So voll war die Heilig-Geist-Kirche in Berlin-Kreuzberg wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr: kurz vor 20 Uhr standen festlich gekleidete Menschen in schwarzen Anzügen und Abendkleidern Schlange vor dem Eingang. Bodyguards überprüften Einladungen. Eine Reihe von Herren im "Men in Black"-Look mit dunklen Sonnenbrillen lungerten neben Blumengebinden und Fackeln herum und Damen in schwarzen Minikleidern schenkten Sekt aus.

Im Innereren der Kirche war kein Platz mehr frei. Die Besucher drängelten sich auf Stehplätzen zwischen Kamerateams und Fotografen, vor dem Altar blinkte eine grosse Leinwand multimediale Bilder ins Publikum, und nur die Gesangsbücher hinter dem Buffettisch erinnerten daran, dass man sich hier in einem Gotteshaus befand, und nicht bei einer Party der Reichen und Schönen.

Doch wer eine Prominentenhochzeit oder die Taufe von deutschem Adelsnachwuchs hinter dem großen Bahnhof vermutete, irrte: das Publikum in der Kreuzberger Kirche war nicht gekommen, um Gott zu huldigen, sondern ihrer Branche und ihrem eigenen Erfolg. Denn in der Heilig-Geist-Kirche wurde am Sonntagabend der "OnlineStar 99" verliehen. Die Internetzeitschrift "com!online" vergab während der Berliner Funkausstellung den ersten Preis für deutsche Websites. In zwölf Kategorien waren 48 Internet-Angebote zur Abstimmung ausgeschrieben; 410,827 Stimmabgaben wurden bei der Wahl gezählt, die vom 18. Juni bis zum 8. August stattfand. Bei der Verleihung des Preises, einer eckigen Plexiglas-Trophäe, hatte die deutsche Internet-Branche zum ersten Mal die Gelegenheit, sich von ihrer schicken Seite zu zeigen und sich selbst zu feiern.

Statt pickliger Jung-Webdesignern in sackenden Jeans und übergrossen T-Shirts waren bei der Feier Netz-Unternehmer in achtbarer Abendgarderobe zu besichtigen. Wenn die über 1000 jungen und nicht mehr ganz so jungen Internet-Nouveau-Riches bei der "OnlineStar"-Verleihung einen treffenden Eindruck von dem Zustand der deutschen Netzindustrie vermitteln sollten, dann ist die Branche aus der Phase der Garagenfirmen herausgewachsen. Nach dem Dresscode zu schließen, hätte die Feier auch eins der Branchentreffen der deutschen Privatfernsehsender oder von Werbeagenturen sein können.

Freilich, es gibt ihn noch, den Mitzwanziger, der sich selbst noch ein bisschen darüber wundert, daß er plötzlich zum Chef geworden ist: die Jungs von dem Internet-Auktionshaus Alando, die in T-Shirts des neuen Mutterunternehmens eBay ihren Preis entgegennahmen und dabei gleich mit der gesamten Belegschaft die Bühne stürmten, waren ganz offensichtlich selbst von ihrem Erfolg überrascht und lagen sich nachher in den Armen wie eine Streetball-Mannschaft, die ein Lokalturnier gewonnen hat. Aber die meisten Web-Unternehmer traten im dezenten Zweireiher an, um ihren Preis entgegenzunehmen und artig einige Fragen zu beantworten.

Freilich, an das Niveau der amerikanischen Webbyawards reichte die ganze Veranstaltung noch nicht heran. Dafür sorgten nicht zuletzt die hoffnungslos überforderten Moderatoren Sibylle Nicolai (ZDF) und Julian Patzak (Radio 100,6 Berlin), deren Kommentare und Fragen weitgehende Unkenntnis der Materie bewiesen und die zeitweise die Atmosphäre einer kirchlichen Wohltätigkeits-Tombola aufkommen liessen. Auch die Showeinlagen von den Weather Girls und Angel McKay (der angekündigte Lou Vega hatte sich entschuldigen lassen) sorgen nicht unbedingt für ausgelassene Feieratmosphäre.

Doch vor allem die Kategorien, in denen gewählt wurde, verrieten deutsche Muffigkeit: "Business & Finanzen", "E-Banking" und "Service" sind für die teutonische Netzszene offenbar wichtiger als etwa "Erziehung & Ausbildung", "Politik" oder "Kunst". In diesen Bereichen, die zum Beispiel bei den "Webbyawards" existieren, wurde nicht abgestimmt. Auch die Gewinner (wohlbekannte, kommerzielle Websites wie "Yahoo" oder "Amazon") verrieten nicht gerade Weltniveau, und dass in Deutschland Angebote wie "kostenlos.de" zu den großen Abräumern gehören, spricht für sich selbst. Auch die Website von "Focus-Online", einem der "Medienpartner" der Veranstaltung auf die Liste der Kandidaten zu setzten, wäre nicht nötig gewesen.

All das hielt die deutschen Webschaffenden freilich nicht davon ab, in der lauen Augustnacht noch lange die knapp zehn Buffets und Theken im Garten hinter der Kirche so hartnäckig zu belagern, dass die Kellner und Kellnerinnen zum Teil kaum mit dem Ausschenken und Servieren nachkamen. Die deutsche Multimedia-Szene hat ihre Branchen-Oscars.

DIE GEWINNER DES ONLINESTARS 99

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