Tomaten On Demand
und Salatlieferung per U-Bahn: Die Propagandisten des
Indoor-Farmings
versprechen die Rückkehr des Lebensmittelanbaus in die Städte
mit der Hilfe von LED-Lichtern und High Tech
Von Tilman Baumgärtel
Von den antiken sieben Weltwundern sind die hängenden Gärten von Babylon das, über das man am wenigsten Genaues weiß. König Nebukadnezars II. soll sie für seine Frau Amytis angelegt haben, weil diese sich nach ihrer grünen Heimat in Medien sehnte. Aber wenn man der neuesten archäologischen Forschung glaubt, lagen die Gärten gar nicht in Babylon, sondern in Ninive. Und offenbar hingen sie auch nicht
das geht wohl auf einen Übersetzungsfehler zurück. Vielmehr scheint es sich um eine Terrassenanlage gehandelt zu haben. Vollkommen unklar ist, woher in einer Wüstengegend ohne Regen, in der es tagsüber bis zu 50 Grad heiß werden kann, das notwendige Wasser für die Pflanzen stammte.
Das muss eine Hydrokultur gewesen sein
, vermutet Guy Galonska. Der 25jährige Israeli, der seit drei Jahren in Berlin lebt, will es Nebukadnezar II. gleich tun: Wo bisher nichts wächst, sollen mit minimalen Wassereinsatz Gärten voll Gemüse, Salat und Kräutern entstehen. Mit seinem Unternehmen Infarm will er allerdings nicht die Wüste urbar machen, sondern zum Ausprobieren erst mal ein düsteres Loft in einem Kreuzberger Hinterhof
und, wenn alles nach Businessplan läuft, bald Keller, Dachböden, und ungenutzt leer stehende Tunnel in der ganzen Stadt.
Indoor Farming
heißt die Idee, mit der sich gegenwärtig Forschungseinrichtungen und Start-Up-Unternehmen rund um den Globus beschäftigen. Flächen, die bisher niemand als Gemüsegärten betrachtet hätte, sollen zu blühenden Landschaften werden, die zur Nahrungsversorgung in den Metropolen beitragen. Statt wie beim Urban Gardening innerstädtische Brachen zu bepflanzen, soll hier in Gebäuden angebaut werden, die bisher aus gutem Grund nicht als Gartenflächen in Erwägung gezogen wurden: zu dunkel, zu schwierig zu erreichen, ohne Wasserquelle. Doch mit neu entwickelten High-Tech-Methoden soll auf Hausfassaden und unter der Decke von Lagerhallen, in ehemaligen Bunkern und ungenutzten Speichern angebaut werden: Lauch, der bis zur Ernte keinen Strahl Sonnenlicht gesehen hat; Radieschen, die nicht in der Erde, sondern in anorganischen Substrat gewachsen sind; Ruccola, das nicht vom Wind, sondern von einem Ventilator Sauerstoff zugefächelt bekam.
Die wenigsten Leute wissen, dass der Wind einer wichtigsten Faktoren beim Wachstum von Pflanzen ist
, sagt Galonska,
weil er zur Festigkeit von Gräsern beiträgt.
In dem dunklen, zweiten Hinterhof in SO 36 in der Nähe des Görlitzer Parks, in dem Infarm seine Techno-Plantage angelegt hat, wächst kein Baum und kein Strauch. Aber in den ehemaligen Räumen einer Druckerei im Erdgeschoss, in der man die Experimental-Farm hegt und pflegt, sprießen Weizengrass und Chilis, Blattsalat und Zwiebeln in Plastikwannen, die sich in Regalen bis unter die Decke stapeln. Wie Dialyse-Patienten sind sie mit dünnen, durchsichtigen Schläuchen verkabelt, aus denen mit Dünger angereichertes Wasser tröpfelt, das die Wurzeln der Pflanzen umspült. Die bizarre Szenerie
halb organische Vegetation, halb Weltraum-Labor
ist in ein sanft violettes Licht getaucht, das die optimalen Farbeigenschaften hat, um das Wachstum von Pflanzen zu unterstützen.
