Film
VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Ganz am Schluss von "Tony Conrad: Completely In The Present" sieht man den Komponisten, der kein Komponist sein wollte, wie er den Verkehr in New York dirigiert. Mit todernster Miene winkt er Transporter herbei, bedeutet Autos, leiser zu fahren, und fügt zum Schluss noch ein paar Takte "Kinder gehen über den Zebrastreifen" hinzu. Eine Passantin fragt ihn im Vorbeigehen, ob alles in Ordnung sei. "Ja", sagt Conrad und dirigiert weiter.
Diesen Tony Conrad - witzig, abgedreht, durch und durch Künstler, ohne deswegen elitär zu sein - habe ich 1990 als Gaststudent an der State University of Buffalo kennengelernt. Bei den Studenten war Conrad unglaublich beliebt - wegen seines Humors, seiner eigenwilligen, hyperkinetischen, gelegentlich halb irren Art zu unterrichten. Aber auch, weil bei ihm immer etwas los war und man sich in seinen Veranstaltungen für Credit Points an Projekten beteiligen konnten, die später sogar im Fernsehen zu sehen waren. Denn zu dieser Zeit produzierte Conrad für den Offenen Kanal in Buffalo Fernsehprogramme, die aus heutiger Sicht Vorläufer der Sozialen Medien waren: Mit einer Kamera bewaffnet sprach er auf den Straßen Passanten an und verwickelte sie Gespräche über ihren Alltag.
Dabei hätte er sich zu dieser Zeit bereits auf seinen Lorbeeren ausruhen können: Wie der Dokumentarfilm von Tyler Hubby klar macht, hatte Tony Conrad bereits mit Mitte zwanzig zwei Beiträge zur Kunstgeschichte der Nachkriegszeit geliefert, die von so bleibender Bedeutung waren, dass er den Rest seines Lebens damit hätte verbringen können, salbungsvoll von diesen zu sprechen.
In der bildenden Kunst reduzierten zu dieser Zeit Leute wie Donald Judd, Sol Lewitt oder Carl Andre Skulptur und Malerei auf ihre Basiselemente und schufen so den künstlerischen Minimalismus. Tony Conrad, der in Harvard Mathematik studiert hatte, verfolgte in der Musik ein ähnliches Prinzip: Auf einer elektronisch verstärkten Geige spielte er lang angehaltene Einzelklänge und brachte so den sogenannten Bordunton (Halteton) in die zeitgenössische Musik zurück.
Zusammen mit La Monte Young, Marian Zazeela, John Cale und anderen formierte er das Ensemble Theatre of Eternal Music, das in täglichen Proben das Prinzip der musikalischen Monotonie in ohrenbetäubender Lautstärke perfektionierte. Weil La Monte Young die Aufnahmen dieser Sessions bis heute zurückhält, waren sie jahrzehntelang legendäre "bekannte Unbekannte" der Musikgeschichte und haben durch ihre bloße Beschreibung Generationen von Drone-Bands inspiriert.
John Cale, der in dem Ensemble die Power elektronisch verstärkter Streichinstrumente kennengelernt hatte, gründete zusammen mit Lou Reed die Band The Velvet Underground, die in ihre Musik Drone-Passagen à la Tony Conrad integrierte, die Hausband von Andy Warhols Factory wurden und bis heute Lärmbands in der ganzen Welt als Vorbild dient. Tony Conrad verlor hingegen das Interesse an der Musik und produzierte 1966 den Film "The Flicker", der ausschließlich aus schwarzen und weißen Bildkadern bestand und bei der Vorführung einen Flackereffekt erzeugte, der bei einigen Zuschauern Visionen, bei anderen Kopfschmerz und Übelkeit auslöste. So übertrug er die Prinzipien des Minimalismus ins Kino und wurde zum Begründer des "strukturellen Films".
Die nächsten beiden Jahrzehnte verbrachte Conrad in relativer Obskurität als Professor an Colleges und Universitäten. Erst als das Label Table of the Elements Anfang der 90er-Jahre seine Kollaboration mit der deutschen Krautrock-Band Faust und dann Rekonstruktionen seiner frühen Aufnahmen mit dem Theatre of Eternal Music veröffentlichte, begann seine Wiederentdeckung als vergessener Begründer des Minimal Music, die nun in einer retrospektiven Ausstellung in seiner Heimatstadt Buffalo und in diesem Film kulminiert.
Der Film kombiniert Interviews mit dem 2016 verstorbenen Conrad mit Aussagen von Zeitgenossen. Und er präsentiert Aufnahmen seiner Auftritte auf jedem erdenklichen Material - von schwarz-weißem 16-Millimeter-Film über VHS bis zum digitalen Video. Das ist schwer beeindruckend und zeigt einen Künstler, der den bekannteren Minimalisten wie Philip Glass oder Steve Reich mindestens ebenbürtig war, dem aber der Ehrgeiz und der Durchsetzungswille dieser Männer abging. Dafür hat er sich noch mit über siebzig an eine Straßenecke in New York gestellt und den Verkehr dirigiert.
Tony Conrad: Completely In The Present USA 2017. Regie: Tyler Hubby. Dokumentation, 95 Minuten. Im fsk, Hackesche Höfe, Wolf, Tilsiter Lichtspiele, Kino in der Brotfabrik
SALZGEBER
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Bildunterschrift: Ein abgedrehtes Genie: Tony Conrad (1940-2016)