"Kunst gibt Dir die Lizenz, unverantwortlich zu handeln"

Interview mit Matthew Fuller von der britschen Knstlergruppe I/O/D

TB: Euer Kunstbrowser "WebStalker" hat im Internet Furore gemacht. Kannst Du bitte erkl„ren, wie er sich von "normalen" Browsern unterscheidet?

Fuller: Wenn man in den "WebStalker" eine URL eingibt, beginnt er sofort damit, die Struktur dieser Site zu analysieren. Der WebStalker folgt den Links von einer URL zur n„chsten und w„hrend er sich von Link zu Link durchs Netz bewegt, zeichnet er gleichzeitig eine Karte der Sites, durch die er dabei "wandert". Dadurch entsteht so eine maschendrahtartige Darstellung des Netzes. W„hrend er ununterbrochen Sites kartographiert, kann man anfangen, aus ihnen die Daten zu extrahieren. Zur Zeit kann man auf diese Weise den Text oder den HTML-Quellcode aus einer Site herausziehen, auáerdem die Email-Adressen oder die Links.

Weiterhin gibt es eine Funktion, die "Ignore" heiát, mit der man bestimmte Sites ausschlieáen kann. Wenn man den Stalker viel benutzt, stellt man schnell fest, daá etwa 50 Prozent aller Sites einen Link zu Microsoft haben. Da sieht man, wie durch diese Links Macht verteilt wird. Wir wollten erreichen, daá die Leute das Web sozusagen "live editieren" k”nnen. Netzfilter-Programme wie "Net Nanny" machen ja vollkommen repressiv bestimmte Sites fr Kinder unzug„nglich. Wir wollten etwas einfacheres und flexibleres, das man gegen jede Site einsetzten kann, die man nicht sehen will.

TB: Warum ist es fr einen User notwendig, diese Optionen zu haben? Bieten die gebr„uchlichen kommerzielen Browser nicht genug verschiedene M”glichkeiten, durch das Web zu surfen?

Fuller: Sie bieten eine Menge M”glichkeiten, aber sie regulieren auch, was der User zu sehen bekommt, und - was noch wichtiger ist - sie beeintr„chtigen das Potential, Sachen auf eine andere Art und Weise zu sehen, zu verstehen und zu tun. Sieh Dir zum Beispiel mal eine eine Website mit einer Menge neuer Features wie Frames, Java oder VRML mit einem Browser von 1994 an. Da bist Du mehr oder weniger ausgeschlossen. Die Art Interaktion, die im Netz m”glich ist, wird von der Technologie, die Du benutzt, bestimmt. Andererseits sieht man sich Websites selten so an, wie man sie ansehen soll. Man kann zum Beispiel die Bilder abschalten, oder keine Cookies zulassen. Sowas wollten wir auch mit dem WebStalker erreichen.

TB: Wir ist der WebStalker entstanden? Hat sich die Ursprungsidee ver„ndert, w„hrend Ihr daran gearbeitet habt, oder sollte er genauso funktionieren, wie er jetzt aussieht?

Fuller: Er war nicht als ein "Endprodukt" gedacht. Wir wollten die Methoden, die wir in den vorangegangenen Ausgaben von I/O/D entwickelt hatten, auf ein Webnutzungs-Programm anwenden. Wir haben 10 Monate an dem Projekt gearbeitet. Dabei haben wir viel recherchiert und immer wieder daran herumgebastelt und Sachen ver„ndert. Da es zeitliche und finanzielle Restriktionen gab, war es wichtig zu wissen, an welcher Stelle man aufh”rt, und zu sich selbst sagt: "Stop! Jetzt ist's genug!" Denn sonst geht die Arbeit an so einem Projekt ewig weiter.

TB: Eins Eurer frheren Projekte war ein Computer-Interface, das mit Kl„ngen funktionierte. Der User muáte sich nach seinem Geh”r durch das Programm navigieren statt aufgrund von visuellen Signalen. Diese Methode ist der des WebStalkers sehr „hnlich, da es der Art und Weise wie sowas "normalerweise funktioniert" widerspricht. Wieso habt ihre eine Alternative zu den blichen Graphical User Interface (GUI) gesucht? Die meisten Leute kommen doch gut mit ihnen klar, oder?

