Kunst im Internet
Von Tilman Baumgärtel
Im September machten zwei Neuigkeiten im Internet die Runde. Die eine handelte von einem Diebstahl. Die andere von einem Betrug. Beides wären im wirklichen Leben ein Verbrechen. Doch online waren die beiden Taten - Kunst.
Der Diebstahl fand an prominenter Stelle statt: Die Homepage der Documenta sollte am 28. September, zum Ende des Kasselaner Kunstspektakels, vom Netz genommen werden. Doch der slowenische Künstler Vuk Cosic kopierte die ganze Site. Jetzt zeigt er zeigt die Ergebnisse seines digitalen Diebeszuges auf seiner Homepage, und die Documenta ist immer noch online präsent, als hätte sie nie geendet.
Der Betrug ereignete sich bei dem Netzkunst-Wettbewerb "Extensions" der Hamburger Kunsthalle: die deutsche Künstlerin Cornelia Sollfrank hatte sich auf der ganzen Welt 350 Email-Accounts besorgt. Ein Computerprogramm sammelte für sie Seiten aus dem WorldWideWeb, zerstörte diese und schickte den Datenschrott über die vielen Email-Adressen unter Frauennamen an die Hamburger Jury. Die wunderte sich zwar über die miserablen und sinnlosen Einsendungen, gab aber trotzdem eine Pressemitteilung heraus, in der sie hervorhob: "Zwei Drittel der Teilnehmenden an 'Extensions' sind Frauen." Erst bei der Preisverleihung erfuhr die verdutzte Jury, daß sei einer künstlerischen Intervention zum Opfer gefallen waren. Sollfrank: "Ich wollte zeigen, daß Kunst im Internet anders funktioniert. Da stört die Definitionsgewalt der etablierten Kunst nur."
Das junge Genre der "Netzkunst" übt sich darin, die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst zu unterwandern. Aber: Was ist eigentlich Kunst im Internet? Knapp zwei Millionen Kunst-Seiten gibt es zur Zeit im Internet. Oder, um genau zu sein, 1.907.997. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Suche mit der Suchmaschine Alta Vista, die ununterbrochen die Angebote im Netz katalogisiert. Die meisten dieser Seiten sind die Homepages von Kunstmuseen, kunsthistorische Aufsätze, oder Fan-Seiten für bestimmte Künstler oder Kunstrichtungen. Doch eine (vorläufig noch sehr kleine) Reihe von Internet-"Sites" handelt nicht von Kunst - sie sind Kunst.
Einige Künstlern haben das weltweite Computernetzwerk als neues Medium für ihre Arbeit entdeckt. Spätestens seit der Documenta, wird nun auch die Kunstszene langsam auf dieses neue Genre aufmerksam, das sich freilich noch gar nicht klar darüber ist, ob es ein neues Kunstgenre sein will.
Künstler, die im Internet arbeiten, müssen mehr lernen als HTML, die Codesprache des WorldWideWeb. "Der wichtigste Gegenstand von Netzkunst ist das Netz selbst", sagt Benjamin Weill, der Mitbegründer und Kurator von äda 'web, einer New Yorker On-line-Galerie. Ähnlich wie die Videokunst, die sich nur mit Videorekorder und Fernseher "materialisiert", ist auch Netzkunst nur mit Computer und Modem im Netz zu besichtigen. War in den siebziger Jahren von Skulpturen die Rede, die "site-specific" waren, sich also auf den Ort bezogen, an dem sie installiert waren, so ist die Netzkunst "netzspezifisch".
"Wir sind Duchamps ideale Kinder", sagt Vuk Cosic, der slowenischer documenta-Dieb. "Die konzeptuellen Mittel, die Duchamp oder die frühen Konzeptkünstler entwickelt haben, sind im Internet zu vollkommen normalen Vorgängen geworden, die man jedesmal wiederholt, wenn man wahllos eine Webadresse anklickt. Zu Duchamps Zeit wäre dieser Akt die modernste Kunstpraxis gewesen, die niemand außer ihm und seinen beiden besten Freunden verstanden hätte." Cosic ist darum überzeugt: "Die bisherige Kunst war nur ein Ersatz für das Internet."
Cosic ist einer der Künstler, die in den letzten zwei, drei Jahren begonnen haben, im Internet erste künstlerische Experimente durchzuführen. Zu ihnen gehören nicht nur Künstler aus den USA und West-Europa, sondern - wie der Slowene Cosic - auch aus den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts. Die "net.art", wie sie von einigen ihrer Protagonisten genannt wird, ist die erste Kunstbewegung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg, die die Grenze des verschwundenen Eisernen Vorhang überschreitet.