Das Licht ist der entscheidende Faktor
, sagt Guy Galonska. Erst die Entwicklung von super-energieeffizienten LED-Leuchten in den letzten Jahren macht den Anbau in geschlossenen Räumen zu einer ökonomisch plausiblen Option. Herkömmliche Glühbirnen als Lichtquelle hätten schlicht zu viel Strom verbraucht und zu viel Hitze erzeugt, um Gemüse zu züchten, das mit dem Preis von herkömmlich angebauten konkurrieren könnte. Inzwischen haben Unternehmen wie Philips und General Electric schon eigene LED-Produktlinien, die sich ganz an den Bedürfnissen der Innenraum-Gärtner orientieren.
Wie viel Licht die Pflanzen brauchen, wie viel Wasser, wie viel Dünger
das will man bei Infarm derzeit mit den hängenden Gärten von Kreuzberg herausfinden. Das Unternehmensziel: ein fertiges Farmmodul, das schlüsselfertig im urbanen Umfeld installiert werden kann. Im Augenblick stehen Probeversionen lediglich in einem Hotel und einem Restaurant in Berlin. Und die Firma zahlt immer noch Lehrgeld: Als sie einige Pflanzen von ihrem Kokosfaser-Bett in Blumenerde aus dem Baumarkt umtopften, holten sie sich in ihr sonst einigermaßen steriles Labor zusammen mit dem Erdreich Blattläuse, die über die gesamten Ernte herfielen.
Infarm sind nicht das einzige Unternehmen, das den Gemüseanbau in der Großstadt als Alternative zur heute üblichen agrarischen Landwirtschaft erprobt. Denn die könnte bald nicht mehr genug produzieren, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Im Jahr 2050 sollen nach UN-Schätzung etwa 80 Prozent aller Menschen in Großstädten leben, also weit weg von den Gegenden, in denen ihr Essen angebaut wird. Gleichzeitig soll die Weltbevölkerung um drei Milliarden zugenommen haben, wenn das gegenwärtige Bevölkerungswachstum anhält. Um den Nahrungsbedarf dieser Menschenmengen zu decken, dürften die herkömmlichen Anbauflächen irgendwann nicht mehr ausreichen.
Gleichzeitig kommen in Deutschland oft selbst Obst und Gemüse, das hierzulande wächst, per Container Tausende von Kilometern in Lkws oder sogar per Flugzeug angereist: Tomaten aus Marokko, Gurken aus Spanien, Kartoffeln aus Ägypten, und all das mit entsprechendem CO2-Fußabdruck.
Das Indoor-Farming könnte eine teilweise Lösung dieser Probleme sein: Einerseits würde es neue Anbauflächen erschließen, die möglicherweise effektiver und mit geringerem Energie- und Wasserverbrauch bewirtschaftet werden könnten als in der traditionellen Landwirtschaft: Hallen-Farmen, bei dem die Pflanzen in Hydrokultur-Beeten wachsen, soll zum Beispiel bis zu 98 Prozent weniger Wasser als Felder unter freiem Himmel benötigen. Denn dort versickert das Nass im Boden, nachdem es die Wurzeln der Pflanzen benetzt hat. Der Einsatz von Pestiziden und anderen Giften ist beim Indoor-Farming in der Regel nicht notwendig. Und langfristig könnte die Bewirtschaftung weitgehend automatisiert durch Roboter erledigt werden.
