Es gab mal eine Zeit, da begannen Künstler plötzlich Filme zu machen. Filmemacher machten dafür politische Performances. Performance-Künstler nahmen ihre Aktionen mit Video auf. Valie Export führte Peter Weibel nackt an einer Hundeleine spazieren. Und all dies war auf einmal Kunst.

Richtig, diese Zeit war Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, und heute wundert man sich, wie viel von damals einem noch immer als außerordentlich avancierte Kunstpraxis erscheint, wie weit entfernt einem diese künstlerische Periode aber gleichzeitig auch schon vorkommt. Beim Durchblättern des Sammelbandes "Medien Kunst Aktion" ist man immer wieder verblüfft, wie gegenwärtig manche der Projekte und Arbeiten, die in diesem Buch beschrieben werden, heute anmuten, obwohl sie gleichzeitig aus einem Land vor unserer Zeit zu kommen scheinen.

Vorweg: Gut, daß es dieses Buch endlich gibt. Alle folgende Kritik im Detail soll keinesfalls bedeuten, daß ein Buch wie dieses nicht lange gefehlt hat. Brauchbare Übersichtswerke über die Geschichte der Medienkunst gibt es im deutschsprachigen Bereich bisher nicht. Diese Feststellung verblüfft zunächst, wenn man einen flüchtigen Blick über die dicken Bände über Medienkunst auf dem eigenen Bücherregal schweifen läßt. Aber die meisten von ihnen sind Kataloge von Festivals wie der ars electronica, oder Monographien über einzelne Künstler. Richtige Standardwerke zum Thema fehlten bislang.

Fast kommt es einem so vor, als habe sich am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) eine Stabsstelle gebildet, die daran schnell etwas ändern will. Außer diesem Buch, das vom ZKM mit herausgegeben worden ist, ist zur Eröffnung des Karlsruher Medienmuseums noch ein zweites, ungleich dickeres Opus im Prestel-Verlag sowie ein weiteres Buch zum Thema bei Cantz erschienen.

Was sich Dieter Daniels und Rudolf Frieling, die Herausgeber des Readers "Medien Kunst Aktion", vorgenommen haben, ist eine Geschichte der Medienkunst in Deutschland zu skizzieren, ohne gleich deren Große Erzählung zu schreiben. Daß sich die Herausgeber dabei auf die Entwicklung in West-Deutschland beschränkt haben, erscheint bei einem so internationalen Genre wie der Medienkunst zunächst seltsam. In ihrem Vorwort erklären Frieling und Daniels dies so:

"Tatsächlich finden wesentliche Schlüsselereignisse für die internationale Entwicklung der Medienkunst in den 80er und 70er Jahren in der BRD statt... Künstler aus anderen Ländern wie u.a. der zwischen Deutschland und den USA pendelnde Koreaner Nam June Paik, die Amerikanerin Nan Hoover oder die österreichischen Film- und Medienkünstler Valie Export und Peter Weibel haben dagegen in der Bundesrepublik wichtige Spuren hinterlassen. "Medien Kunst Aktion" in Deutschland - als Knotenpunkt wichtiger Ereignisse und nicht national verstanden - beinhaltet also eine Auswahl mit internationalen Querverbindungen."

Statt einer umfassenden Monographie ist das Buch eine gute Sammlung von bisher zum Teil schwer zugänglichen Dokumenten: Künstlerstatements, Interviews, Aufsätze von Kuratoren und Kritikern. Diese Texte sind in mehreren Kapiteln nach Thema zusammengefaßt, zu denen die Herausgeber jeweils kurze, aber gründliche und erhellende Einleitungen geschrieben haben. Auf der beiliegenden CD-Rom gibt es außerdem Stills und kurze Passagen aus Videos sowie Dokumentationen von Aktionen, Performances und Installationen. Das alles ergibt zusammen eine lebendige, vielseitige Darstellung einer wichtigen Periode in der deutschen Kunstgeschichte, die jedem, der eine Einführung in dieses komplexe Thema sucht, nur zu empfehlen ist.

Ihre Komplexität und ihre Vielseitigkeit hat den in diesem Buch dargestellten Projekten allerdings oft mehr geschadet als genützt, weil sie sich dadurch der Unterbringung in bequemen Schubladen entziehen. Deutsche Akademiker, die gerne in Gattungen, Disziplinen und Sparten denken, muß immer etwas entgehen, wenn sie über eine Periode arbeiten, die sich ausdrücklich gegen das Einordnen in Schubladen und Kategorien sperrt. Als Medienkunst (ein Unwort der jüngeren Kunstgeschichte, welches impliziert, daß andere Kunstrichtungen ohne vermittelnde Medien auskommen) würde man viele der in diesem Buch vertretenen Arbeiten wohl kaum ansehen. Oder hält irgendjemand Joseph Beuys oder Marina Abramovic in erster Linie für Medienkünstler?

