NETZKUNST Der Mensch als Netz-Teil
Von Tilman Baumgärtel
Internet-Künstler werden immer kreativer, beweist die Ars Electronica. Ein über die Arbeiten auf der Linzer Elektronik-Kunstausstellung und ein Interview mit der Künstlerin @IVictoria Vesna, die Internet-Surfer Frankenstein spielen läßt.
Das Internet kann weh tun. Jedenfalls, wenn man sich - wie der australische Body-Art-Künstler Stelarc - selbst daran anschließt. Stelarc, der auch schon Magenspiegelungen zum Kunstwerk erklärt hat, eröffnete letzte Woche im österreichischen Linz das Festival Ars Electronica mit einer Performance, bei der er selbst Teil des Internet wurde. Daten, die von einer Suchmaschine aus dem Netz heruntergeladen wurden, verwandelte ein Computer in Stromstöße. Bis zu dreißig Volt schossen durch Elektroden auf der Haut des Künstlers in dessen Muskeln, und ließen seine Leib zucken wie bei einer Tai-Chi-Übung im Schnelldurchlauf.
Das Internet stand in Linz nicht nur bei Stelarcs Performance im Mittelpunkt. Seitdem die Ars Electronica vor zwei Jahren unter dem Motto "Welcome to the Wired World" stand, nimmt Kunst, die sich mit dem Netz der Netze beschäftigt, eine immer wichtigere Rolle auf dem Festival ein. In diesem Jahr wurden einige der interessantesten Projekte im Internet realisiert.
Mit der visuell schönen Arbeit "Webhopper" gewann die japanische Künstlergruppe Sensorium Team beim Prix Ars Electronica eine Goldene Nicka in der Kathegorie ".net": Während im Internet-Raum des Ars Electronica Museums Ausstellungsbesucher im Netz surften, konnte man auf einer Projektionsfläche an der Wand sehen, von wo die Daten auf die Rechner in Linz flossen.
Eigens für das Festival in Auftrag gegeben war das Projekt "Last Entry: Bombay, 1st of July" von Andrea Zapp, eine von Virginia Woolfs Roman "Orlando" inspirierte Netz-Geschichte. In diesem "Travel-Log" können Netzsurfer ihre eigenen Erlebnisse mit denen von anderen Internauten zu einer "digitalen Erzählung" verweben.
Zu den interessantesten Beiträgen im Bereich reiner Netzkunst gehört das "Remote C-Projekt", bei dem sich zehn Künstler zusammengetan haben, um gemeinsam Arbeiten zu schaffen, die im Internet die technischen Vorgaben des Netzes thematisieren. Wer auf die Homepage klickt, bekommt nach dem Zufallsprinzip jedesmal eine andere Eröffnungsseite serviert. Dahinter verbinden sich eine Reihe von Arbeiten, die weniger durch technische Virituosität, als vielmehr durch konzeptionelle Klarheit überzeugen, wie zum Beispiel die "Geschichte der Flughafenkunst" des Slowenen Vuk Cosic.
Der Russe Alexei Shulgin nimmt mit seiner Arbeit die Rituale des "Betriebssystem Kunst" auf die Schippe: Shulgin hat aus gängigen HTML-Befehlen eine eigene Programmiersprache entwickelt, das Ganze zu einer neuen Kunstrichtung namens "Form Art" erklärt und im Netz einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Netzkünstler 500 US-Dollar für Arbeiten in diesem Pseudo-Kunstgenre gewinnen konnten. Bei der Ars Electronica wurden nun die Preise vergeben: Gewinner waren Michaël Samyn, Gründer und einziges Mitglieder der Netzkunstgruppe Group Z, und Kathrin Schmidt.
Die Preisverleihung entwickelte sich zu einer perfekten Parodie der Gepflogenheiten in der Kunstwelt: Nachdem die Sieger bekannt gegeben worden waren, bombardierte das Publikum Shulgin mit Fragen, wie bei einer richtigen Pressekonferenz: Wie er mit seinen "Form Art"-Schülern kommuniziere, wollte beispielsweise ein frischgebackener Reporter wissen. "Sehr förmlich", lautete Shulgins lapidare Antwort.
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Philosophische Körper
Auf der Ars Electronica läßt Victoria Vesna Internet-Surfer Frankenstein spielen.
