VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Fastvier Minuten dauert es, bis die Namen aller Bildlieferanten über den Monitor gelaufen sind, obwohl sie in der kleinstmöglichen Schrift im Abspann von "Der illegale Film" stehen. Denn ganz so illegal, wie es der Filmtitel gerne hätte, ist der Dokumentarfilm von Martin Baer und Claus Wischmann dann doch nicht.

Hunderte von Videoproduzenten, aus deren Werken der größte Teil des Films zusammenmontiert ist, wurden von sieben Mitarbeitern, die bei der Produktion für die Rechteklärung zuständig waren, um Erlaubnis gebeten, ihre Werke zu verwenden. Das Urheberrecht, um das es in dem Film geht, scheint nicht verletzt worden zu sein. "Der illegale Film" ist also eigentlich vollkommen legal. Ansonsten gäbe es den Film wohl gar nicht. Unterstützer wie die Filmförderungsanstalt Berlin-Brandenburg oder das Creative-Europe-Programm der EU hätten sich garantiert nicht an der Produktion eines Films beteiligt, bei dem die Rechte für verwendetes Filmmaterial nicht geklärt sind. Das wiederum ist genau das Thema des Films: dass durch ein überbordendes Copyright auf Fotos und Filmmaterial kreative Arbeit erschwert wird.

Ausschnitte aus dem Disneyfilm "Das Dschungelbuch" können die Filmemacher nur in verfremdeter Form zeigen, ebenso den TED-Vortrag der Wissenschaftlerin Li Fei Fei, die bei Google die Künstliche Intelligenz bei der Erkennung von Bildern optimierte. Als Rohmaterial zum Maschinentraining nutzte man bei Google übrigens Bilder, die Nutzer in die Cloud des Unternehmens hochgeladen hatten. Die Rechte bei der Nutzung von Bildern sind also ungleich verteilt: Eine Firma wie Google kann ihren Kunden in die Geschäftsbedingungen schreiben, dass man mit ihren Fotos die Computer zu trainieren gedenkt, aber Künstler und Regisseure gehen ein juristisches Risiko ein, wenn sie mit Bildzitaten arbeiten.

Und wenn täglich zwei Milliarden Bilder auf die verschiedenen Social-Media-Plattformen hochgeladen werden, verlieren individuelle Fotografien ihre Bedeutung, aber in ihrer schieren Masse sind sie ein weiterer Datenschatz für die Unternehmen, die sie speichern und auswerten. Um das zu demonstrieren, gehen die Filmemacher fast didaktisch vor. Ihr Film ist wie ein langer Essay in verschiedene Kapitel gegliedert, die verschiedene Aspekte des Themas vertiefen.

Von den historischen Anfängen der Fotografie sind wir schnell bei philosophischen Fragen über die Rolle der Kamera bei der Herstellung von Fotokunst und dem Recht am eigenen Bild - nicht nur Urwaldbewohner, sondern auch Reichskanzler von Bismarck wollte nicht fotografiert werden, weil ihm das vorkam, wie erschossen zu werden.

"Der illegale Film", Deutschland 2019, 84 Minuten. Der Film ist in Berlin im Acud-Kino, im Sputnik-Kino und im Union-Filmtheater zu sehen.