & das Beil, Karl-Marx-Stadt Studio Bigband oder Erweiterter OrGasmus ihre gewöhnungsbedürftige Musik im eigenen Umfeld; wer freilich das Glück hatte, dass seine Produktion in der Radiosendung Parocktikum von Kult-DJ Lutz Schramm beim Radiosender DT64 gespielt wurde, hatte plötzlich ein viel größeres Publikum. Echte Fans bestellten sich beim Rundfunk der DDR die Transkripte der Sendung, in denen auch die Adressen der in der Sendung vorgestellten Avantgarde-Bands stand. So konnte man Kassetten direkt bei den Produzenten bestellen.
Schon 2006 erschien mit dem Buch „Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979–1990“ eine erste Publikation über diese Szene. Nun ist eine weitere Buchanthologie mit dem Titel „Magnetizdat DDR“ (eine Wortneuschöpfung aus dem Begriff Samizdat und Magnetband) samt einem LP-Sampler mit einigen der ungewöhnlichsten Werke erschienen. Die Herausgeber des voluminösen Sammelbandes haben Essays, Dokumente und Interviews zusammengestellt, die diesmal auch noch die Randbereiche dieses Randbereichs der ostdeutschen Popmusik dokumentieren. Es ist eine spezielle Form der Ostalgie, die in diesem Buch gepflegt wird.
In der ersten Publikation zur Kassettenszene der DDR standen Musiker im Mittelpunkt, die damals im Untergrund herumlärmten, aber heute arriviert sind: Frank Brettschneider, der mit der Formation Heinz & Franz den Szenehit „Kochkäse“ produzierte, betreibt heute zusammen mit Carsten Nicolai das international angesehene Elektronik-Label raster-noton. Die Brüder Ronald und Robert Lippok von Ornament & Verbrechen wurden als To Rococo Rot weltbekannt. Und hinter dem Namen Magdalene Keibel Combo verbargen sich zwei Musiker, die heute zu der leider global erfolgreichsten deutsche Band gehören: Christian „Flake“ Lorenz und Paul Landers von Rammstein, die mit dieser kurzlebigen Formation – die nach den Adressen der Gefängnisse von Stasi-Zentrale und Volkspolizei benannt war – zum ersten Mal den Elektro-Metal erprobten, der sie inzwischen zu charakterlosen Multimillionären gemacht hat.
Diesmal haben sich die Herausgeber einiger Bands und Einzelkünstlern angenommen, die selbst in der Untergrund-Szene der DDR eher Außenseiter blieben. Ein Kapitel ist zum Beispiel dem Sänger und Dichter „Matthias“ Baader Holst gewidmet, der kurz nach der Wende bei einem Strassenbahn-Unfall ums Leben kam. So bleibt er als typische Gestalt der DDR-Boheme in Erinnerung, der neben seiner Lyrik auch durch provokante und dadaistisch beeinflusste Auftritte mit der Band Frigitte Hodenhorst Mundschenk auf sich aufmerksam machte. Auch eine der wenigen Frauenbands des DDR-Untergrunds, die Erfurter Post-Punk-Band Erweiterter OrGasmus, wird ausführlich vorgestellt, und darf dabei auch auf die weitgehend patriarchalen Strukturen in der Untergrundszene hinweisen: „Wenn die Jungs uns nicht mitspielen lassen, stellen wir selber was auf die Beine“ sagtIna Heyner im Interview über die Gründung der Band in Erfurt, wo es in den 80er Jahren eine aktive feministische Kunstszene gab.
Aus heutiger Sicht erscheint es fast unglaublich, was in der Nische der DDR-Subkultur trotz aller staatlichen Repression möglich war: Die Improvisationsband Das Freie Orchester (DFO) fiel beim Vorspielen für eine „Einstufung“ durch, ohne die man in der DDR eigentlich nicht als Live-Band auftreten durfte. Trotzdem trat sie bei halblegalen Konzerten in Berlin auf. Die Bandmitglieder, die im bürgerlichen Leben Fabrikarbeiter, Verkäuferin, Hausmeister, Autowäscher oder KfZ-Mechaniker waren und ihre Instrumente nur leidlich beherrschten, wussten selbst nicht, was sie bei ihren Konzerten zum besten geben würden: „Das war ja das Irre dabei: auf die Bühne zu gehen und überhaupt nicht zu wissen, was im nächsten Moment passiert“, erinnert sich Gitarrist Dieter Zobel im Interview an die Auftritte, bei denen die Band in selbstgenähten Leoparden-Schlüpfer auftrat und dabei auch selbstgebaute Instrumente benutzen, wie den „Eggwalizer“, der aus einem Eierschneider, oder die „Elektrodrummel“, die aus einer Zigarrenkiste gebaut waren.
So schlecht produziert und so gewollt anstrengend die Musik auch ist, um die es in dem Buch und auf der LP-Kompilation geht – irgendwie ist sie gerade deswegen der passende Soundtrack zu den letzten Jahren der DDR mit ihren verrottenden Innenstädten, antiquierter industrieller Infrastruktur, heruntergekommenen Plattenbauvierteln, gesundheitsbedrohender Umweltverschmutzung und allgemeinem Suff und Zynismus. Doch so sehr die Musik auch einerseits von Tristesse und Ennui gekennzeichnet ist, so scheint an einigen Stellen auch schon die Zukunft auf: viele der elektronischen Produktionen können als Vorläufer von Techno betrachtet werden, der in den 90er Jahren die Begleitmusik für die Wiedervereinigung lieferte.
Alexander Pehlemann, Robert Mießner, Ronald Galenza (Hg.): Magnetizdat DDR. Magnetbanduntergrund Ost 1979–1990, Verbrecher Verlag, 29 Euro
Bei dem Label Edition Iron Curtain Radio ist unter dem gleichen Titel eine Kompilation von Stücken der im Buch erwähnten Bands auf drei Vinyl-LPs erschienen.