VON TILMAN BAUMGÄRTEL
In seinen Essay "Electronic Revolution" beschreibt der Schriftsteller William Burroughs, wie er einst in London mit Hilfe von Klängen ein Café platt machte, nachdem ihm dort schimmeliger Käsekuchen serviert worden war. Mit einem Tonband-Gerät stellte er sich vor das Etablissement und nahm dessen Geräusche auf.
Burroughs war überzeugt: Wenn man einem Ort seine eigenen Klänge vorspielt, geht es für diesen schlecht aus - wiederhole die Geräusche eines Autounfalls an der Stelle, wo er sich ereignet hat, und es wird wieder krachen. Das Café überstand den Playback seiner Sounds nur wenige Wochen, bis es schließen musste. Später zwang Burroughs so die Londoner Filiale der Scientology-Sekte zum Umzug.
Man mag das glauben oder nicht - unbestritten ist, dass Klang physiologische und psychische Auswirkungen haben kann. Die "affektiven Potenziale von Frequenzen, Klang und Musik" stehen im Mittelpunkt des Musikfestivals Club Transmediale, inklusive der begleitenden Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg im Bethanien, das mit seinen hohen Krankenhausfluren voller hallender Ecken und Erkern selbst eine Art Ambient-Klanginstallation ist.
Im Kunstraum wird man von der Arbeit "Should I stay or should I go" (2015) des mexikanischen Künstlers Mario De Vega empfangen, die die Auswirkungen von Schall umstandslos und rabiat demonstriert. Eine Sirene geht in unregelmäßigen Abständen los; wer daneben steht, wird mit über 100 Dezibel umgepustet und verlässt die Ausstellung mit Ohrensausen. Sicherheitshalber werden lärmdämmende Kopfhörer ausgegeben.
Eher auf den Solarplexus zielt Nik Novaks "Booster 2.13" (2013), eine Kombination aus Harley Davidson und Sound System, mit der man auf den Straßen der Stadt akustisch Angst und Schrecken verbreiten könnte. Das Gerät ist eine rollende Ansammlung von Lautsprechern, die fiese, magenumdrehende Geräusche im niederfrequenten Bereich von sich geben. Mit dieser Lärmwaffe will er in einer Art asymetrischer Klang-Kriegsführung der "kapitalistischen Maschinerie" Paroli bieten.
Aber natürlich muss Klang seine Hörer nicht immer planieren oder ihnen Risse im Trommelfell zufügen. Er kann sie auch umschmeicheln, ihnen so ein wohlig-kribbeliges Kitzeln am Hinterkopf auslösen. Das ist zumindest die Überzeugung der offenbar stark wachsenden Gruppe von Menschen, die vom sogenannten Autonomous Sensory Meridian Response (ASMR) betroffen sind. Bei ihnen lösen sanfte Geräusche wie Fingerwischen auf Papier diese spezielle Gänsehaut auf dem Schädeldach aus, die von Liebhabern als "Kopforgasmus" bezeichnet wird.
Die ASMR-Szene umschmeichelt sich klanglich per Youtube-Video: Manche der Clips, die mit elaboriertem Raumklang aufgenommen wurden und nur per Kopfhörer rezipiert werden können, sind mehrere Millionen mal angeklickt worden. Die amerikanische Künstlerin Claire Tolan nimmt sich in ihrer Installation "Always here for you" (2015) dieser Netz-Subkultur an. In ihren Videos sieht man, wie sie Borsten einer Haarbürste zupft oder einen Plastiksack mit kuscheligen Frequenzen beschallt, woraufhin dieser wohlig vibriert. Das ist fast so süß wie ein Katzenvideo.
Richtig laut wird es noch einmal bei der Videoprojektion "Energy Hunters" (2011) von Venedig-Biennale-Teilnehmer Konrad Smolenski aus Polen, der sich von den sirrenden Überland-Kabeln in den USA zu einer Mad-Max-haften Dystopie von rohen Kriegern auf der Suche nach einer Energiequelle inspirieren ließ. An dieser Arbeit über den irisierenden Sound von Stromkabeln hätte wohl auch William Burroughs seine Freude gehabt.
Bis zum 22. Februar im Kunstraum Kreuzberg im Bethanien, Eintritt frei
KUNSTRAUM KREUZBERG Eine Lärmwaffe mit fiesen, magenumdrehenden Geräuschen