Gewalttätige Formulare

Die Ausstellung und Veranstaltungsreihe “Formulare Kunst” nähert sich dem Phänomen des Formulars mit den Mitteln der Kunst

Von Tilman Baumgärtel

“Formulare sind eine Art von Gewaltausübung.”

Das ist doch mal eine steile These, mit der man da bei der Ausstellung „Formulare Kunst“ bei der Neuköllner Kunstinitiative WerkStadt begrüßt wird. Einen Monat lang beschäftigt sich die Künstlergruppe Ongoing Projects mit den Papieren, die von der Anmeldung im Fitness-Studio oder der Teilnahme am Seifenkistenrennen bis zur Gewährung eines Kredits oder des Bleiberecht in Deutschland sowohl für Banales wie für Lebensentscheidendes ausgefüllt werden müssen.

Selbstredend steht die Gruppe der bürokratischen Reglementierung durch Schriftstücke kritisch gegenüber und beschwört die Alternative der „nicht-standardisierte Begegnungen“, in der stattfindet, was nicht in die Kästchen und Kistchen eines Formulars passt. Wer zum Beispiel kein Deutsch versteht, der steht den Formularen des Ausländeramtes hilflos gegenüber. „Viele der Flüchtlinge, die jetzt nach Deutschland kommen, verstehen die Bedeutung der Formulare überhaupt nicht“, sagt eine der beteiligten Künstlerinnen. „Denen muss man erklären, dass alles, was sie da eintragen, Auswirkungen auf ihre Existenz in Deutschland haben kann.“

Aber auch wenn Deutsch beherrscht, mag mit dem Amtsdeutsch, in dem die Formulare verfasst sind, seine Mühe haben. Selbst Mitglieder von Ongoing Projects geben freimütig zu, dass sie bei der Anmeldung bei der Künstlersozialkasse nicht sicher waren, dass sie alles richtig angekreuzt hatten: „Dabei hat man als Künstler oft das Gefühl, das man dauernd Formulare ausfüllen muss, um Förderung für Projekte zu bekommen.“

Nicht mitzumachen ist freilich keine Alternative. Wer wie Melvilles Schreiber Bartleby „Ich möchte lieber nicht“ zum Formular sagt, wer es falsch oder unvollständig ausfüllt oder es einfach in die „Ablage P“ – ein Exemplar schmückt auch den Ausstellungsraum – verfrachtet, bekommt kein Arbeitslosengeld oder keine Bahncard. Und im Internet, wo surfen oft genug das ununterbrochene Ausfüllen von digitalen Formularen ist, kommt er auch nicht weiter. Darum gibt es in der WerkStadt jeden Nachmittag die „Fokü“ – kurz für Formular-Küche – wo Experten Leute aus der Nachbarschaft beim Ausfüllen des Antrags auf Alg II, Kindergeld, Wohngeld beraten, und am Abend eine Reihe von geisteswissenschaftlichen Vorträgen zum Thema.

Den Erwartungen, die man traditionellerweise an eine Kunstausstellung hat, entsprechen lediglich einige Exponate an der Wand, deren Präsentation an die härteste Doku-Kunst der 90er Jahre a la Group Material oder Renée Green erinnert: ein Ordner voller Beispiel-Formulare, Bücherregale mit Literatur zum Thema, eine Kopierer zur Produktion weiterer Formulare – da wirken einige Origami-Faltarbeiten aus Formularen und ein ausgefülltes und unterschriebenes Formular, das als eine Art bürokratischer Auflagenarbeit gerahmt an der Wand hängt, schon verspielt.

Wie säuberlich die von den Künstlern gesammelten Formulare in einem grau marmorierten Aktenordner in Klarsichthüllen verpackt sind, sagt aber auch etwas darüber aus, wie in Deutschland selbst Menschen, die Formularen kritisch gegenüberstehen, in der Praxis recht gründlich verinnerlicht haben wie das Reglement funktioniert, das diese Papierstücke uns aufzwingen.

„Formulare Kunst“ in der WerkStadt, Emser Straße 124 in Neukölln. Am Donnerstag, dem 15. Oktober 2015 hält der Geisteswissenschaftler Christian Drießen einen Vortrat über “Form, Ideologie, Hemmungen, Formlosigkeit”, gefolgt von einer Performance von Wahshi K. Am Freitag, den 16. Oktober wird in der letzten “Formular-Küche” eine gemeinsame Petition zum Gebrauch von Formularen erarbeitet. Anschließend ist bis zum 31. Oktober nur noch die kleine Ausstellung zu sehen.