Von Tilman Baumgärtel
Es ist schon dunkel, als wir vor dem Flachbau am Rand von Deggendorf parken. Durch einige Fenster sieht man in einen großen, schmucklosen Raum, den das Leuchten von einem guten Dutzend Computermonitore in ein fahles Licht taucht. Drinnen sitzten in kleinen Grüppchen etwa 20 Männer in ihre Drehstühle gelümmelt und starren auf die Bildschirme. Die meisten von ihnen sind unter 30.
Als sie hören, daß wir von der Presse sind, ruft einer: "Jungs, jetzt müssen wir uns anständig benehmen." Alles kichert. Dann sinken die Jungs wieder in ihre Stühle zurück, die rechte Hand an der Maus, die Augen auf dem Monitor. Heute ist die Homepage der Spedition Grassl aus der Nachbarstadt Plattling ans Netz gegangen, und die muß jetzt mal kritisch durchgeklickt werden.
Wir sind beim wöchentlichen Treffen des Bürgernetzvereins Deggendorf. In der Kleinstadt im Bayerischen Wald gibt es über dreihundert Vereine: Den Bäckereigehilfen-Verein und die Hubertus-Schützen, den Landesbund für Vogelschutz und den Lions-Club, die Bonsaifreunde Niederbayern und den Eishockeyclub "Deggendorfer Flames". Doch während der Bäckereigehilfen-Verein seit 1854 besteht, wurde der Bürgernetzverein erst im vergangenen Sommer gegründet. Seine Aufgabe: Deggendorf ins Internet zu bringen.
Unser Dorf soll vernetzter werden. Bayern Online heißt das 150 Millionen Mark schwere Programm, mit dem die Bayerische Landesregierung das Bundesland vernetzen will. Durch dieses Innovationsprogramm sollen Städtchen wie Deggendorf zu wichtigen Knotenpunkten in dem internationalen Computernetzwerk Internet werden. Der BayerischenWald soll eine "lernenden Region" werden, in der die Leute mit dem PC ihr Geld verdienen. "Seien auch wir auf Linie", hat der Bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber seine Landsleute ermahnt.
Bürgernetzvereine wie der in Deggendorf spielen bei Bayern Online eine entscheidende Rolle: sie sollen "der Bevölkerung helfen, psychologischen und technologischen Hemmschwellen bei der Online-Kommunikation zu überwinden". Der Deggendorfer Bürgernetzverein, kurz DegNet genannt, ist nur einer von 65 in ganz Bayern. In Weihenstephan und in Oberpfaffenhofen, in Dachau und in Rosenheim sind im letzten Jahr die Netzvereine nur so aus dem Boden geschossen. Auch in Deggendorf haben sich in einem guten halben Jahr bereits mehr als 300 Mitglieder angemeldet, und fast jeden Tag gibt es Neuanmeldungen: "Das ist eigentlich mehr, als wir bewältigen können", sagt Ernst Dietrich.
Dietrich ist im Vorstand des Bürgernetzvereins und trägt einen Schlips, auf den Computerplatinen genäht sind. Wie er arbeiten auch alle anderen Vereinsmitglieder ehrenamtlich. Trotzdem hat der Deggendorfer Bürgernetzverein (DegNet) nach einem halben Jahr einen eigenen Knotenrechner, über den sich die Vereinsmitglieder ins Internet einloggen können - und zwar mit einer Geschwindigkeit, über die Kunden von Online-Diensten wie T-Online oder AOL nur staunen können.
Wie das funktioniert? "Vetternwirtschaft", antwortet Uwe Fürst, vom "Arbeitskreis Technik" beim Deggendorfer Bürgernetzverein, bevor er mir eine Visitenkarte seiner Internet-Agentur in die Hand drückt. Genauso wie beim Schützenverein oder bei den Naturfreunden wäscht auch beim Bürgernetzverein eine Hand die andere: Der Server-Computer wurde vom Kreiskrankenhaus Meinkofen gestiftet, das dafür auf der Homepage von DegNet über seine "geschichtliche Entwicklung" informieren darf. Der Rechner steht mietfrei in einer engen Kammer unter dem Dach der Volkshochschule. Die 500 Mark Leitungskosten von dort bis zum Rechenzentrum der Deggendorfer Fachhochschule werden durch Mitgliederbeiträge gedeckt, die technische Wartung von Computer-erfahrenen Vereinsmitgliedern übernommen.
