Digitale Gründerzeit

Berlin ist nicht nur deutsche Hauptstadt, sondern auch Netzstadt. Ein Überblick über das vernetzte Weltdorf

Von Tilman Baumgärtel

Es war ein qualvoller Augenblick für alle Beteiligten: Berlins Bürgermeister Eberhardt Diepgen stand bei der Eröffnung der neu gestalteten Website der Stadt Berlin vor einer riesigen Computermaus im Roten Rathaus und drückte und drückte - aber es wollte nichts passieren. Im Saal saßen hunderte von geladenen Gästen, und wanden sich vor Peinlichkeit. Hinter Diepgen stand Klaus Mangold, der Chef von debis, und wand sich ebenfalls vor Peinlichkeit.

Ein Tochterunternehmen seiner Firma (die wiederum eine Tochter von DaimlerChrysler ist) hatte im Sommer 1998 den Auftrag erhalten, die Internetpräsenz des Landes Berlin vollkommen neu zu gestalten. Im November sollte die neue Website nun dem staunenden Publikum präsentiert werden - und nun das: Minuten vor dem ersten, bürgermeisterlichen Mausclick war der Server abgestürzt, und konnte erst eine halbe Stunde später wieder gestartet werden. Und selbst danach funktionierte nichts richtig.

Noch Tage nach dem offiziellen Neustart von berlin.de bestand die Website der deutschen Hauptstadt zum größten Teil aus Fehlermeldungen. Monate später heute fehlten immer noch zahlreiche der Funktionen und Angebote, die debis im vergangenen Sommer vollmundig versprochen hatte. Monatelang existiert auf der Site nicht einmal eine simple Suchfunktion.

Die Orientierung ist bis heute mühsam, denn die Inhalte sind nach einem gewöhnungsbedürftigen System geordnet. Der angekündigte Verwaltungsführer läßt immer noch auf sich warten, Flugpläne für die Berliner Flughäfen sucht man vergebens, und bis März 1998 hatte auch noch kein einziges Geschäft bei „berlin.de“ eine virtuelle Dependence eröffnet. Auch das Ticketing-System, mit dem man auf der Site Theater- und Kinokarten bestellen können soll, war vier Monaten nach dem Neustart von „berlin.de“ noch nicht online gegangen. Die versprochenen öffentlichen Terminals, mit denen man in der ganzen Stadt das Stadtinformationssystem Berlins durchforsten kann, sind jetzt für den Sommer 1999 angekündigt.

Der Fehlstart der eigenen Website ist symptomatisch für den offiziellen Umgang Berlins mit dem Internet. Zwar arbeiten die Bürokraten der Hauptstadt seit langen an einem Programm mit dem vielversprechenden Namen „Berlins Weg in die Informationsgesellschaft“. Aber die wirkliche Arbeit mit und für die digitalen Medien findet ohne nennenswerte Unterstützung der Berliner Verwaltung statt: die zahlreichen Multimedia- und Internet-Agenturen der Stadt haben sich ohne Unterstützung des Senats etabliert. Auch der „digitale Untergrund“ - die zahlreichen selbstorganisierten Grasswurzelgruppen, die sich für Internet- und Medienkultur einsetzt - kann froh sein, wenn es gelegentlich ein bißchen „Senatskohle“ gibt. Im übrigen lebt man von Sponsorenmittel und dem eigenen ehrenamtlichen Engagement.

Von den Gruppen, die dafür sorgen, daß die „digitale Klasse“ Berlins Treffpunkte und Interessenvertretung hat, ist der ChaosComputerClub (CCC) die bekannteste. Die Computerchaoten haben ihr Böse-Jungen-Image lange abgelegt. Heute berät man Unternehmen genauso wie die deutsche Bundesregierung in Internet-Fragen. Auch die Vereinstreffen, die in einem eigenen Raum in einer Seitenstrasse hinter dem Berliner Ensemble, einst Bertolt Brechts Wirkungsstätte, stattfinden, dienen nicht mehr in erster Linie dem Hacken fremder Rechner. Ende 1998 war sogar das legendäre Jahrestreffen des CCC, das seit über einem Jahrzehnt in Hamburg stattfand, zum ersten Mal in Berlin. Auch die Computer-Initiative in-berlin widmet sich der digitalen Kultur, und bietet seinen Mitgleider darüber hinaus sogar einen eigenen Server mit Zugang zum Internet.

