In der Echokammer des Selbst

Die einzige Installation des Minimal-Music-Komponisten Terry Riley ist nach mehr als drei Jahrzehnten rekonstruiert worden.

Von Tilman Baumgärtel

Hier gibt es kein Entrinnen vor dem Selbst. Wohin man auch blickt, man sieht den eigenen Körper. Das leiseste Geräusch wird von zahllosen, sich überlagernden Echos aus verschiedenen Richtungen reflektiert. So sehe ich also aus, so klinge ich. Die Installation „Time Lag Accumulator“ von Terry Riley ist eine Echokammer des Ichs.

Der minimalistische Komponist hat dieses Werk 1968 für die Ausstellung „Magic Theater Show“ in Kansas City entwickelt, und seither ist es nie wieder gezeigt worden. Es ist die einzige derartige Arbeit von Riley, der eigentlich als einer Begründer der Minimal Music und als Komponist von Werken aus streng repetativen Patterns bekannt geworden ist. Mit den von ihm entwickelten Methoden haben es Komponisten wie Steve Reich und Philip Glass zu Weltruhm gebracht. Der weniger Karriere-orientierte Riley verabschiedete sich Anfang der 70er Jahre – nach Kompositionen wie „In C“ und „A Rainbow in Curved Air“ – von seinen minimalistischen Methoden und ging nach Indien, um sich im Raga-Singen ausbilden zu lassen.

Erst mehr als dreißig Jahre nach seiner ersten Präsentation ist jetzt in Lille, einer der beiden diesjährigen europäischen Kulturhauptstädten, in der Ausstellung „Les Microfolies“ eine neue Version des „Time Lag Accumulators“ zu sehen. Damit ist ein in Vergessenheit geratenes Schlüsselwerk der postmodernen Kunst wieder zu entdecken. Der „Zeitverzögerungs-Akkumulator“ war nicht nur die Blaupause für die Videoinstallationen, mit denen Künstler wie Dan Graham oder Bruce Nauman Anfang der 70er Jahre ihre Karriere begonnen haben. Er bringt auch wie keine andere Arbeit aus dieser Zeit die Moment-Fixiertheit und die Abkehr von den Großen Erzählungen der Moderne in den 60er Jahren auf den Punkt. Riley selbst hatte in seinen Wanderjahren durch Europa und Indien alle seine Aufzeichnungen weg gegeben, und so musste Kurator Richard Castelli nach den vagen Erinnerungen des Komponisten die Arbeit neu bauen lassen. Die Originalversion steht angeblich bis heute in einem Garten in Kansas City.

Von außen erinnert der achteckige Pavillon mit seinen Wellblechwänden an ein Wachhaus oder eins der historischen Berliner Straßen-Pissoirs. Wenn man durch die einzige Tür eingetreten ist, findet man sich in einer von acht Kammern wieder, deren Wände mit Spiegelfolie bezogen sind. Unter der Decke hängen Mikrophone, die jedes Geräusch aufzeichnen und mit leichter Verzögerung (eben mit „time-lag“) in einer anderen Kammer wider geben. Mehrmals hört man die eigene Stimme aus verschiedenen Richtungen. Wenn man laut genug geschrieen hat, überlagern sich diese Echos zu einem erst anschwellenden, dann langsam absterbenden Wall of Sound.

Die Wiederholungen bügeln etwaige Unvollkommenheiten der eigenen Stimme aus, doch schließlich bleibt von dem, was man gesagt hat, statt Bedeutung nur ein waberndes Rauschen übrig. Der „Time-Lag Accumulator“ ist eine Art Dub-Stück zum Durchwandern. Kaum zu glauben, dass die Orginalversion mit einer Reihe von Tape-Loops auf Tonband-Maschinen lief; mit denen Riley zu der Zeit auch die wildesten Kompositionen seiner Laufbahn – „Music from The Gift“ – hergestellt hat. Nun produziert das Computerprogramm MAX die künstlichen Echos.

Plötzlich klingt es, als ob eine 100köpfige Schulklasse in den Raum eingedrungen ist: Kichern, Kreischen, Türenschlagen donnern durch das Achteck, aber dann rennen nur zwei Kinder an einem vorbei. Noch lange, nachdem sie wieder weg sind, klingen ihre Rufe nach, und ihre leiser werdenden Echos erinnern an die Geräusche eines entfernten Freibads oder eines Rummelplatzes. Dann ist man wieder allein mit dem eigenen Bild und dem eigenen Sound, und kann mit sich selbst einen mehrstimmigen Kanon singen. Interessanterweise führt die Konfrontation mit dem eigenen Ich irgendwann zu einer zunehmenden Dezentrierung bei gleichzeitigen Anwandlungen von ozeanischen Gefühlen.

Der „Time-Lag Accumulator“ erinnert an die „philosophischen Spielzeuge“ des 18. und 19. Jahrunderts. Geräte wie das „Lebensrad“ oder die „Laterna Magica“ popularisierten damals die neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in einer leicht nachvollziehbaren Form. Die Installation ist ein lupenreines Feedback-System, wie es die damals populäre Kybernetik in ihren Weltmodellen beschrieb. Gleichzeitig macht es einige der Ideen über die menschliche Wahrnehmung physisch nachvollziehbar, die der in den 60er Jahren sehr populäre französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty beschrieben hatte.

Doch vor allem ist die Installation das Monument der „Now-Generation“ der 60er Jahre mit ihrer Feier des Hier-und-Jetzt. Der „Time Lag Accumulator“ lässt den schönen Augenblick verweilen; er verleiht dem Moment Dauer, wenn er ihm schon keine Ewigkeit geben kann. Indem er den Betrachter ganz auf sich selbst zurückwirft, ist er zugleich eine Absage an jede Art von „Aussage“ oder Intentionalität in der Kunst. Der „Time-Lag Accumulator“ ist der Höhepunkt einer Kunst, die – wie Minimal Art oder die frühe Konzeptkunst – auf Bedeutung verzichtet, und den Betrachter stattdessen mit sich selbst konfrontiert. Das bist Du, mehr ist da nicht.

Die Ausstellung „Microfolies“, in der die Arbeit zu sehen ist, ist mit Beiträgen von Christian Partos, Teji Furuhashi und Serge Lutens eine der gelungensten Medienkunst-Präsentationen der letzten Jahre. Zusammen mit der Ausstellung „Game On“, die die Geschichte des Videospiels rekapituliert, und „Les Afriques“ über das Afrika-Bild in der zeitgenössischen Kunst, macht sie einen Besuch in der nachlässig vermarkteten Kulturhauptstadt Lille auf jeden Fall empfehlenswert.

Die Ausstellungen „Microfolies“, „Les Afriques“ und „Game On“ sind noch bis zum 8. August in Lille zu sehen. www.lille2004.com

Tilman Baumgärtel

Tilman Baumgärtel