VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Erster Besuch am Samstagmittag: Während draußen Kreuzberger fürs Wochenende einkaufen oder Auto waschen, herrscht im Keller des Tresors die ewige Nacht. Der lange Gang zu der unterirdischen Tanzfläche, von einigen roten Lampen und Blitzlichtern vage erleuchtet, ist so desorientierend wie eh und je. Und wenn man es dann endlich in den vernebelten Keller geschafft hat, schlägt Prügeltechno der unbarmherzigsten Art über einem zusammen wie eine Sturzwelle.
Im Halbdunkel schwankende Gestalten, die im Flackern des Stroboskops zucken. Viel Sauerstoff ist hier nicht mehr. Der Tresor ist immer noch die Kombination von Fließband, Naturkatastrophe und Weltraumschlacht, die ihn zur Berliner Klublegende gemacht hat. Wer sich hier nicht mindestens einmal von end- und gnadenlosen Beats hat prügeln lassen, kennt Berlins Nachtleben nicht. Ein Presslufthammer und ein Industrieroboter würden wahrscheinlich einen ähnlichen Sound hinbekommen. Aber nun ist es halt James Ruskin, der hier am hellen Mittag einen DJ-Set abliefert, den man so wahrscheinlich auch schon vor 25 Jahren zur Aufführung hätte bringen können.
Die geduldige Hartnäckigkeit, mit der im Tresor die härteste Spielart von Techno zelebriert wird, ist sein Überlebensgeheimnis. 1991 kurz nach dem Mauerfall im ehemaligen Tresor des im Zweiten Weltkriegs zerbombten Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz eröffnet, galt er in den 90er Jahren gegenüber Konkurrenten wie dem E-Werk, dem WMF oder dem Cookies immer irgendwie als prollig, als Feiertempel für die gefürchtete "Brandenburger Landjugend" mit ihren rohen Musikvorlieben.
Doch im Gegensatz zu den genannten Klubs existiert der Tresor immer noch: Durch stures Beharren auf seine kulturkonservative Lesart von Techno ist er inzwischen mit seinem eigenen Mythos identisch geworden, ohne darum zum Techno-Museum geworden zu sein. Seine Türpolitik, bei der jeder eingelassen wird, der sich ohne fremde Hilfe einigermaßen aufrecht halten kann, hat dazu genauso beigetragen wie das sture Beharren auf einen Sound, an dem sich im letzten Vierteljahrhundert nicht mehr viel geändert hat.
Eigentlich unglaublich für einen Klub, der sich jahrelang mit kurzfristig verlängerten Zwischennutzungs-Mietverträgen über Wasser gehalten hat und der immer wieder totgesagt wurde.
Auch wenn der Klub inzwischen in das Kraftwerk an der Köpenicker Straße umgezogen ist, gilt hier eine eherne Musikgeografie: Unten im Tresor gibt's auf die Zwölf, im Globus eine Etage darüber läuft ein geringfügig menschenfreundlicherer Tech-House-Sound, im OHM erlaubt man sich musikalische Experimente, und die Halle des Kraftwerks wird für Avantgarde-Festivals wie Berlin Atonal oder MaerzMusik geöffnet.
Bei dem viertägigen Festival, mit dem der Tresor am Wochenende sein 25-jähriges Bestehen feierte, bespielte man mehr oder weniger ohne Unterbrechung alle Floors außer dem Globus. Und hatte sich auch noch mal einige der DJs eingeladen, die das musikalische Profil des Klubs geprägt haben - viele von ihnen inzwischen auch schon gut in ihren 50ern. Da waren zunächst einmal lokale Veteranen wie Tanith, Ellen Allien, Thomas Fehlmann, Gudrun Gut, Moritz von Oswald oder Pacou. Altgediente Kräfte aus dem Rest der Republik wie DJ Hell oder DJ Deep. Detroit-Techno-Legenden wie Juan Atkins, Blake Baxter oder Robert Hood, die der Tresor in den frühen 90er Jahren zum ersten Mal nach Deutschland holte und auf dem hauseigenen Label veröffentlichte. Mit Surgeon war auch der britische Techno der 90er vertreten. Nachwuchs-DJs wie Helena Hauff und Magda El Bayoumi rundeten die Auswahl ab.
Auch wenn man in der Regel Techno inzwischen eher zu Hause am Laptop mit Videos aus dem Boiler Room bei YouTube genießt, ist das dann doch ein Grund, am Samstagabend die alten Knochen zu vorgerückter Stunde in die Köpenicker Straße zu schleppen, um nochmal wie ein Rave-Gespenst durch die Katakomben zu spuken. Da ist man nicht der einzige Ehemalige: Durch die Menge der Jungmenschen schieben sich gelegentlich auch andere Gäste im reiferen Alter, die sich für diesen Anlass nochmal in ihre alten T-Shirts mit dem Underground-Resistance-Logo gezwängt haben. Ansonsten füllt die bekannte Mischung aus Touristen, Techno-Atzen und Vollbart-Hipstern die zugigen Räume. Diese Mischung hat dem Tresor den Ruf der Massenabfertigung eingetragen, kann aber auch als ein Zeichen gelebter Techno-Demokratie begriffen werden.
Draußen vor der imposanten Kraftwerksfassade, auf die das Tresor-Logo projiziert wird, sind Container für Kasse und Türsteher aufgebaut, zu denen sich ab drei Uhr morgens durch ein Labyrinth aus Metallbarrieren eine lange Schlange von Besuchern windet. Drinnen ist es so schrabbelig wie eh und je. Eigentlich hat sich hier gar nichts geändert. Aber so wie das pumpt und pocht und kracht und knallt, hat es schon seine Richtigkeit. Ein Grund, warum das nicht noch mal ein Vierteljahrhundert so weitergehen soll, fällt einem gerade nicht ein.
Übrigens, die Frauenquote unter den DJs fiel bei dieser Feier deutlich günstiger aus als im ach so queeren Berghain an einem beliebigen Wochenende. Auch die afro-amerikanischen Pioniere des Techno spielten die ihnen gebührende Rolle. An solchen Details merkt man dann doch, wer hier seit 25 Jahren ein höchst diverses Publikum dreimal pro Woche zu einer weitgehendst konfliktfreien Bruder- und Schwesternschaft der Tanzfläche zusammenschweißt.
Auf dem Heimweg dann das lange nicht mehr gehörte Pfeifen im Ohr. Die gut geölte Techno-Maschine läuft immer weiter, selbst wenn zwei Tage zuvor in München neun Menschen erschossen wurden. Bei Redaktionsschluss am nächsten Abend war die Party noch lange nicht vorbei.
So wie das pumpt und pocht und kracht und knallt ...
ROLAND OWSNITZKI Heute findet man den Tresor im Heizkraftwerk Mitte. Eröffnet wurde der Klub 1991 im Gewölbe des ehemaligen Kaufhauses Wertheim am Leipziger Platz.