Immer noch Neuland
Wer sammelt Websites, Blogs und Social-Media-Beiträge?
Deutsche Bibliotheken sammeln Bücher, Tageszeitungen, Zeitschriften und andere journalistische Publikationen. Aber was ist mit den Websites, Blogs oder Social-Media-Posts, mit denen heute ein großer Teil des gesellschaftlichen Dialogs geführt wird?
Bisher ist der langfristige Erhalt von digitalen Medien für die deutschen Institutionen, deren Aufgabe es ist, das kulturelle Erbe zu erhalten, immer noch weitgehend Neuland. Wenn Internetangebote überhaupt gesammelt werden, dann nur in kleinem Maßstab und oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das hat nicht nur mit institutioneller Trägheit zu tun – auch wenn andere Länder hier deutlich weiter sind als das „Land der Dichter und Denker“. Aber gleichzeitig gibt es auch eine ganze Reihe von technischen und rechtlichen Hürden, die das Sammeln von Webinhalten komplizierter machen als das von bedrucktem Papier.
Da ist zunächst einmal die schiere Menge. Die Library of Congress in den USA scheiterte 2018 spektakulär daran, allein die Inhalte, die über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet werden, dauerhaft zu bewahren. Obwohl das Unternehmen sogar sein komplettes Archiv zur Verfügung stellte, waren die Datenmengen schlicht zu groß. Seither bewahrt man nur noch „ausgewählte Tweets“ auf – gerade zu einer Zeit, als @realdonaldtrump Twitter zu einem politischen Propagandainstrument machte und den Sozialen Medien wahlkampfentscheidende Bedeutung zugeschrieben wurde.
Die US-amerikanische Stiftung archive.org hat mit seiner „Waybackmachine“ das heute beste Webarchiv aufgebaut. In regelmäßigen Abständen lädt man beim „Webharvesting“ eine repräsentative Auswahl an Websites automatisch herunter. Dieses Verfahren führt zu einer Momentaufnahme der Webpräsenz, die man Zeitschnitt oder Spiegelung nennt. Allerdings werden hierbei nie komplette Websites erhalten, sondern immer nur eine Auswahl von ihren Inhalten; Funktionen wie die Suchmöglichkeiten, oder auch Video- und Audio-Inhalte fehlen häufig ebenfalls.
Bei archive.org finden sich durchaus auch deutsche Lokalblogs – allerdings immer nur in Auszügen. Für die Archivierung des Angebots von Facebook, TikTok oder Telegram, die heute oft die Stelle von Lokalblogs eingenommen haben, hat allerdings auch archive.org bisher keine Lösung gefunden. Auf diese gewinnortientierten Unternehmen selbst sollte beim langfristigen Erhalt ihrer Inhalte keine Hoffnung setzen. In der Vergangenheit wurden Angebote wie GeoCities oder Yahoo Answers von ihren Anbietern ohne langes Federlesen geschlossen, wenn sie nicht mehr profitabel waren – auch wenn dort Beiträge von Hunderttausenden Nutzern zusammengekommen waren und diese Angebote ein Stück historisch wichtiger Internetkultur waren.
Was archive.org von den USA aus mit den Websites dieser Welt macht, wäre in Deutschland nicht möglich: Nach deutschen Recht ist schon das Herunterladen von Websites verboten. Ein Archiv, das Lokalblogs sammeln wollte, müsste sich das von den Betreibern zunächst einmal schriftlich genehmigen lassen. Die Macher von manchen Webangeboten hätten wohl oft nicht einmal etwas dagegen – allerdings müssten sie dann sicher sein, dass sie auch das Urheberrecht für alle Beiträge auf einer Site haben und dafür unter Umständen lang verschollene freie Mitarbeiter oder den Fotograf, der damals dieses eine Bild gemacht hat, wieder auftreiben.
Wenn man die Site nicht nur aufbewahren, sondern auch wieder online zugänglich machen will, sind die rechtlichen Hürden noch höher. Anders Stadtarchive oder die Archive der Bundesländer hat die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) zwar einen gesetzlichen Sammlungsauftrag und darf deswegen Websites speichern. Aber online zugänglich machen darf sie diese nur mit dem Einverständnis der Anbieter. Um die große Mehrzahl der über 7000 gespeicherten Website anzusehen, muss man daher zu den Standorten der DNB nach Leipzig oder Frankfurt/Main fahren. Nur 121 der gesammmelten Websites sind auch online verfügbar.
In Großbritannien archiviert die British Library seit 2014 eine repräsentative Auswahl von Lokalblogs. In Deutschland hat die Staatsbibliothek Bayern eine Sammlung von Websites mit lokalem Bezug aufgebaut. Hier finden sich zum Beispiel die Website der Bayrischen Landesbibliothek, aber auch „BAVARIA - Texte zur bayerischen Geschichte“, eine private Website, die der ehemalige Realschullehrer Kurt Scheuerer angelegt hat. Das Digitale Archiv des Erzbistums München und Freising ist ebenso gespeichert wie die Website, die ein Historiker als „kritische Ergänzung zu den im Buchhandel erhältlichen Werken zur bayerischen Landesgeschichte“ entwickelt hat und die „besonders die Geschichte der Frauen, der Minderheiten und der Ausländer“ darstellen soll, weil diese in der Geschichtsschreibung häufig keine Rolle spielen würden. So dokumentiert die Sammlung der Staatsbibliothek Bayern sehr gut die verschiedenen Methoden, wie das Internet in der Lokalpublizistik genutzt wird: als offizielles Verlautbarungsorgan ebenso wie als Plattform für Minderheiten und Andersdenkende. Allerdings sind es insgesamt nur 1500 Websites, die von der bayrischen Staatsbibliothek im Augenblick systematisch gesammelt werden; die Zahl soll allerdings in der Zukunft steigen.
Von einer einigermaßen repräsentativen Sammlung von lokalen Websites ist man also im Augenblick noch weit entfernt. Derzeit sind viele Stadtarchive schon damit überfordert, die digitalen Dokumente, die ihre eigene Stadtverwaltung produziert, langfristig zu archivieren und zugänglich zu halten. Ändern könnte sich das durch die neue Richtlinien für ein „E-Pflichtexemplar“, das auch Online-Publikationen einschließt. So wie Verlage schon seit jeher ihre Veröffentlichungen bei ihrer jeweiligen Landesbibliotheken abliefern müssen, sollen dann auch wichtige Websites den staatlichen Archiven zur Verfügung gestellt werden.
Das kann allerdings noch dauern: Die meisten Bundesländer arbeiten derzeit an einer Durchführungsbestimmung, wie diese Abgaben praktisch und technisch ablaufen sollen und für wen sie überhaupt gelten sollen. Doch rückwirkend soll auf jeden Fall nicht gesammelt werden; schon jetzt ist auch klar, dass angesichts der riesigen Menge von digitalen Publikationen, die oft genug nicht von etablierten Verlagen kommen, allenfalls eine kuratierte Auswahl in den digitalen Datenspeicher der staatlichen Archive landen wird. Die hyperlokalen Publikationen aus der Frühzeit der Blogs dürften nicht dazu gehören, wenn sich nicht eine Institution findet, die sich darum kümmert. Sie werden verschwinden, wie Foucaults Gesicht im Sand am Meeresufer.
Tilman Baumgärtel