Aktuell - Kultur © Verlag Der Tagesspiegel 1997

2./3. August 1997

Das Reich ohne Sinne

Netzkunst ist immateriell. Manchmal so sehr, daß man sie kaum mehr findet. Zu Besuch im Allerheiligsten der documenta, dem Medienlabor

VON TILMAN BAUMGÄRTEL

1984 veranstaltete das Centre Pompidou in Paris eine folgenreiche Ausstellung mit dem Titel "Les Immateriaux". Die Schau sollte eine der wichtigsten Konditionen der Gegenwart beleuchten: das Verschwinden der sichtbaren Wirklichkeit in die abstrakten technologischen Räume der Telekommunikation und der Medien. Geschäfte, Unterhaltung, Information, Kommunikation - immer mehr Bereiche des täglichen Lebens verlagern sich in dieses Reich ohne Sinne, wie die Organisatoren schon damals hellsichtig im Katalog betonten: in den Computer, ins Internet oder - noch alltagsnäher für jedermann - in den Geldautomaten in der Schalterhalle der Sparkasse.

Sichtbar bleiben nur die gesichtslosen Kisten, in denen die Technik steckt, die Vorgänge im Inneren sind nicht mehr sinnlich wahrnehmbar. Der postmoderne Philosoph Jean-François Lyotard, der damals an der Konzeption der Ausstellung beteiligt war, prägte für die Prozesse, die unsichtbar in der Technologie stattfinden, aber trotzdem auf das Leben eines jeden einzelnen Auswirkung haben, ein neues Wort: Immaterialien.

Damals wurde die Ausstellung wegen ihrer revolutionären Konzeption in den höchsten Tönen gelobt. In diesem Sommer wird dagegen die documenta kritisiert, weil sie mit einem ähnlichen Programm angetreten ist. Die Abwesenheit des "Körperlichen", des Tafelbilds und der traditionellen Skulptur ist in den ersten Rezensionen der zehnten documenta oft beklagt worden; immer wieder wurde der Ausstellung "fehlende Sinnlichkeit", "Trockenheit", "Abstraktheit" vorgeworfen. Catherine Davids Konzept ist es freilich gerade, nicht das Materielle, sondern das Geistige in der Kunst hervorzuheben und die Diskurse, die die Kunst der Gegenwart prägen, nach Kassel zu bringen.

Teil dieser Konzeption sind Projekte, die weit über das hinausgehen, was bei anderen Kunst-Großaustellungen wie dem Skulpturenprojekt Münster und der Biennale von Venedig üblich ist: Dazu gehören etwa die Veranstaltungsreihe "100 Tage - 100 Gäste" und die documenta-Radiosendungen im Hessischen Rundfunk. Auch die Dauerdiskussion im Medienlabor "Hybrid Workspace" in der Orangerie gehört zu den Strategien, mit denen Catherine David ein diskursives Element in die documenta integrieren will. Eingeladen von dem niederländischen Medientheoretiker Geert Lovinck und dem Berliner Künstler Pit Schultz, treffen sich in Kassel Gruppen von Interessierten aus ganz Europa, um über zehn verschiedene Themen zu diskutieren. Dazu gehören zum Beispiel die Stadtentwicklung in Berlin, die Kunstszene in Osteuropa oder Cyberfeminismus. Die Diskussion wird im Internet fortgeführt (http://www.documenta.de/workspace). Auch viele der künstlerischen Arbeiten, die bei der documenta zu sehen sind, beschäftigen sich mit "Immaterialien". Sie versuchen, soziale Prozesse in Gang zu setzen oder zu dokumentieren. Dazu gehören zum Beispiel Christine Hills "Volksboutique", Marko Peljhans "Makrolab", Carsten Nicolais "NOTO", "multiple autorenschaft" von Christina und Irene Hohenbüchler oder die Kollektivarbeit "La Ciutat de la Gent". Diese Arbeiten sind zum Teil von so fortgeschrittener Immaterialität, daß sie bisher kaum beachtet wurden und auch dem größten Teil der documenta-Besucher nicht auffallen werden.