Franz Kiemaier ist einer von ihnen. Beim Vereinstreffen heute abend hockt er vor dem Rechner und sieht sich die Homepage des Stern an. Warum engagiert er sich ehrenamtlich beim Bürgernetzverein, obwohl er in der selben Zeit mit seiner Internet-Agentur Webcomm eine Menge Geld verdienen könnte? "Das ist einfach eine Prestigesache. Wenn´s sowas in der Gemeinde gibt, muß man dabei sein", antwortet Keimaier. Andreas Hötzinger, Kiemaiers Webcomm-Partner, ergänzt: "Außerdem lohnt es sich für uns, die Leute ans Internet herauszuführen. Die könnten ja dann auch Kunden werden."
In einem Punkt unterscheidet sich die Vereinsmeierei des Deggendorfer Bürgernetzvereins allerdings von der bei den Hubertus-Schützen: Bei den regelmäßigen Vereinstreffen wird Fachkenntnis verbreitet, die notwendig ist, um Bürger in großer Zahl ans Netz zu bringen. Andre Schmidt, der Vize-Trainer der "Deggendorfer Flames", hat mit einem Programmierer eine Homepage für seinen Eishockey-Club entworfen. Auf der können jetzt nicht nur die Verwandten des kanadischen Trainers erfahren, wie das Team am letzten Wochenende gespielt hat. Ganz nebenbei verbreitet sich auch in Deggendorf peu a peu auch Internet-Knowhow.
Genau das hat es die Bayerische Staatsregierung auch gewollt: Deggendorf ist eins von zehn Pilotprojekten, bei denen mit EU-Mitteln der Einsatz von Netzkommunikation im ländlichen Raum getestet werden soll. Erprobt werden soll die automatisierte Zimmerverwaltung für "Urlaub auf dem Bauernhof" genauso wie Teleworking vom Aussiedlergut aus. Mit 100 Millionen Mark, die aus der Privatisierung von Staatsunternehmen wie den Bayernwerken stammen, wurde dafür seit 1995 das "Bayernnetz" (BayNet) aufgebaut. Über dieses schnelle Netz sollten zunächst nur Behörden, Universitäten und Unternehmen miteinander verbunden werden.
Bayern Online wäre also nichts weiter als eine ganz normale Wirtschaftsförderungsmaßnahme - wenn Edmund Stoiber 1995 nicht nebenbei noch eine weitere Ankündigung gemacht hätte, die unter Deutschlands Netizens für Aufmerksamkeit sorgte: "In einem flächendeckenden Angebot stellt die Staatsregierung für die Bürger Netzkapazitäten kostenlos zur Verfügung", schrieb damals die Abendzeitung München. Ganz so hatte Stoiber es zwar nicht gesagt, aber die Presse griff den Gedanken begeistert auf, und auch im Internet kursierte die frohe Kunde: Die bayerische Staatsregierung will ein Free-Net aufbauen!
Das Konzept der Free-Nets kommt aus den USA und gilt als besonders demokratische Methode, Leute ans Netz zu bringen. Die Free-Nets sollen jedem Bürger für wenig oder gar kein Geld den Weg in den Cyberspace eröffnen. Die User brauchen einen Computer, ein Modem und einen Telefonanschluß, mit dem sie sich bei einem lokalen Knotenrechner einloggen können, finanziert wird das ganze durch geringe Mitgliedergebühren. Und nun sah es plötzlich so aus, als wolle in Deutschland ausgerechnet die Bayerische Staatskanzlei eine digitale Grasswurzelbewegung starten!
Doch der "Stoiber-Space" ist keine großzügige Gabe der bayerischen Regierung. "Das ist nur eine Public Relations Maßnahme der Staatskanzlei", kritisiert Paul Hilmer, vom Mailbox-Verbund CL-Netz. Auch CL-Netz, die seit Jahren an dem Aufbau eines bundesweiten Bürgernetzes arbeitet, stellte einen Antrag auf Förderung mit Bayern Online-Mittel. Doch der Förderantrag ist bis heute unauffindbar in der Staatskanzlei verschollen. "Das sind bayerische Amigo-Strukturen", sagt Hilmer.
Peter Lokk von CL-Link kritisiert: "Die Staatsregierung investiert fast kein Geld in das Projekt. Aber gleichzeitig verlangt sie von den Bürgernetzvereinen, daß sie ihre Mitglieder quasi zum Nulltarif einen Zugang zum Internet anbieten." Die Millionensummen, die für Bayern Online zur Verfügung stehen, sind in der Tat nur für den Aufbau der Netzinfrastruktur und Renommierprojekte wie das "Bayerische Gesundheitsnetz" vorgesehen. Den Bürgernetzvereinen stellt die Regierung nur bis 1998 die Überkapazitäten des Bayernetz zur Verfügung. Finanzieren sollen sich die Bürgervereine durch Mitgliederbeiträge. Falls das nicht reicht - nun, dann müssen sie sich eben Sponsoren suchen.
