ABSCHIEDSPARTY Eine schöne Zeit im Park // Es sei "eine schöne Zeit im Park" gewesen, aber die ist nun vorbei: die Künstlergruppe kunst + technik muss die Baracke im Monbijoupark räumen, in der sie drei Jahre lang Ausstellungen, Veranstaltungen und
Auch die Medieninitiativen c-base und convex_tv verlieren ihre Räume in Berlin-Mitte.
Die Abschiedsparty von kunst+technik findet heute und morgen ab 22 Uhr zum letzten Mal im ehemaligen Bunker in der Monbijoustraße 2-3 in Mitte statt.
i kunst + technik berlin. heimat. de/ kunst+technik c-base www. c-base. org convex_tv www. artbag. net
Der Berliner Fernsehturm ist in Wirklichkeit eine Antenne. Was nur wenige Berliner wissen: das Objekt, das viele fälschlicherweise für eine Anlage zur Weiterleitung von Fernsehsignalen halten, gehört in Wirklichkeit zu einem riesigen Raumschiff, das vor mehr als hunderttausend Jahren über der heutigen Noch heute sind unter der Erdoberfläche Reste des Raumschiffs zu finden.
Eine Ausgrabungsstelle befindet sich gleich um die Ecke vom Hackeschen Markt. Hier haben Studenten ein Deck des Raumschiffs ausgegraben und der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. In einem Hinterhof steht über einem Haustor der Name des Schiffs: c-base. Wer die Bordtür öffnen, wird von einer computergenerierten Frauenstimme aufgefordert, sich zu identifizieren. Erst wenn man sein Handfläche auf einen Sensor gelegt hat, darf man eintreten in den höhlenartigen Raum, der wirkt, als habe jemand das Raumschiff Enterprise aus Sperrmüllfunden nachgebaut.
Treffpunkt der Szene
Fast jeden Abend treffen sich hier Mitglieder des c-base-Clubs. Sie haben nicht nur das Parterregeschoss zum Holodeck ausgebaut, sondern sich auch die Sciencefiction-Sage von dem abgestürzten Raumschiff in Mitte ausgedacht. Der eingetragene Verein beschäftigt sich seit Mitte der 90er-Jahre mit Computern, Internet, Multimedia und Sciencefiction.
Seit fünf Jahren ist das angebliche Raumschiff ein wichtiger Treffpunkt der Berliner Multimedia-Szene. Die selbst gebastelten Kulissen waren in den vergangenen Jahren ein gefragter Drehort, in dem einige Musikvideos und ein "Tatort" aufgenommen wurde. "Spiegel-Online" stellte sich hier der Presse vor, und die Mannschaft der c-base selbst organisiert Lesungen, Performances, Rollenspiele und Partys.
Nicht mehr lange. Im Sommer diesen Jahres muss die Gruppe ihr selbst errichtetes Gesamtkunstwerk verlassen, weil das Haus an der Oranienburger Straße komplett renoviert wird. Die Berliner Multimedia-Szene verliert damit einen wichtigen Treffpunkt. Und es ist nicht der einzige der informellen Versammlungsorte in der Stadtmitte, der in diesen Monaten schließt.
Bereits im Dezember musste das Internetradio-Kollektiv convex_tv seinen Raum in den Edisonhöfen an der Schlegelstraße aufgeben, weil das gesamte Gebäude renoviert und dann an zahlungskräftigere Kunden vermietet werden soll. Und auch die Künstlergruppe, die seit drei Jahren in einer Baracke an der Spree gegenüber dem Bodemuseum Ausstellungen und andere Veranstaltungen organisierte, muss an diesem Wochenende den unfreiwilligen Abschied von ihren Räumen feiern. Die Zeit der für die Berliner Szene typischen Gruppe und Initiativen scheint zumindest im Bezirk Mitte dem Ende entgegenzugehen.
Der Kahlschlag ist total: bis auf die Galerie shift haben damit alle Initiativen in der Berliner Mitte, die sich der unabhängigen Medienkultur widmen, innerhalb eines halben Jahres ihre Räume verloren. Verschwunden sind damit die Orte, an denen sich diejenigen treffen, Kontakte knüpfen und vielleicht sogar Geschäftsideen ausbrüten konnten, die eigentlich die Hoffnungsträger der Hauptstadt sind: junge Leute, die aus Berlin einen Standort für die Verschwunden sind aber auch einige der wichtigsten Orte, an denen in Berlin Medienkunst und -kultur gezeigt wurde.
Aus Australien und Litauen
Ohne neuen Raum steht die Gruppe convext_tv da. Seit 1997 sendete sie regelmäßig im Uni-Radio und im Internet eigene Programme. Bei den "net radio days", die die Gruppe 1998 veranstaltete, kamen selbst aus Australien und Litauen Internet-Radio-Interessierte nach Berlin.
Bei kunst + technik, deren Baracke einer Treppe in den Monbijoupark weichen muss, waren in den vergangenen Jahren eine Reihe von Ausstellungen zu sehen, die auch überregional wahrgenommen wurden. Obwohl alle der etwa zehn Mitarbeiter ehrenamtlich tätig sind und der Verein über kein üppiges Vermögen verfügt, waren in dem ehemaligen Bunker unter anderem eine Ausstellung mit Computerspielen aus Japan und eine Fernsehperformance zu sehen alles
In den Künstlerateliers entstanden eine Reihe von Internetprojekte und die Installation "Multimind", die bei der Hamburger Fotografie-Triennale zu sehen war. Die monatlichen Partys waren so erfolgreich, dass sie an unregelmäßigen Termine stattfinden mussten sonst hätte die Baracke wegen Überfüllung schließen müssen.
"Denen sind wir egal"
"Ein bisschen enttäuscht" ist Jan Edler von kunst + technik über den Auszug: "So was nimmt einem schon den Drive." Die Gruppe hat zwar ein neues Büro an der Leipziger Straße gefunden, für Ausstellungen und Veranstaltungen reicht der Platz hier aber nicht mehr. Vom Kulturamt des Bezirks Mitte ist er enttäuscht: "Denen sind wir egal."
Beim Bezirksamt von Berlin-Mitte sieht man das anders. Baustadtrat Thomas Flier hält den Abgang von kunst + technik für "einen Verlust". Er findet, dass das Künstlerkollektiv "wichtige kulturelle Arbeit geleistet hat", auch er habe die Ausstellungen und Veranstaltungen der Gruppe gerne besucht. Dass Gruppen wie kunst + technik nicht geholfen werden könne, liegt seiner Ansicht nach vor allem daran, dass in Berlin kein Infrastrukturprogramm für freie Träger in der Kulturarbeit existiert.
"Der Bedarf, innovative Projekte zu fördern, ist groß", sagt Fierl, "und es ist erstaunlich, dass die sich an das Bezirksamt wenden." Für solche Projekte ist seiner Ansicht nach der Senat zuständig, sein Bezirk versuche zwar, Initiativen zu unterstützen, sei aber mit derartigen Aufgaben oft überfordert. Beim Wirtschafts- und beim Kultursenat sowie beim "Projekt Zukunft", das den "Berliner Weg in die Informationsgesellschaft" ebnen soll, wollte sich niemand zu diesem Thema äußern.
Zumindest bei der c-base gibt man aber die Hoffnung nicht auf, und sucht zurzeit nach einem neuen Raum in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Gregor Sedlag, der "Umzugbeauftragte" der Gruppe: "Wir betrachten das auch als Chance, etwas Neues zu beginnen."