Zum Pflichtprogamm für die Digiterati der Hauptstadt gehört inzwischen der Besuch der „MikroLounge“, die die Initiative „Mikro e.V.“ an jedem ersten Mittwoch im Monat in dem Technoclub WMF organisiert. In einer Einrichtung, die aus dem Innenleben der ostberliner Palast der Republik gezimmert wurde, diskutiert man dort über digitales Copyright, Musikstandards im Internet oder die Arbeitsbedingungen in Multimedia-Agenturen. Der „Verein zur Förderung von Medienkultur“ (Satzungstext) arbeitet auch an größeren Veranstaltungen: im Sommer 1999 soll es eine Konferenz zu Computerbetriebssystemen geben. Im letzten Jahr organisierte Mikro zusammen mit der Netzradiogruppe convext tv ein internationales Treffen von Künstlern und Aktivisten, die im Internet ihre eigenen Radioprogramme versenden. Das Berliner Finanzamt hat dem Verein bislang trotzdem die Gemeinnützigkeit versagt, mit der nach deutschem Recht Mitgliedsbeiträge und Spenden steuerfrei wären. Begründung: „Im Internet surft doch heute sowieso jeder.“

Der [kunst und technik] e.V. ist vor allem für seine rauschenden Parties in einer alten Baracke am Ufer der Spree gegenüber der Berliner Museumsinsel bekannt. Gelegentlich organisiert der Verein aber auch Ausstellungen mit Medienkunst, oder, wie im Dezember 1998, mit japanischen Computerspielen, bei deren Eröffnung sich schnell Trauben von Gamern vor den neuesten und abgefahrensten Konsolenspielen aus dem Land der aufgehenden Sonne sammelten. Esoterischer geht es bei der C-Base zu, die weniger ein Internetclub, sondern eher eine Art Science-Fiction-Sekte sind. Die Mitglieder sind davon überzeugt, daß im Zentrum Berlins in grauer Vorzeit ein Ufo abgestürzt ist, dessen Antenne noch heute weithin zu sehen ist, und vielen Berlinern heute fälschlicherweise als „Fernsehturm am Alexanderplatz“ bekannt ist. Auch die eigenen Clubräume in der Nähe der Hackeschen Höfe sind Teil des gigantischen Raumschiffossils: Eintretende müssen sich in der Eingangsschleuse zunächst an einem Terminal durch Handabdruck identifizieren, bevor sie in eine Höhle voll Raumschiffschrott eingelassen werden.

Viele Mitglieder dieser Netzclubs verdienen sich das Geld für derartige Aktivitäten tagsüber in den Berliner Multimediaagenturen, von denen einige auch jenseits der Stadtgrenzen für Aufsehen sorgen. Deutscher Marktführer ist inzwischen Pixelpark, die im vergangen Jahr von dem Bertelsmann aufgekauft wurden, um das digitale Portofolio des Medienkonzerns aufzufüllen. Hier wird Werbung für Großkunden wie Langnese oder Kaufhof entworfen. Aber auch kleinere Agenturen wie Metadesign, Terratools oder Im Stall spielen inzwischen nicht mehr in der Regionalliga. Art+Com, eine der dienstältesten Internetagenturen in Deutschland arbeitet zur Zeit an der multimedialen Gestaltung der Weltausstellung, die im Jahr 2000 in Hannover stattfinden wird.

Andere Internet-Projekte aus der Zeit den ersten Netzeuphorie Mitte der Neunziger Jahre haben inzwischen aufgegeben. Schon im letzten Jahrhundert spotteten Reisende aus anderen europäischen Ländern über die deutsche Hauptstadt, die ihrer Ansicht nach auf „märkischem Sand gebaut“ und darum zum raschen Untergang verurteilt sei. In den letzten zwölf Monaten sind auch zwei bedeutenden Internetprojekte in diesem märkischen Sand verschwunden.

Das erste war die Internationale Stadt, die 1995 als unabhängiger Kulturserver gegründet wurde, und in den drei Jahren seiner Existenz keine finanzielle Unterstützung durch die Stadt Berlin erhielt. Anfang 1998 gab das Team, auf dessen Server viele frühe Netzkunstarbeiten zu finden sind, aus Erschöpfung und Enttäuschung auf. Finanziert hatte man die Kulturarbeit durch Auftragsarbeiten für die Deutsche Telekom und die Leipziger Messe.

Auch die Kulturbox hat Anfang 1999 aufgegeben: 1993 als Mailbox gegründet, machte das Netzprojekt 1995 Furore, als es die Verhüllung des Berliner Reichstages durch den Künstler Christo in Echtzeit im Internet verbreitete. Die Bilder, die damals in der ganzen Welt abgerufen wurden, sind inzwischen auf der Homepage der Berliner Landesbibliothek zu sehen. Damit hat zum ersten Mal eine deutsche Bibliothek eine Website in seine Sammlung übernommen.

Auch zwei andere Kulturinstitutionen in Berlin machen sich um den Erhalt digitaler Kultur verdient: das Computerspielemuseum zeigt historische Games bis hin zu dem Klassiker Pong. Und das Berliner Technikmuseum hat in seiner Computersammlung einen Nachbau des ersten Rechnern, den der junge Berliner Erfinder Konrad Zuse in den 30er Jahren in der Wohnküche seiner Eltern in Kreuzberg gebaut hat.