Trotzdem brach in Bayern eine regelrechte Online-Bürgerbewegung los, als die Pläne der Bayerischen Staatsregierung bekannt geworden waren. Die Staatskanzlei wurde mit Anfragen von computerisierten Bürgern bombardiert, die lieber heute als morgen ihren eigenen Bürgernetzverein aufmachen wollten. Viele der überstürzt gegründeten Netzclubs sind bis heute Potemkinsche Dörfer im Cyberspace geblieben. "Eine Homepage auf einem Universitätsrechner ist noch kein Bürgernetzverein", sagt Walter Kugemann, der seit 1994 im Ballungsraum Erlangen-Nürnberg-Fürth ein "Free-Net" nach amerikanischem Vorbild aufgebaut hat, "und auch fünf zusammengestöpselte Modems sind nicht genug." Besonders ländliche Gemeinden, die nicht über eine Universität oder Fachhochschule einen Internet-Gateway vor Ort haben, werden daher bis auf weiteres off-line bleiben.
Auf die Vernetzung setzt man in Deggendorf große Hoffnungen: "Der Bayerische Wald war immer das Armenhaus Deutschlands, weil er an der Peripherie lag", sagt Ludwig Ried, Vorsitzender des Deggendorfer Bürgernetzvereins und Leiter der örtlichen Volkshochschule. Wir sitzen in seinem Büro in dem postmodernen, pfirsichfarbenen Bau der VHS, der nicht so recht in die enge, gewundene Franz-Josef-Strauß-Straße in Deggendorf passen will. Über der Bücherwand hängt ein Kruzifix.
Trotz seiner randlosen Brille sieht Ried mit seinem Vollbart und den etwas struppigen, grauen Haaren aus wie ein Stück bayerischen Urgesteins. Doch wenn er, mit einem Bein über der Armlehne seines Stuhls baumelnd, über die wirtschaftliche Zukunft der Stadt zu reden beginnt, dann klingt das futuristisch: "Durch das Netz wird der Unterschied zwischen Zentrum und Peripherie aufgehoben. Jetzt bekommt endlich auch das flache Land eine Chance."
Orte wie Deggendorf haben eine digitale Konjunkturspritze dringend nötig: Als Ende der achtziger Jahre die Autobahn A 92 von München nach Deggendorf ausgebaut wurde, führte das damals zu einem kurzen wirtschaftlichen Boom in der Region. Doch seit der Eiserne Vorhang weg ist, halten die Lastwagen, die über die gut ausgebaute Autobahn nach Deggendorf kommen, nicht mehr an, sondern fahren über die verschlungenen Straßen des Bayerischen Waldes weiter Richtung Osteuropa, wo viel billiger produziert wird als in Deutschland. Das nennt man "Globalisierung der Weltwirtschaft".
Computernetzwerke wie das Internet werden diese Globalisierung auf eine völlig neue Stufe heben. Über Verkehrsnetze wie die Autobahn, die Eisenbahn oder die ausgebaute Donau können nur Rohstoffe, fertige Produkte und Menschen transportiert werden. Aber über das Internet, das "Netz der Netze", werden nun auch die Informationen und Dienstleistungen mobil - und das sind die wichtigsten Waren der sich entwickelnden Informationsgesellschaft, die die Industriegesellschaft abzulösen beginnt. In Bits zerlegt bewegen sich Daten in Sekunden um den Globus. Die Gefahr ist groß, daß sie dabei einen großen Bogen um den Bayerischen Wald machen und direkt in Länder fließen, in denen große Unternehmen die Lohnkosten aus der Portokasse bezahlen können. Dann bleiben dem Bayerischen Wald als einzige Einnahmequelle die Touristen. Und die können für zwei Wochen Bayern inzwischen auch in die Dominikanische Republik fliegen.
Die Touristen, die trotzdem noch in den Bayerischen Wald kommen, sehen im Handwerksmuseum von Deggendorf vielleicht zufällig die kleine Liste, die an der Wand im zweiten Stock hängt. Sie ist schwarz umrahmt wie eine Todesanzeige und verzeichnet ausgestorbene Berufe: "Wir trauern um Bader, Bierbrauer, Betterlmacher, Buchbinder, Büchsenmacher, Bürstenbinder, Drechsler, Faßbinder, Färber, Gürtler", heißt es da in alphabetischer Reihenfolge, und es sind noch viel mehr - eine lange, traurige Aufzählung von Berufen, die in den letzten hundert Jahren aus Deggendorf verschwunden sind.