Frieling und Daniels nähern sich den sechziger und siebziger Jahren aus der Perspektive der "Medienkunst", und legen den Schwerpunkt daher auf die Entwicklungen, die in den sechziger und siebziger Jahren dazu geführt haben, daß Künstler sich verstärkt mit den damals Neuen Medien beschäftigt haben: Konzeptkunst, E-Musik, Fluxus, Performance, Aktion, Prozeßkunst. Diese Positionierung entspricht dem gängigen Kanon der Medienkunstgeschichtsschreibung, der freilich ein wenig kurz greift.

Diese handelsübliche Version der Geschichte der (Medien-)Kunst bleibt immer eigenartig fixiert auf eine weitgehend kunstimmanente Betrachtungsweise, und übersieht parallel-laufende Enwicklungen im Film (Experimentalfilm, Zielgruppenfilme, oft sogar das Expanded Cinema) ebenso wie die weiterreichenden politisch- kulturellen Entwicklungen dieser Periode (Mai 68).

Dabei hat es für viele Künstler dieser Periode - um nur ein Beispiel zu nennen - oft weniger eine Rolle gespielt, ob sie nun Film (altes Medium, daher keine Medienkunst) oder Video (neues Medium, daher Medienkunst) benutzten, sondern eher, wie man am einfachsten mit bewegten Bilder arbeiten konnte. Und was die Vernachlässigung der politischen Situation betrifft: Da man den Autoren, die über Medienkunst geschrieben haben, nicht unterstellen will, daß sie die politischen Begleitumstände der Entwicklung der Medienkunst bewußt unterschlagen, muß man schiere Unkenntnis darüber vermuten, eine wie enge Beziehung etwa zwischen Politik und Kino Ende der 60er Jahre existiert hat.

Dabei könnte es durchaus interessant und produktiv sein, die Stränge Medienkunst, Video, Film und Politik einmal zusammenzudenken: Dann würde einem zum Beispiel auffallen, daß etwa Gerry Shums Äußerungen über seine Videogalerie gar nicht so weit entfernt sind von Godards Ideen über den politischen Gebrauch von Super 8 und Video. Oder daß die Faszination von Künstlern mit der langen Aufzeichnungszeiten auf Videobändern Anfang der 70er Jahre bemerkenswerte Parallelen hat zu den Arbeiten von Film-Regisseuren derselben Zeit, die aus ästhetischen (Wim Wenders) oder politischen (Helke Sander, Harun Farocki, Hartmut Bitomsky) Gründen in ihrem Filmen mit unglaubliche langen Einstellungen arbeiteten.

Auch wenn Frieling/Daniels in "Medien Kunst Aktion" nicht so weitgehende Betrachtungen anstellen, muß man ihnen anrechnen, daß sie die oben hervorgehobenen Zusammenhänge - im Gegensatz zu vielen anderen Autoren - nicht vollkommen ausblenden. Als "Parallelen" zu den Entwicklungen in der Kunst verweist ein eigenes Kapitel mit einem Artikel von Birgit und Wilhelm Hein auf den "Untergroundfilm". Auch der politische Gebrauch von Film und Video wird durch eine Aufsatz von Gerd Roscher vom Medienladen Hamburg umrissen. Zwar fehlt diesem Kapitel im Gegensatz zu den anderen eine Einleitung, die diese Beiträge kontextualisiert. Aber trotzdem macht dieser Teil des Buchs eine Öffnung der Forschung auf diesem Gebiet zu wirklich interdisziplinären/intermedialen Analysen vorstellbar. Diese wäre allerdings in kommenden Publikationen zum Thema noch in ausführlicherer Weise zu leisten.

Womit wir zu der beigelegten CD-Rom kommen: Eigentlich ist es eine sehr gute Idee, daß eine Buch wie "Medien Kunst Aktion" nicht nur aus Worten besteht, sondern auch aus Tönen und (bewegten) Bildern, wie sie auf der CD-Rom zu finden sind. So gut wie alle Publikationen zur Video- und Medienkunst kranken daran, daß sie ausführliche Beschreibungen und Analysen von Arbeiten enthalten, die man meist nur unter größten Schwierigkeiten tatsächlich einmal zu sehen bekommt.