Für einige der Netz-Künstler war die Arbeit im Internet auch eine Methode, um an den etablierten Institutionen des Kunstbetriebs vorbei zu operieren. Für den Deutsch-Amerikaner Wolfgang Staehle, der Anfang der neunziger Jahre in New York das Netzkunst-Projekt The Thing online als Mailbox gründete, war dies ein Akt der praktizierten "institutional critique", der Kritik der Kunstbetriebsinstitutionen, wie er sich heute erinnert: "Ich fand es absurd, die Institutionen des Kunstbetriebs innerhalb der Institutionen zu kritisieren. Das war so, als würde man nur mal die Möbel neu arrangieren. Das fand ich nicht konsequent. Deswegen habe ich versucht, wirklich etwas außerhalb dieser Institutionen zu machen. Ich glaube, The Thing hat auch deshalb so gut funktioniert, weil der traditionelle Kunstbetrieb davon wirklich überhaupt keine Notiz genommen hat. Der Reiz war auch, daß man sich wie eine kleine Verschwörerbande fühlen konnte."
Doch das Internet ist für Künstler nicht nur Distributionsmedium, sondern auch Gegenstand künstlerischer Reflektion: Das holländisch-belgische Künstlerpaar Jodi, die auch bei der documenta vertreten waren, üben sich im kreativen Mißbrauch der Internet-Protokolle, weil sie "wütend" sind. Warum wütend? "Wegen der Ernsthaftigkeit von Technologie", sagt Dirk Paesmans von Jodi. Wer unvorbereitet auf die Homepage von Jodi kommt, denkt wahrscheinlich, daß der Computer kaputt ist: Sinnlose Symbole schlängeln sich über den Monitor, Bilder und Hintergründe flackern, und jeder Mausklick läßt einen tiefer in das Chaos eintauchen: "Wir erforschen den Computer von innen, und reflektieren das im Netz", sagt Paesmans.
Trotz documenta-Teilnahme ist die die "Jodi-Site" im Augenblick bei Hackern wahrscheinlich beliebter ist als bei Kunstfreunden: Ihre chaotisch-organisierte Seite strotzt nur so vor bewußt eingesetzten Programmierfehlern, die ihre Homepage wie der Alptraum eines Webdesigners aussehen lassen - oder der Traum eines Hackers. "Ich habe HTML-Dokumente geschrieben, die bewußt den Browser zum Abstürzen gebracht haben", sagt auchVuk Cosic. "Ich bemerkte, daß irgendwo ein Fehler in meiner Programmierung war. Aber es genügte nicht, diesen Fehler zu vermeiden; ich habe wirklich versucht, ihn zu verstehen."
Auch diese kreative Dekonstruktion von Technologie hat kunstgeschichtliche Tradition: Schon in den sechziger Jahren interessierten sich Videokünstler wie Nam June Paik weniger dafür, was man mit dem neuen Medium machen konnte, sondern was man mit ihm nicht machen sollte. Auch Netzkunst ist eine praktizierte Erprobung und Kritik des neuen Mediums Internet: die Kunst als eine Art Materialprüfungsamt des neuen Mediums.
Gleichzeitig radikalisiert die Netzkunst eine Tendenz der Konzeptkunst der sechziger und siebziger Jahre, die amerikanische Kunstpublizistin Lucy Lippard als die "Dematerialisierung des Kunstobjekts" beschrieben hat: Netzkunst ist wirklich vollkommen "entkörperlicht", sie exisitert nur noch als Bits und Bytes im Internet - es gibt kein auratisches Orginal mehr, das auf dem Kunstmarkt verkäuflich oder im Museum ausstellbar wäre.
Wegen der "Immaterialität" der Netzkunst können Netzkünstler auf dem Kunstmarkt keine Werke verkaufen, und verdienen sich ihren Lebensunterhalt darum oft mit Programmierarbeiten, oder leben von Stipendien. Der Lohn, außerhalb des Kunstbetriebs künstlerisch tätig zu sein, ist vielen von ihnen jedoch offenbar genug. So schwärmt Dirk Paesmans von Jodi: "Man ist den Leuten sehr nahe, wenn man in ihrem Computer ist."
---------------------Netz-Adressen-------------------
Dia Art Foundation http://www.diacenter.org
The Thing http://www.thing.net
Jodi http://www.jodi.org
Alexej Shulgins Moscow Art WWW Centre http://sunsite.cs.msu.su/wwwart/
Vuk Cosic http://www.ljudmilia.org/~vuk/
Ada'web Die erste New Yorker Adresse für Netzkunst http://www.adaweb.com