„Radiophonic Spaces“ im Haus der Kulturen der Welt
Von Tilman Baumgärtel
Am 22. Dezember 1920 fand die erste Rundfunkübertragung in Deutschland statt. Postbeamte spielten Weihnachtslieder und trugen Gedichte vor, die der neu eingerichtete Sender Königs-Wusterhausen der Deutschen Reichspost in „den Äther“ übertrug.
Knapp hundert Jahre später resümiert die Ausstellung „Radiophonic Spaces“, die nach einer Station in Weimar zeitgleich im Haus der Kulturen der Welt und im Museum Tinguely in Basel zu sehen ist, wie das Medium von Autoren und Künstlern für kulturelle Produktionen jenseits von Nachrichten und durchformatierten Musikprogrammen genutzt worden ist. Zusammengestellt von einem Team unter der Leitung von Nathalie Singer, Professorin für experimentelles Radio an der Bauhaus-Universität Weimar, kann man hier mehr als 200 Arbeiten internationaler Radiokunst kennenlernen.
Auch wenn viele dieser Werke aus der Literatur bekannt sind, ist es oft gar nicht so leicht, diese auch tatsächlich zu hören zu bekommen. Dass die Ausstellung viele Arbeiten zugänglich macht, die nie auf CD oder im Netz veröffentlicht wurden, ist ihr großes Verdienst. So kann man einem ungemütlichen Novembernachmittag im gedämpft beleuchteten Foyer des HKWs damit verbringen, sich zum Beispiel das erste deutschsprachige Hörspiel „Zauberei auf dem Sender“ von Hans Flesch anzuhören, das der Sender Frankfurt 1924 ausstrahlte.
Ebenfalls in den Charts der Radiokunst, die die Ausstellung präsentiert, sind selten gehörte Werke wie eine Radiofassung von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ von 1930 oder Paul Hindemiths lange verloren geglaubten Schallplattenkompositionen aus dem selben Jahr. Wer viel Zeit mitbringt, kann sich Arbeiten von John Cage und Bill Fontana, Ernst Jandl und Ror Wolf, Rene Polesch und Milo Rau anhören. Auch eine deutsche Version von Orson Welles´ „Krieg der Welten“, die bei der Erstausstrahlung in den USA eine Massenpanik ausgelöst haben soll, und eine rauschende Schweigeminute der British Movietone von 1935 gehören zum Programm. Das vergleichsweise neue Medium des Podcasts – mit beim Publikum erfolgreichen, aber auch ästhetisch ambitionierten Beiträgen wie der amerikanischen Produktion „Serial“ –, welche das Radiohören der Generation der Millenials beigebracht hat, spielen allerdings keine Rolle.
Optisch gibt sich die Präsentation, gestaltet von Cevdet Erek, minimalistisch karg: Um von der Decke herunterhängenden Kabel, die als Sender funktionieren, sind sehr bequeme Polsterstühle arrangiert. Mit dem Smartphone mit Kopfhörern, das man an der Garderobe in die Hand gedrückt bekommen hat, kann man hier jeweils eine Auswahl von Radiostücken hören.
Wer von einer Hörstation zur nächsten geht, hört Kurzwellen-Rauschen als würde er mit dem Radio nach einem Sender suchen. Auf einigen Computerstationen kann man direkt nach Titeln oder Künstlern suchen, sich das gesuchte Werk auf das Smartphone streamen lassen und auch Informationen über Schöpfer und Entstehung der Arbeit einsehen. Hübsch sind die einzelnen Exponate hier auch nochmal auf einer Sternenkarte angeordnet, die Verbindungen und Wahlverwandtschaften zwischen den einzelnen Arbeiten und Künstlern visualisiert.
So wird auch deutlich, dass die Ausstellung im Kern eine Datenbank ist, deren akustischen Inhalten man sich auf verschiedenen Weisen näheren kann. Im Ergebnis sieht man ein paar Dutzend Menschen um sich sitzen, die auf einen Smartphone-Monitor starren, ihre Gesichter im Halbdunkel im Foyer des Haus der Kulturen der Welt in den Farben der Ausstellungsapp erleuchtet – ein absolut gegenwärtiger Anblick also.
Wer die Präsentation richtig ansehen, aber vor allem anhören will, muss viel Zeit mitbringen. Über 200 Werke sind zu entdecken, von denen manche zwei Minuten, andere aber auch zwei Stunden dauern. So bricht man vielen Beiträge nach einigen Minuten ab, um woanders weiter zu lauschen. Am Ende hat man eine eigene Playlist von nicht fertig gehörten Werken auf seinem Gerät. Die so entstandenen Daten kann man mit den Listen von anderen Besuchern vergleichen,
Richtig schick wäre es nun, wenn man die Arbeiten, in die man hineingehört hat, auf dem eigenen Smartphone mitnehmen und zuhause beim Abwasch zu Ende hören könnte. Viele der Werke thematisieren ja genau den ubiquitären Charakter des Radios, der es erlaubt, dass man ihm im Auto und im Badezimmer, mit Kopfhörern in der Bahn und im Freibad zuhören kann. Da ist es etwas enttäuschend (um in Zeitalter von Spotify auch schwer zu vermitteln), dass die Ausstellung die ausgewählten Radiostücke gleichsam im Haus der Kulturen der Welt einsperrt.
Dieser Vorwurf tritt freilich weniger die Veranstalter der Ausstellung, die ja viel Arbeit in das Vorhaben investiert haben, selten gehörte Werke aus den Archiven zu Tage zu fördern. Er richtet sich vielmehr an diejenigen, denen die Verantwortung für die Verbreitung dieser Werke übertragen wurde. Ein überbordendes Urheberrecht macht die Dissemination von Kultur immer komplizierter und intransparenter. Dabei ist viel von dem Material, das es in den Mix von „Radiophonic Spaces“ geschafft hat, durch deutsche Rundfunkgebühren finanziert worden. Im HKW können die Beitragszahler nun wenigstens für die Dauer der Ausstellung Arbeiten hören, die einst mit ihren GEZ-Gebühren bezahlt wurden.
„Radiophonic Spaces“ bis zum 10. Dezember im Haus der Kulturen der Welt und bis zum 27. Januar 2019 im Museum Tinguely in Basel.