VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Der erste Teil der Betrachtungen über die Natur des Berliner Museumswächters, der hier gestern veröffentlicht wurde, mag einen falschen Eindruck erzeugt haben. Nämlich den, dass die Vertreter dieser faszinierenden Spezies dafür bezahlt werden, in öffentlichen Museen Privatgespräche zu führen oder vor sich hin zu dösen. Beobachtungen bei verschiedenen Besuchen in Berliner Museen in den letzten Wochen legen einen ganz anderen Schluss nahe. Mit nicht anders als preußisch zu bezeichnendem Pflichtbewusstsein achten diese Frauen und Männer darauf, dass die Kunst, zu deren Schutz sie angestellt sind, keinen Schaden erfährt. Denn das kann bekanntlich schnell passieren.
Ein achtlos über den Arm geworfener Mantel mag bei überhasteten Drehungen ein Ölgemälde, dessen Wert nicht in Geld aufgerechnet werden kann, von der Wand wischen. Ein Rucksack kann ungewollt eine Skulptur auf dem Steinfußboden zerschellen lassen. Und eine Nase kann sich in eine Leinwand bohren, wenn ein Kunstliebhaber dem Bild zu nahe kommt und das Gleichgewicht verliert. Solche Katastrophen zu verhindern, sehen die Berliner Museumswächter als ihre vordringlichste Aufgabe an, wie man schnell feststellt.
Nehmen wir zum Beispiel den leutseligen Gesellen, der in der Alten Nationalgalerie über die französischen Impressionisten wacht. Gerade noch hat er einem Kollegen sein Rezept für einen anständigen Brombeer-Likör erläutert: "Dann no mit Alkohol aufgießen - schmeckt Bombe. Meine Frau und ick kippen dit ooch über Vanille-Eis." Die Schrebergarten-Atmosphäre, die so entsteht, passt zu der französischen Gartenszene mit Tee-Pavillon aus dem 19. Jahrhundert, neben dem er seine Lektionen in gehobener Schnappsproduktion erteilt.
Doch dann das: Eine asiatische Touristengruppe hat es in den ersten Stock geschafft, ohne dass ihnen Mäntel und Handtaschen abgeknöpft wurden. So geht es freilich nicht. Unser Likörproduzent schießt auf die Bande los und informiert sie: "No bags, no coats." Dabei macht er erst eine Reihe von Gesten, die das Abnehmen von Rucksäcken und das Ablegen von Jacken versinnbildlichen. Dann deutet er in Richtung der Treppe, die zu der Garderobe führt. Dann zuckt er die Schultern, um den verdatterten Besuchern zu signalisieren: Nicht meine Regeln, aber ich setze sie durch. Beeindruckt von so viel deutscher Regeltreue treten die Asiaten den Rückzug an.
Nur ein junger Kollege, der den Ernst der Lage noch nicht zu erfassen scheint, ist statt mit Aufpassen mit seinem einem Smartphone beschäftigt. Checkt er seine Facebook-Timeline? Lädt er unzüchtige Bilder aus dem Internet herunter? Oder holt er zusätzliche Informationen zu den Spitzweg-Schinken ein, vor denen er steht? Menschenskinder, hat dieser Kerl nie von der Aktion "Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst" der Künstlers Ulay gehört, der 1976 unbemerkt Spitzwegs "Armen Poeten" in der Westberliner Neuen Nationalgalerie von der Wand klaubte und dann im Wohnzimmer einer türkischen Arbeiterfamilie in Kreuzberg aufhängte? Man könnte den ganzen Saal ausräumen, ohne dass der junge Mann seinen Blick von dem Gerät heben würde.
Egal. Alle anderen scheinen jetzt am späten Nachmittag ihrer vornehmsten Aufgabe entgegenzufiebern. Wenn es nur schon viertel vor sechs wäre! Dann kann man nämlich endlich alle Besucher mit großem Spektakel aus dem Museum werfen. Ab 17 Uhr 30 blicken die Wächter in der Alten Nationalgalerie immer häufiger auf ihre Uhr. Und dann ist es endlich so weit: "Wir möchten unsere Besucher darauf aufmerksam machen, dass das Museum um 18 Uhr schließt."
Nun hat die Stunde des Berliner Museumswächters geschlagen. Wie die Treiber bei einer Kesseljagd beginnen sie, die Besucher Richtung Museumsausgang zu drängen. Kunstfreunden, die die Zeit vergessen haben, wird gerne aufgeholfen: "Wir machen glei dicht." Die Kunst möchte jetzt ihre Ruhe haben.
Aus allen Abteilungen ergießt sich ein Strom von Kunstliebhabern erst auf die Treppen, dann ins Foyer des Museums, schließlich in den Lustgarten. Nur knapp hinter ihnen die vorbildlichen Berliner Museumswächter, die - wie wir gesehen haben - ihre Aufgabe außerordentlich ernst nehmen.