In den nächsten Jahren wird sie wohl noch länger werden: "Wir trauern um Chemiearbeiter, Elektroningenieur, Lastwagenfahrer, Metallarbeiter, Schlosser, Schweißer, Techniker, Textilfacharbeiter, Werftarbeiter", könnte es dort bald heißen, denn die wirtschaftliche Globalisierung hat Deggendorf voll erwischt: In den letzten beiden Jahren ist die Arbeitslosenquote im Landkreis von 7 auf 13 Prozent gestiegen, weil einige der größten Arbeitgeber auf die andere Seite der nahen Grenze nach Tschechien gezogen sind. Dort muß man einem Arbeiter nur ein Achtel des deutschen Tariflohns zahlen. Wenn das so weiter geht (und es wird so weiter gehen), dann kann man bald den ganzen Bayerischen Wald zum Industriemuseum erklären. Orte wie Deggendorf gibt es viele im Flächenstaat Bayern.
Darum knüpfen sich an die Vernetzung Bayerns so große Hoffnungen: "Wir haben die Chance, es schneller zu machen und die Bevölkerung jetzt zu qualifizieren", sagt Ludwig Ried. An seiner Volkshochschule werden neben Kursen in Seidenmalerei und Tangotanzen auch Trainings für Windows 95, Visual Basic und die Internet-Nutzung angeboten, die die Deggendorfer Bevölkerung Computer-kompatibel machen sollen. Denn noch, sagt Ried, "ist das ein Thema für Eingeweihte. Besonders Leute über vierzig tun sich schwer."
Als Leiter der Volkshochschule hat er außerdem eine Multimedia-Lernfirma und ein Telezentrum eingerichtet, in dem sich Telearbeiter Büroraum, Computer und Sekretärin teilen können. In einer Büroetage in dem Dorf Hengersberg sollen sich selbständige Computerarbeiter ganz nach Auftragslage zu "virtuellen Unternehmen" vernetzten: Wenn etwa eine Werbeagentur eine Broschüre in Auftrag gibt, könnte ein Graphiker in Deggendorf mit einem Texter in Augsburg und einem Fotografen in Sonthofen über das Netz zusammenarbeiten.
Und wenn die Vernetzung des Bayerischen Walds statt selbständiger Telearbeiter ein rechtloses, digitales Proletariat hervorbringt, das schlecht bezahlt am heimischen PC vereinsamt? Ried zögert einen Augenblick, bevor er antwortet: "Dazu müssen sich die Gewerkschaften etwas einfallen lassen. Wenn die nicht aufpassen, laufen ihnen sonst die Mitglieder weg."
Aber nicht nur die Arbeit könnte sich durch die Vernetzung der Region verändern, sondern auch die Lokalpolitik: "Über das Netz können sich viel schneller Leute, die gleiche Interessen haben, zusammentun und Initiativen bilden, die man nicht sieht und die trotzdem etwas erreichen können", sagt Ried. "Das ist eine neue Qualität, was Demokratie angeht, auch in der regionalen Politik." Demnächst werden auf dem Server des Bürgernetzvereins die ersten Newsgroups eingerichtet werden, die auch in den internationalen Newsfeed eingespeist werden sollen. Die anvisierten Themen: der Donauausbau und die neue Tiefgaragen auf dem Rathausplatz.
Auch für die Stadtverwaltung könnte sich in Zukunft einiges ändern: Seit 1535 der Deggendorfer Stadtschreiber Paulus Wackhinger das erste Verzeichnis des Ratsprotokolle anlegte, waren die Akten des Stadtrats mehr oder weniger Rathaus-Interna. Doch jetzt ist auch die Stadtverwaltung online - und wird demächst alle Veröffentlichungen und Protokolle auf den Server des Deggendorfer Bürgervereins legen, wo sie dann von jedem Netzsurfer eingesehen werden können. Diese Art von Öffnung birgt freilich auch Gefahren für eingefahrene Hierarchien: Ried selbst hat seinen Terminkalender in das interne Hausnetz der Volkshochschule gestellt. Jetzt können alle Mitarbeiter der VHS - von der Sekretärin bis zum Referenten - jederzeit überprüfen, wo er gerade ist. "Damit gibt man auch ein Stück seiner Autorität auf", sagt Ried, "das Netz ersetzt hierarchische durch offene Organisationsformen."
Auch Walter Kugemann vom Free-Net Erlangen ist sich sicher, daß die Folgen der Vernetzung Bayerns im Augenblick nicht abzusehen sind. "Die wissen noch gar nicht, auf was sie sich da eingelassen haben", sagt er über die Bayerische Staatsregierung. Das kann sein: Als im April 1996 der Knotenrechner des Münchner Bürgervereins eingeweiht wurde, schaffte es Staatsminister Kurt Faltlhauser nicht mal, eine Email zu verschicken...