Auf der "Medien Kunst Aktion"-CD-Rom gibt es zahlreiche Film- und Videoschnipselchen aus Arbeiten, die ich noch nie gesehen hatte, aber schon immer mal sehen wollte. Dazu gehören zum Beispiel einige Passagen aus den fantastischen Filmloops von Peter Roehr oder ein kurzer Ausschnitt aus "Black Gate Cologne", einer berühmten WDR-Fernsehsendung von Piene und Tambellini, die als das erste im Fernsehen realisierte Kunstwerk gilt. Auch über Valie Exports "Tastkino" von 1968 hat man schon viel gelesen, aber hier sieht man wirklich einmal, wie sich die österreichische Künstlerin in der Münchner Fußgängerzone ihre Brüsten betatschen ließ, die in einem Fernseher-artigen Kasten versteckt waren. Und sogar einen Ausschnitt aus einem ultra-raren Film der deutschen Polit- Videogruppe "Telewissen" über die documenta 1972 ist auf die CD- Rom gepackt worden.

Viele der Aktionen, die man vielleicht als L'art pour l'art abtun würde, würde man nur von ihnen lesen, erweisen erst in den Dokumentaraufnahmen ihre Intensität, zum Beispiel eine Performance von Marina Abramovic und Ulay, bei der das Künstlerpaar bei der documenta 6 so lange nackt gegen zwei Säulen anrennt, bis sie nicht mehr stehen können. Wenn man darüber liest, klingt das wie eine typische 70er-Jahre-Neue-Innerlichkeits- Nummer, die mit dem Leid und dem Schmerz des Künstlerseins kokettiert. Aber wenn man sieht, wie die beiden wieder und wieder mit voller Wucht gegen die Säulen ballern und taumelnd von dem Aufprall zurückwanken, bekommt die Performance ein ganz andere, beklemmende Note: die beiden meinten das wirklich ernst, was sie da taten.

Um so bedauerlicher ist es daher, daß diese Gemmen hinter einem Interface verborgen sind, das an ein Geduldsspiel erinnert. Hier sind mit den Programmierern der CD-Rom die Gäule durchgegangen: die Benutzerfläche ist nicht nur kaum zu verstehen, sondern auch kaum zu benutzen. Witzig witzig fliegen am User Jahreszahlen, Künstlernamen und Stichworte vorbei, und nur wer geschickt genug ist, ein Wort mit der Maus zu fangen, bekommt etwas zu sehen - vielleicht.

Bei der ersten Benutzung ist das noch ganz lustig, beginnt aber bei wiederholter Benutzung schnell zu nerven. Der User beginnt, sich gegängelt zu fühlen, was den Intentionen der Künstler, die auf der CD-Rom vorgestellt werden, natürlich vollkommen zuwiderläuft. Derartige "Bugs" plagen auch andere CD-Roms über Künstler, wie zum Beispiel die Systhema-Produktion über Nam June Paik von Essers Enterprises. Bei der "Medien Kunst Aktion"-CD-Rom ist so ein "user-unfriendly interface" um so verfehlter, da sie sich ausdrücklich als "Archiv" versteht. Statt Programmierer-Mätzchen hätte man sich darum einen übersichtlichen Index gewünscht, der den User leicht und direkt zu den Texten, Videos und Fotos führt, nicht ein Interface, daß sich selbst wichtigtuerisch in den Vordergrund schiebt.

Doch trotz aller Detailkritik - "Medien Kunst Aktion" ist ein überfälliges Buch über ein lange vernachlässigtes Thema: das immer noch beeindruckende Durcheinander, das sich in den 60er und 70er Jahren zwischen verschiedenen Kunstgattungen entwickelt hat. Leider dürfte der für ein Buch mit diesem Umfang hohe Preis (weil die Hälfte des Readers aus englischen Übersetzungen besteht, bekommt der Käufer im Grunde nur ein halbes Buch für seine knapp hundert Mark) dafür sorgen, daß es nicht die Verbreitung finden wird, die ihm zu wünschen wäre.

Rudolf Frieling, Dieter Daniels: Medien Kunst Aktion - Die 60er und 70er Jahre in Deutschland, Springer Verlag (Wien/New York), 247 Seiten mit beigelegter CD-Rom, alle Texte in deutsch und englisch, auf der CD-Rom auch in Spanisch und Französisch, 98 Mark