Fuller: Ja, aber das liegt daran, daá User von der Software, mit der sie arbeiten, "normalisiert" worden sind. Es gibt eben auch andere M”glichkeiten mit Software zu arbeiten, die durch die Vorherrschaft der Windows-Metapher, die Page-Metapher und andere Arten, den Computer benutzbar zu machen, nicht bercksichtigt werden. Wir glauben, daá das GUI unter einem konzeptuellen "Millenium Bug" leidet.

TB: Ist die Architektur Eures Browsers vollkommen anders als bei anderen Browsern, oder sind diese besonderen Features bei Netscape oder dem Microsoft Explorer nur versteckt?

Fuller: Einige Funktionen wie "View text" oder "View HTML code" gibt es natrlich auch bei normalen Browsers. Wir wollten ein Stck Software produzieren, daá das Netz mit seinem spezifischen Eigenschaften ernst nimmt - als Netzwerk, nicht als Buch. Natrlich wird diese Buchmetapher jetzt auch von Sachen wie RealAudio und anderen Datentypen unterminiert. Wir finden, daá es wichtig ist, daá man das Netz mit seinem Datenfluá und seiner Dynamik ernst nimmt.

TB: Warum ist das wichtig? Ist das eine Art "Aufkl„rung"?

Fuller: Nein, ich glaube, daá der WebStalker das Potential des Netzes besser ausnutzt. Normale Browser zeigen eine Website als eine bestimmte Datenmenge an. Wir zeigen, daá das Web und die Zahl der Daten im Netz potentiell unendlich ist. Normale Browser beschr„nken diese Daten, darum sind sie einfacher zu benutzten.

TB: Ist da nicht auch eine gewissen knstlerische Hybris in diesem Projekt: den Leute zeigen, was unter der Oberfl„che steckt, wie das Netz "wirklich" ist, das "Ding an sich"...

Fuller: Wir haben immer gesagt, daá der WebStalker nur eine Art und Weise ist, das Netz zu benutzten. Er ist nicht ist *das* authentische Ding, sondern nur eine bestimmte Sichtweise. Was uns wichtig ist, ist, daá solche Arbeiten potentielle Alternativen dazu aufzeigen, wie man normalerweise das Netz benutzt.

TB: Mir kommt dieses Projekt ein wenig nostalgisch vor. So wie diese Internet-Oldtimer, die sich darber beklagen, daá das Internet kein ausschlieálich Text-basiertes Medium mehr ist, sondern daá die Leute im Netz jetzt nur noch auf kleine Bildchen klicken...

Fuller: Diese "text-only"-Interpretation miáversteht, was wir mit unserem Projekt eigentlich erreichen wollen. Die Idee beim WebStalker ist, das technisch-„sthetische Monopol von Netscape und Microsoft offen zu legen. Wir nennen das "spekulative Software". Wir hoffen, den Leuten damit zeigen zu k”nnen, daá das Netz ein Ort fr Neu-Sch”pfungen im weitesten Sinne ist. Es geht nicht darum, daá Internet auf Text zu reduzieren.

Man darf nicht vergessen, daá es sich um ein Kunstwerk handelt, nicht um eine kommerzielle Software. Wir wissen, daá der WebStalker Bilder zeigen k”nnte, wenn wir noch ein, zwei Monate daran arbeiten wrden. Wir hatten eine ganze Liste von Features, die wir noch hinzufgen wollten, aber an einem bestimmten Punkt muáten wir einfach damit aufh”ren, weil wir kein Geld mehr hatten und weil wir an anderen Sachen arbeiten wollten.

TB: Aber man k”nnte eine verbesserte Version 2.0 machen, wenn man weiter daran arbeiten wrde?

Fuller: Wenn wir das ganze in Java entwickeln k”nnten, vielleicht mit ein paar anderen Leuten daran arbeiten k”nnten, und es einigermaáen vernnftig finanziert w„re, oder wenn wir es als Open Source Programm produzieren k”nnten, k”nnte man noch einige weitere Features einfgen. Wir haben noch einige Ideen in petto, wenn sich eine M”glichkeit ergeben sollte, weiter an dem Projekt zu arbeiten.

