NETZWERK
VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Es ist alles noch da. Nach wie vor ist Youtube ein praktisch vollständiges Kompendium aller Musik, die die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in den vergangenen Jahren auf den Index gesetzt hat. Zwar gab das Videoportal am Dienstag bekannt, dass es künftig aktiver gegen gewalttätige, extremistische oder "verstörende" Videos vorgehen will. Aber wie eine kurze Inspektion der Website ergab, ist wenigstens im deutschsprachigen Bereich von Youtube alles beim Alten.
10 000 neue Prüfer
Jedermann (und jedes Kind), das über einen Computer mit Internetzugang verfügt, findet hier mit wenigen Klicks zum Beispiel die Gangster-Rap-Alben "Jung Brutal Gutaussehend" von Kollegah und Farid Bang oder "Sonny Black" von Bushido. Beide hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien 2015 auf den Index gesetzt, da sie verrohend wirken, zu Gewalttätigkeiten anreizen und Frauen und Homosexuelle diskriminieren. Daher dürfen diese Alben in Deutschland nicht mehr an Minderjährige verkauft und öffentlich beworben werden. Bei Youtube sind sie gleich mehrfach und ohne irgendwelche Zugangshürden zu finden.
Ebenfalls bei Youtube finden sich die gesammelten Werke der Frankfurter Rechtsrocker Böhse Onkelz, auch ihr indiziertes Debütalbum "Der nette Mann". Von dem bekommt man praktischerweise gleich einen Link zum ebenfalls verbotenen einzigen Album der Berliner Nazi-Band Landser angeboten.
Youtube-Geschäftsführerin Susan Wojcicki schrieb am Dienstag in einem Blog-Eintrag, dass die Muttergesellschaft Google im kommenden Jahr 10 000 Prüfer einstellen wolle. Außerdem sollen problematische Videos verstärkt mit Hilfe von künstlicher Intelligenz ausgesiebt werden. Doch um Musik, die von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert wurden, aus dem Angebot verschwinden zu lassen, bedarf es keiner künstlichen Intelligenz - man braucht nur den Willen, deutsches Recht umzusetzen. Dass Youtube es damit nicht sehr ernst ist, beweist die Tatsache, dass die Videoplattform seit Jahren keine Anstalten macht, Musik, die für Jugendliche verboten ist, von diesen fernzuhalten.
Einmal mehr zeigt sich hier, dass man lange warten kann, wenn man hofft, dass Internet-Plattformen von sich aus Missstände abstellen. Auch Facebook behauptete lange, gegen diffamierende Posts machtlos zu sein. Erst als die Bundesregierung begann, dem Unternehmen die Folterinstrumente zu zeigen, und Anfang des Jahres das Netzwerkdurchsetzungsgesetz in Kraft trat, begann man zähneknirschend damit, systematisch Hass-Kommentare zu löschen.
Nun ist Youtube mit dem Aufräumen dran. Auch hier waren es nicht die Kräfte der Selbstreinigung, sondern ein internationaler Aufschrei der Empörung, der auf Berichte des Bloggers James Bridle und der britischen Times folgte. Die hatten zahlreiche Beispiele für jugendgefährdende Videos gefunden, die zum Teil millionenfach angeklickt worden waren - und zwar offenbar in der Regel von Kindern, an die sich die zunächst harmlos wirkenden Animationsfilme mit Figuren wie "Spiderman" oder "Shreck" offenkundig richteten. Erst nach einigen Minuten schlicht-niedlicher Handlung wurden die Figuren schmerzhaften Zahnoperationen unterzogen, vergifteten sich mit Bleichmitteln oder gingen mit Messern aufeinander los. Derartige Videos sind in den vergangenen Tagen zwar nicht komplett bei Youtube verschwunden, doch viele von ihnen wurden tatsächlich gelöscht oder werden wenigstens nicht mehr automatisch miteinander verlinkt.
Die schnelle Reaktion des Unternehmens hat einen guten Grund: Geld. Die Times wies in ihrem Bericht darauf hin, dass vor einigen dieser Videos Werbung von Unternehmen wie Amazon, Adidas, Mars oder eBay gezeigt wurde. Als die ersten Werbekunden ihre Aufträge stornierten, zeigte Youtube, wie schnell es auf Beschwerden reagieren kann. In Deutschland hat jedoch auch ein vollkommen antiquierter Jugendschutz zum Wildwuchs bei Youtube beigetragen: Wer seine Filme im Kino, Fernsehen oder auf DVD/BluRay verbreiten will, muss diese zur Prüfung der Freiwilligen Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft in Wiesbaden vorlegen. Dort wird alles mit Altersklassifikationen versehen.
Aufgabe als Hilfssheriff
Für Streamingdienste wie Youtube, bei denen heute die große Mehrheit von Kindern und Jugendlichen ihre Videos guckt, gibt es nichts Vergleichbares. Sie müssen lediglich die Möglichkeit anbieten, auf problematische Angebote hinzuweisen. Die Nutzer werden so zu De-Facto-Hilfssheriffs von Youtube gemacht. Das Unternehmen kann dann hinter verschlossenen Türen darüber entscheiden, ob es auf Beschwerden Taten folgen lässt.
Und so sollte es nach dem Willen von Firmen wie Youtube auch noch recht lange bleiben: Nichts fürchten sie mehr als nicht länger als von Nutzern mit Inhalten bestückte Plattformen, sondern als Medienunternehmen behandelt zu werden. Denn andernfalls müssten diese Firmen eine redaktionelle Überwachung der von ihnen verbreiteten Inhalte einführen, die sie um jeden Preis zu vermeiden versuchen. Bei 400 Stunden Video, die pro Minute bei Youtube hochgeladen werden, wäre es mit 10 000 Prüfern bei aller künstlichen Intelligenz wohl nicht getan.
Tilman Baumgärtel ist Professor für Medienwissenschaft an der Hochschule Mainz. Gerade ist im Reclam-Verlag die von ihm zusammengestellte Anthologie "Texte zur Theorie des Internets" erschienen.
"Unsere Offenheit wird von manchen ausgenutzt, um andere zu belästigen oder ihnen sogar zu schaden."
Susan Wojcicki, CEO von Youtube