In ihrer Netzkunst-Arbeit Bodies©INCorporated, die sie auf der diesjährigen Ars Electronica vorgestellt hat, kann man mit der Programmiersprache VRML dreidimensionale Körpermodelle nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten. Zusammen mit einigen Programmierern hat die Künstlerin aus Kalifornien eine virtuelle Firma geschaffen, bei der inzwischen über 5000 User einen eigenen Körper "eingerichtet" haben, einige hundert liegen schon wieder auf einem speziellen "Friedhof".
SPIEGEL ONLINE: Bei Ihrer Netzkunstarbeit Bodies©INCorporated. können sich Internet-User einen eigenen Körper basteln. Wie funktioniert das?
Vesna: Es gibt zwölf Materialien, aus denen man sich einen Körper gestalten kann - natürliche und synthetische. Alle zwölf Materialien haben eine geheime Bedeutung, die eine Kombination aus alten alchemistischen Texten und modernen Marketingstrategien ist.
Man kann seinen virtuellen Körper aus männlichen, weiblichen und kindlichen Teilen zusammenstellen und kann in Echtzeit sehen, wie der Körper entsteht.
SPIEGEL ONLINE: Könnte man diese Arbeit auch auf einer CD-Rom zeigen?
Vesna: Nein, denn es geht uns darum, eine Gemeinschaft aufzubauen. Es mir sehr wichtig, daß man sich die Körper anderer Leute ansehen oder deren Gräber besuchen kann. Bei einer CD-Rom ginge das nicht.
SPIEGEL ONLINE: Die Körper werden auf Ihrer Site mit der 3-D-Programmiersprache VRML gebaut. VRML-Grafiken wirken ziemlich steril. Stört Sie das?
Vesna: Man kann sich die Seite auch ohne VRML ansehen und verstehen, worum es geht. Der konzeptionelle Teil ist für mich am wichtigsten. Außerdem machen wir auch Ausstellungen im physischen Raum, in Galerien. Das tun wir aus mehreren Gründen: Erstens können wir die Computer dann genau so einrichten, wie wir es uns vorstellen. Zweitens können es sich dort auch Leute ansehen, die keinen Zugang zum Internet haben. Würden wir zum Beispiel in Linz eine Ausstellung machen, so würden wir nur Körper zeigen, die online von Linzern gestaltet worden sind. Die würden wir dann auch zur Eröffnung einladen.
SPIEGEL ONLINE: Wem gehören die Körper, die auf Ihrer Site entstanden sind? Ihnen, oder denen, die sie geschaffen haben?
Vesna: Jeder kann sich seinen Körper auf seinen eigenen Computer herunterladen. Die Körper sind jedoch öffentliches Eigentum. Wenn man den Raum von Bodies©INCorporated betritt, muß man erstmal eine ganze Menge Formulare ausfüllen. Die liest natürlich keiner, jeder klickt nur auf "OK". Diese Formulare haben wir von der Disney-Site geklaut und ein bißchen verändert. Wenn man sie genau lesen würde, würde man festellen, daß man auf seine gesamten Rechte verzichtet. Wenn Sie etwas falsch machen, sind Sie selbst dafür verantwortlich. Wenn wir etwas falsch machen, dann ist das auch Ihre Verantwortung. Damit wollten wir auch die rechtliche Situation im virtuellen Raum des Internet thematisieren.
SPIEGEL ONLINE: Kann man Ihre Arbeit so verstehen, daß Sie den wirklichen Körper für überholt halten?
Vesna: Nein, auf gar keinen Fall. Im Gegenteil, ich glaube, daß die Möglichkeit, Informationen im Netz abzulegen oder Intelligent Agents einzusetzten, uns von der Arbeit am Computer befreien kann. Ich glaube, daß dieses Mensch-Maschine-Interface nur der sehr primitive, erste Schritt des Verstehens ist, wie diese Technologien Teil unseres täglichen Lebens werden. Das könnte auch dazu führen, daß man sich seines Körpers stärker bewußt wird.
SPIEGEL ONLINE: Könnte man Bodies©INCorporated nicht auch als Affirmation der Entwicklungen verstehen, die zur Zeit in der Biotechnologie stattfinden?
Vesna: Nein, es handelt sich ja nur um philosophische Körper. Deren Aufgabe ist es, gerade solche Fragen aufzuwerfen, wie die, die Sie mir stellen. Ich werde so was immer wieder gefragt und bin jedesmal verblüfft. Wenn ich einen virtuellen Körper im Internet schaffe, heißt das denn, daß ich hier keinen Körper mehr habe? Nein, ich muß immer noch auf die Toilette gehen! Daran ist nichts virtuell.
Tilman Baumgärtel