Die so angebauten Lebensmittel wären quasi
aus der Region
: die Gewächshäuser würden sich in unmittelbaren Nähe der Geschäfte befinden, wo der in ihnen angebaute Salat verkauft wird. Der wiederum könnte statt mit Lkws per Lastfahrrad oder mit der U-Bahn geliefert werden. Die Prediger des Indoor-Farmings versprechen die
Tomate on Demand
, die einem
ein paar Häuserblocks entfernt frisch gepflückt
nach Hause geliefert wird statt unreif von einem Busch an der spanischen Mittelmeerküste gerupft zu werden und nach einer 2000 Kilometer langen Reise geschmacksneutral beim deutschen Discounter zu landen.
Freilich, von der Versorgung ganzer Supermarkt-Ketten sind die Stuben-Gärtner von Infarm noch weit entfernt. Hier wird noch in einem ganz anderen Maßstab produziert: In einer Ecke der Werkstatt packen zwei Aushilfen pyramidenförmige Bausätze in Versandpakete. Das ist ein
Microgarden
, das erste Produkt, mit dem Infarm Geld verdienen will. 25.000 Euro sammelte das Unternehmen für das Projekt bei der Crowdfunding-Plattform Indiegogo im Sommer ein: Spender bekommen eine Art Miniatur-Gewächshaus zum Selber-Basteln: eine Pyramide aus halbdurchsichtigem, recycelbarem Kunststoff. In der gießt man einen Pflanzenboden aus Agar-Gelatine auf, in dem nach zehn Tagen Kresse, Senf- oder Rettich-Sprösslinge wachsen. Verkauft werden soll der Bausatz in Design-Geschäften, Bioläden und über das Internet.
All das gehört noch zur Gestationsperiode des Unternehmens, das sich ausdrücklich als Teil der Berliner Start-Up-Szene begreift
was man unter anderem daran merkt, dass keiner der Gründer Deutsch sprechen kann und sie davon reden, wie
disruptiv
ihre Geschäftsidee sein. Gelernter Gärtner ist keiner von ihnen: Guy Galonska hatte in Israel chinesische Medizin studiert, sein Bruder Erez und dessen Frau Osnat sind eigentlich Filmemacher. Nach Berlin zogen sie Ende 2012, um ihre Firma zu gründen. Sie begannen im heimischen Wohnzimmer in Neukölln mit dem Anbau von Gemüse zu experimentieren. Bald waren die Erträge so hoch, dass sie einen Teil ihrer Ernte an Freunde verschenken konnten. Nach einer Station in den Prinzessinnengärten, einem Urban-Gardening-Projekt in Berlin, zogen sie in diesem Jahr in ihren derzeitige Räume, wo nun regelmäßig Presse und Menschen von Unternehmen wie der Metro-Gruppe vorbeischauen, um die erste Innenraum-Farm Berlins zu sehen.
Ob sie damit die Gemüseversorgung der Hauptstadt umkrempeln werden, bleibt abzuwarten. Unbestritten ist auf jeden Fall, dass derzeit in anderen Ländern erste große
Gemüse-Fabriken
in Innenräumen entstehen. In einer ehemaligen Sony-Fabrik in Japan, die nach der Atomkatastrophe von Fukushima geschlossen wurde, hat das Unternehmen Mirai eine der größten Indoor-Farmen der Welt angelegt. Die Halle hat die Größe eines Fußball-Feldes. Auf bis zu 18 Etagen hohen Regalen werden dort seit Juli 10.000 Salatköpfe pro Tag geerntet. Unternehmen aus Russland, aber vor allen aus Stadtstaaten ohne Hinterland
wie Hongkong und Singapur
haben bereits Interesse an der Technologie geäußert. In den USA verkaufen Unternehmen wie Green Sense Farms und Bright Sense ihre Ware sogar schon an Supermarkt-Ketten. Die soll bald sogar in Gewächshallen sprießen, die direkt auf den Dächern der Märkte stehen.
Altmodisch
findet das Guy Galonska.
Das sind ja noch richtige Gewächshäuser. Unsere Geräte sollen den Anbau komplett dezentralisieren und überall funktionieren
von der privaten Wohnungsküche bis zur leer stehenden Fabrikhalle.
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