UNTERM STRICH / GERNE
VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Da war es wieder. Ich hatte im Café nur ganz beiläufig gefragt, ob ich einen Zuckerstreuer haben könnte. Und die Kellnerin so: "Gerne." - Gerne? Ich hätte "gerne" eine Spülmaschine, wäre "gerne" Multi-Millionär, und ich würde "gerne" mal wieder an die Ostsee fahren. Aber "gerne" einem Gast einen Zuckerstreuer hinter der Theke hervorkramen? Das ist doch eher eine Aufgabe, die man halt macht, weil das zum Job gehört. Nicht aber "gerne". Damit soll nichts gesagt sein gegen aus Geldmangel angenommene Gastronomie-McJobs. Nichts gegen anlasslose Freundlichkeit, die bekanntlich das Schmiermittel jedes funktionierenden Gemeinwesens ist. Oder gegen ein Lächeln beim Überreichen des Zuckerstreuers, der hinter der Theke schnell gefunden war.
Aber viel gegen diese Neue Deutscher Scheißfreundlichkeit (NDSF), die die altvertraute Berliner Pampigkeit abgelöst hat und welche langjährige Einwohner dieser Stadt möglicherweise langsam zu vermissen beginnen. Solche verbalen Beruhigungsspritzen sind zu einer konfliktabtötenden Lingua Franca überall da geworden ist, wo man potenziell anstrengende Begegnungen mit dem Mitmensch lieber gleich mit einem Honigschwall verhindert. Und es sind mittlerweile immer größere Teile unserer täglichen Interaktion, die von pseudo-freundlichen Floskeln wie "Perfekt!", "Wunderbar!" oder "Nice!" durchdrungen werden.
Dazu gehört zum Beispiel auch das inzwischen oft gehörte "Alles gut." Wer das sagt, meint natürlich nicht im Ernst, dass alles gut ist. (Wäre ja auch Quatsch: Wie ein Blick in den Politikteil dieser Zeitung klar macht, ist sehr viel gar nicht gut.) Wenn man das hört - und man hört es neuerdings andauernd - heißt das: Lass mich mit deinen Problemen in Ruhe. Ähnliches gilt für die Berliner Variante: "Alles schick." (Was angesichts der Berliner Alltagsrealität von Vollbart-Trägern mit Jogging-Hosen und Uppercut auch nicht stimmen kann. "Schick" ist das auf keinen Fall.)
Es ist noch gar nicht so lange her, dass man nicht an jeder Supermarkt-Kasse und an jeder Fleisch-, Käse- oder Kneipen-Theke ungefragt ein "Schönen Tag noch" nachgerufen bekam. Oder dass einem ein "Schöner Feierabend" oder gar ein "Schönes Wochenende" gewünscht wurde, nur weil man dort ein bisschen Geld ausgegeben hatte. In Berlin schon gleich gar nicht. Wenn das so weitergeht, wird man in dieser Stadt demnächst mit einem "G'schamster Diener, Herr Geheimrat!" im Café begrüßt.
Oder auch nicht. Denn die Kunst des historischen Wiener Kaffeehaus-Kellners bestand ja gerade darin, solche Floskeln je nach Gast als kriecherische Begrüßung oder als Ausdruck abgrundtiefer Verachtung hervorzubringen. Solche Nuancen sind im Zeitalter der alles erfassenden Kundenorientierung verloren gegangen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich im Bioladen um die Ecke angeranzt wurde, weil ich es gewagt hatte, ohne Eierkarton anzurücken: "Sie wissen ja, dass der Karton extra kostet", mit dem Untertext: "Du Ressourcen-verschwendender Höhlenmensch." Inzwischen ist aus dem Bioladen alter Schule ein Bio-Supermarkt geworden, in dem die jungen Verkaufskräfte - die meisten von ihnen wahrscheinlich auf Mini-Job-Basis - gar nicht servil genug auftreten können.
Interessanterweise sind es gerade junge Menschen, die die Schrecken der Generation Praktikum kennen, die sich durch besondere Scheißfreundlichkeit hervortun. Die heiteren Phrasen, die einem im Supermarkt, im Restaurant oder - in besonders abwegigen, aber zuletzt häufiger beobachteten - Fällen in den Servicestellen der BVG (!) auf dem Weg nach draußen nachgerufen werden, sind auf jeden Fall nicht wirklich nett gemeint.
Sie sind vielmehr ein Zeichen dafür, wie der Neoliberalismus die Seelen von uns allen vergiftet hat. Man spricht mit dem Gegenüber wie mit einem Kunden - der bekanntlich König ist und auch so behandelt werden möchte. Sie sind nicht Ausdruck eines Interesses am Wohlergehen des Mitmenschen, sondern die Art, wie Menschen in einer Gesellschaft miteinander kommunizieren, in der die Manieren von Dienstleister und Call-Center-Automaten die allgemeinen Umgangsformen zu prägen beginnen. Wer da mitmacht, tut es "gerne".
ELISABETH BRINGMEIER