Ähnliches gilt für die Internet-Arbeiten, die für die documenta entwickelt worden sind. Daß die documenta als erstes Kunst-Großspektakel Arbeiten aus dem jungen Genre der Netzkunst zeigt, ist mutig, aber innerhalb der Konzeption von Catherine David stimmig. Denn die Netz-Kunstwerke bestehen ausschließlich aus digitalisierten Daten, also aus reinen "Immaterialien". Man kann sie als konsequente Fortsetzung der Konzeptkunst betrachten, der die documenta unter anderem durch die Präsentation von Künstlern wie Hans Haacke, Gordon Matta-Clark, Art & Language und Marcel Broodthaers Tribut zollt.

Die "Dematerialisierung des Objekts", die Lucy Lippard an der Conceptual Art hervorgehoben hat, ist bei der künstlerischen Arbeit mit Computer und Computernetzwerken zu ihrem technologischen Ende getrieben. Während es bei den konzeptuellen Arbeiten von Lawrence Weiner, Joseph Kosuth oder Jenny Holzer immer noch physische Träger der Botschaft gibt (sei es nun Papier, Wände oder Platinen mit Leuchtdioden), ist es bei der Arbeit mit Telekommunikation und der "Universalmaschine" Computer nur noch immaterielle, in Bits und Bytes zerlegte Information, mit der operiert wird.

Die Präsentation der Arbeiten in Kassel zeigt allerdings, daß die Ausstellungsmacher mit dem neuen Medium noch ihre Schwierigkeiten haben. Die acht Arbeiten, die zum Teil eigens von "Web-Kurator" Simon Lamunière in Auftrag gegeben wurden, sind alle auf eigenen Monitoren zu besichtigen. Aber jeder Computer erlaubt ausschließlich den Zugang zu einem bestimmten Werk. So wie die Netzkunst-Arbeiten auf der documenta gezeigt werden, könnten sie auch auf der Festplatte des Computers oder auf einer CD-ROM liegen. Das widerspricht freilich der Natur des weltweiten Datennetzes Internet, in dem Daten von Computer zu Computer "reisen".

Die ersten Ausflüge, die Künstler ins Netz gemacht haben, thematisieren gerade die vernetzte Struktur des Internet. Doch in Kassel bekommt man davon keinen Eindruck, im Gegenteil: Die Österreicherin Eva Wohlgemuth und das holländische Künstlerduo Jodi bekamen sogar die Anweisung, "Links" zu anderen Homepages aus ihrer Arbeit zu entfernen, und mußten noch kurz vor der Ausstellungseröffnung ihre Werke umbauen.

"Selbstverständlich kommen die neuen Medien zu Wort", hatte Catherine David vor der Eröffnung der documenta zu Protokoll gegeben, "doch weder als eigene Abteilung im Ghetto noch als messianische Botschaft vom Heilsbringer Elektronik. Internet ist ein Hilfsmittel, nicht mehr. Die Anhänger von ,Technologie über alles' werden enttäuscht sein, ebenso die reinen Puristen." So wie Netzarbeiten bei der documenta gezeigt werden, dürften allerdings auch andere enttäuscht sein: diejenigen nämlich, die noch keine Erfahrung im Umgang mit dem neuen Medium Internet haben. Wer zum ersten Mal einen Browser bedient, wird zu der Internet-Abteilung der Ausstellung keinen Zugang finden. Ursprünglich war zwar geplant, sogenannte "Webscouts" einzustellen, die Netz-Analphabeten beim Surfen im Netz behilflich sein sollten; doch nun liegen lediglich fotokopierte Infoblätter in Aktenfächern neben den Monitoren.

So sieht der Internet-Raum der documenta nicht anders als ein modernes Großraum-Büro aus. Daran ändert auch die Ausstattung nichts, obwohl sie ebenfalls von Künstlern gestaltet wurde: Heimo Zobernig hat die Wände dunkelblau gestrichen (dies ist wohl ein Hinweis auf den documenta-Sponsor "Big Blue" IBM), die Stühle und ein unbequemes Bett stammen von Franz West. Die Präsentation der "immaterialen" Netzkunst stellt Ausstellungskuratoren vor vollkommen neue Probleme. Daß die Präsentation von Netzkunst in Zukunft so aussehen wird wie auf der documenta, darf bezweifelt werden.

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