TB: Du hast gerade gesagt, daá der WebStalker ein Kunstprojekt ist. Als ich auf Eure Website geguckt habe, habe ich drei verschiedene Pressemitteilungen gefunden. Eine richtet sich an die Kunstszene, eine an die Designszene und eine an Netzaktivisten. Was ist der WebStalker denn jetzt? Kunst, Design oder Politik?

Fuller: Das bewegt sich auf mehreren verschiedenen Ebenen. Kunst gibt Dir die Lizenz, unverantwortlich zu handeln. Wir sind eben bloá Knstler, kein Software-Designer. Andererseits funktioniert der WebStalker als Software, und ich nehme an, daá viele Leute, die das Ding benutzten, gar nicht wissen, daá es ein Kunstprojekt ist. Wir sehen das nicht als Anti-Kunst, sondern eher als Nicht-Bloá-Kunst. Es funktioniert im Kunstkontext, aber dieser Aspekt kann auch vollkommen ignoriert werden. Das destabilisiert natrlich auch die Position der Kunst. Die politischen und „sthetischen Restriktionen, die auf allem lasten, was als "Kunst" firmiert, muá man natrlich auch untergraben.

TB: Was k”nnte denn jemand mit dem WebStalker anfangen, der das Internet etwa aus gesch„ftlichen Grnden benutzt?

Fuller: Wir haben schon von Leuten geh”rt, die ihn dazu benutzt haben, um ihre eigenen Sites zu analysieren. Forscher benutzten ihn, um einen besseren šberblick ber das Web und die dort zur Verfgung stehenden Resourcen zu bekommen. Leute, die wirklich nur die harten Informationen wollen, k”nnen mit dem Stalker besonders viel anfangen - ganz egal, ob sie das jetzt aus "legitimen" Grnden tun, oder ob zum Beispiel sie schnellen Zugang zu Pornographie wollen.

TB: Wieso?

Fuller: Weil der "WebStalker" unter das Design der Seiten geht und die Struktur einer Site zeigt. Dadurch hat man frher einen direkten Zugriff auf eine Datei. Anscheinend, und sehr zu userem Miáfallen, benutzt zum Beispiel die U.S. Navy den WebStalker. Leute in den seltsamsten Institutionen benutzen das Programm, weil sie riesigen Datenmengen zu verwalten haben.

TB: Du hast in dem Online-Magazine "Telepolis" ein Essay ber den amerikanischen Konzeptknstler Gordon Matta-Clark ver”ffentlicht. Matta-Clark hat in den 70er Jahren H„user zers„gt und auseinandergenommen, um ihre Struktur zu zeigen, was ja der Methode des WebStalkers nicht un„hnlich ist. Seht Ihr Euch in dieser Tradition?

Fuller: Ich denke, daá seine und unsere Arbeit „hnliche Themen haben und daá wir auf gewisse Weise von ihm gelernt haben. Seine Herangehensweise an die Architektur kann ein gutes Vorbild fr Knstler sein, die heute mit dem Netz arbeiten, sein, weil er sich einer materialistischen Methode bedient hat. Wenn sich Knstler st„rker mit den tats„chlichen technischen und „sthetischen Paradigmen des Netzes besch„ftigen wrden statt mit Virtualit„t und Repr„sentation, k„men dabei viel bessere Kunstwerke heraus.

TB: Mir gef„llt der "Look" des Webstalkers. Obwohl sein Design so einfach wie m”glich ist, sieht er sehr slick und modernistisch aus. Es erinnert ein biáchen an die monochromen Gem„lde der klassischen Avantgarde...

Fuller: Naja, so ein Interface braucht eben am wenigsten Speicherplatz.

TB: Aber es hat auch einen materiellen Aspekt. Die Farben kommen mir nicht so willkrlich gew„hlt vor. Das Ganze k”nnte auch nur weiá sein, aber eine der m”glichen Farben ist dieses milit„rische Olive...

Fuller: Als wir am "WebStalker" gearbeitet haben, sind wir in eine Menge Boutiquen gegangen, um zu sehen, welche Farben gerade angesagt waren. Wenn Du Dir die Modezeitungen von Ende 1997 ansiehst, wirst Du schnell verstehen, wie wir auf diese Farben gekommen sind (lacht)...

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